Thomas Daniel Schlee präsentiert kompositorische Meisterwerke (3/3). Gestaltung: Peter Kislinger
Ö1 Kunstsonntag: Zeit-Ton extended Thomas Daniel Schlee präsentiert kompositorische Meisterwerke (2). Gestaltung: Peter Kislinger | 18. März 2018, 22:08
https://oe1.orf.at/programm/20180121/501357/Schlees-musikalische-Kostbarkeiten-2
Thomas Daniel Schlee, der Komponist und Organist, erzählte in dieser dritten Zeit-Ton Extended-Folge über die Musik von Joseph Canteloube, Charles Torunemire seinen Begegnungen mit Gottfried von Einem, Arvo Pärt und Peter Maxwell Davies bzw. was ihn an deren Persönlichkeiten und Musik beeindruckt hat.
Am Ende dieses dritten Teils richtete sich Thomas Daniel Schlees Blick in die Gegenwart und die Zukunft: "Was für ein trunkenes Vergnügen vor dem leeren Blatt zu sitzen!"
Sigtune: Ö1 Kunstsonntag: Zeit-Ton extended
Thomas Daniel Schlee [TDS] Es wäre das alte Lacrimae, es wären die Tränen, und zwar über die Unwiederbringlichkeit einer Welt, der ich mich so nahe gefühlt habe und die mit den anwachsenden Jahren der Distanz in eine tatsächlich unerreichbare und in letzter Konsequenz irgendwann einmal auch nicht mehr beschreibbare Ferne rückt.
Peter Kislinger [PK] Thomas Daniel Schlee auf meine Frage, unter welches Motto denn er die Sendung stellen würde. Im dritten und vorerst letzten Teil seiner so wehmütigen wie ironisch kritischen und kenntnisreichen Kommentare zur zeitgenössischen Musik, beziehungsweise dem Musikbetrieb, erinnert der Komponist und Organist an einige seiner „Hausgötter“, wie er sagt, beziehungsweise an Freundschaften mit Komponisten, die er von seinem Vater Alfred Schlee, dem langjährigen Leiter der Universal Edition Wien ererbt, aber auch selbst erworben hat.
Über seine Lehrer Olivier Messiaen, Jean Langlais und Francis Burt und deren Musik hat Thomas Daniel Schlee schon in den ersten beiden Teilen erzählt.
Joseph Canteloube
TDS Es gibt das Paris meiner Lehrer, aber es gibt das Paris, das in der Generation vorher noch angesiedelt ist und dieser Generation vor meinen Lehrern hat mich in zunehmendem Maße fasziniert, weil es bietet den Schlüssel zu all den Möglichkeiten, die sich in der französischen Musik erschlossen haben und denen ich mich so nahe fühle.
Der Ursprung meiner Begeisterung für Joseph Canteloube[1] liegt allerdings beim geliebten Ö1, nämlich in einer Pasticcio-Sendung vor etlichen Jahrzehnten, als ich aus dem Dämmerschlaf aufwachte und plötzlich eine berückend, betörend schöne Musik gehört habe, um nachher zu erfahren, dass es der mir bis dahin vollkommen unbekannte Joseph Canteloube gewesen ist, der der Komponist war.
Und das fiel auch in eine Zeit, in der ich etwas begriffen habe, dass es nämlich ein Fehler war in der intellektuellen Atmosphäre, in der ich sehr dankbar dafür bin, aufgewachsen zu sein, wo man sich über alles, was mit Volksmusik, traditioneller Musik, also ich rede hier von echter Volksmusik, in Verbindung stand, eigentlich lustig gemacht hat und das als eine minderwertige Erscheinung der Tonkunst oder auch der Textschreiberei betrachtet hat. Ich habe im Laufe der Zeit begriffen, dass es in diesen Werken, nicht nur von Canteloube, sondern von einer ganzen Reihe von bedeutenden Komponisten, auch bis Benjamin Britten und anderen, um die Beschäftigung mit den elementaren Daseinssituationen des Menschen in jeder Zivilisation geht. Und dass diese in einer Art Kondensat in diesen herrlichen Melodien und in diesen wenigen Worten oft dargestellt sind.
Eines der schönsten Kondensate ist das Au pont de Mirabel aus den berühmten Chants d'Auvergne von Canteloube, wo nicht nur eine ganz herzergreifende Geschichte in ganz wenigen Worten zusammengefasst wird. Natürlich geht es um Liebe, natürlich geht es um Verlust, natürlich geht es um Tod, aber es erblüht hier eine Landschaft in den Klängen. Und das ist eine Kunst der magischen Verwandlung einer so schlichten Melodie in eine prachtvolle Klanglandschaft.
Man muss es hören, um es zu verstehen. Ich will aber noch eines hinzufügen. Ich bin vor einigen Jahren durch das zentrale Frankreich mit dem Zug gefahren und sah auf eine Landschaft und habe mir gesagt: und das ist die Landschaft von Canteloube. Und warum? Weil in dieser Landschaft noch alles an seinem Platz ist.
Joseph Canteloube (1879-1957) | Album: CHANTS D'AUVERGNE, Vol. II | Jou l'pount d'o Mirabel (Au pont de Mirabel / Bei der Brücke von Mirabel / Bei der Brücke von Mirabel wusch Catherine die Wäsche) |Frederica von Stade /Mezzosopran | Royal Philharmonic Orchestra | Dirigent Antonio de Almeida | newton 8802174 (2 CD) (04:29 min)
PK Für diesen Zeit-Ton Extended hat uns Thomas Daniel Schlee die Musik zusammengestellt. Zuletzt: vom 1957 verstorbenen Joseph Canteloube Au pont de Mirabel aus den Chants d´Auvergne.
TDS Ja, es ist für mich diese zauberhafte Landschaft, die da gemalt wird in Klängen von einem Komponisten, der zufälligerweise in dem Jahr gestorben ist, in dem ich geboren wurde, und dem ich vielleicht einen winzigen Teil seines Erbes vielleicht auch fortführen darf. Es ist für mich die beste, die poetischste, Aufnahme mit der unvergessenen Frederica von Stade und mit Antonio de Almeida, den ich gut gekannt habe, Ganz feiner Mann, ein unendlich gebildeter Mann mit einer musikalischen Bibliothek, die sich über mehrere Räume erstreckt hat in seinem Haus in Saint-Rémy-de-Provence und der so viel Gutes gemacht hat. Almeida hat die Gesamtheit der Symphonien von Charles Tournemire aufgenommen. Das war ein Mann, der wirklich die Musikgeschichte unterstützt hat und lebendig erhalten hat.
Charles Tournemire
PK Tournemire … Sein Schüler Olivier Messiaen hat ja mal gesagt: Un jour on rendera justice à Tournemire.
TDS Ja …
PK Wir warten darauf, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt, und auf diesen Tag warten wir noch?
TDS Ja. Vielleicht kann ein Publikum, das nicht organistisch gebildet ist, gar nicht ermessen, wie bedeutend mir diese Gestalt erscheint. Ich habe den Namen Tournemire erstmals durch Messiaen kennengelernt, der von ihm als einer der größten Figuren der Orgelliteratur gesprochen hat, und dann passierte diese Entdeckung. Dann kam ich nach Paris, habe bei Jean Langlais Orgel zu studieren begonnen. Und er war ja selbst Schüler von Tournemire und sein Nachfolger gewesen an Sainte-Clotilde in Paris. Und dann habe ich diese Musik, die sich mit nichts vergleichen lässt …
Tournemire war zwar ein Schüler von Franck, aber war ein absolut genialer Mann. Er hat ein paar Opern … im Übrigen die letzte Oper ist eine Oper über Franz von Assisi. Und ich habe in den 80er Jahren Gérard Mortier auf Knien gebeten, er möge doch zumindest, wenn er Messiaen, Saint François [d'Assise] macht, konzertant ein paar Bilder von Tournemire aufführen. Das ist natürlich nicht zustande gekommen. Wir gehören noch jener Organistengeneration an, die sich eingesetzt hat dafür, dass die einzigartige Orgelmusik von Tournemire Eingang in den Kanon des Orgelrepertoires findet. Das haben wir erreicht. Was wir nicht erreicht haben, ist seine unglaubliche Klaviermusik, seine Kammermusik und die großen Symphonien.
PK Acht Symphonien!
TDS Natürlich! Die letzten sind unbeschreiblich. Die sind sogar mit Mahler zu vergleichen in der Konzeption, in der Originalität der Klangsprache.
Und ich hatte sehr engen Kontakt mit der Witwe von Tournemire. Das war Tournemires zweite Gattin und sie hat ihn über 50 Jahre überlebt und ganz ärmlich in Paris gewohnt. Nach jedem Besuch bin ich mit einem kostbaren Stück nach Hause gegangen. Ein Manuskript, ein Brief und zuletzt sogar der Komponier-Tisch von Tournemire, der jetzt in Wien in meinem Musikzimmer steht. Die Feder und eine ganze Oper, ein Manuskript, die ich haben durfte. Und ich habe einige der Werke von Tournemire auch erstmals ediert.
Vielleicht das originellste Stück sind die Études de Jacque jour, op. 70, die Tournemire Ende der 30er Jahre, also gegen Ende seines Lebens, komponiert hat. Und wo ich gedacht habe, die Pianisten wie Pollini zum Beispiel würden sich darauf stürzen, weil das wesentlich auf den modernsten Werken von Debussy beruht und Messiaen vorwegnimmt. Nichts ist geschehen. Aber es gibt eine sehr schöne Aufnahme von diesen Études De Jacque Jour, also Etüden für jeden Tag der Woche. Und die Nummer 4, Magie, gespielt von Georges Delvallé, wollen wir jetzt anhören.
Charles Tournemire (1870–1939) | Magie | Nr. 4 aus den Études De Chaque Jour op. 70 | Georges Delvallé, Klavier | Accord 465 806-2 (01:30 min)
PK Aus dem Département Gironde des Charles Tournemire und aus der Auvergne des Joseph Canteloup leitet uns Thomas Daniel Schlee nun ins österreichische Waldviertel.
Gottfried von Einem
TDS Ja, ins Waldviertel, aber doch in ein sehr weltgewandtes Waldviertel, nämlich zu Gottfried von Einem. Auch er gehört zu meinen Hausgöttern, auch er gehört zu diesen Gestalten, die mir furchtbar abgehen. Und wo ich bedauere, dass Österreich sie nicht mehr hat unter den Lebenden, weil es nach seinem Tod keine Stimme eines Komponisten, eines klassischen Komponisten, mehr gibt, die in der Öffentlichkeit so wirksam sein kann.
Es gibt naturgemäß nachrückende bedeutende Komponisten, aber das Ansehen einer Persönlichkeit in öffentlichen Fragen und somit die Sicht auf unseren Stand als klassischer Musiker und als Komponisten ist nach ihm nicht mehr nachgerückt. Und ich habe ihn sehr gemocht für seine geistvolle Art. Ich habe ihn sehr bewundert, auch im Gegensatz zu meinem Vater, für seine späte Kammermusik, die ich hochinteressant finde.
Die ist ganz, ganz aufregend in ihrer formalen Zerklüftung. Und natürlich mit zunehmendem Alter werde ich auch immer sensibler, was seinen Umgang mit den Möglichkeiten des tonalen Tonsatzes betrifft. Und die sehr von oben herab betrachtete Kantate, die er für Kurt Waldheim in der UNO komponiert hat, horriblile dictum, die diesen herrlichen Text von Hölderlin vertont: Geh unter, schöne Sonne, das ist eine der schönsten Eingebungen von Gottfried von Einem. Und ich wollte unbedingt, da wir nun auch eingetreten sind in das Jahr, wo wir den 100. Geburtstag von Gottfried von Einem begehen werden, dass wir dieses schöne Stück Musik hören.
Gottfried von Einem (1918–1996) | Text: Friedrich Hölderlin (1770–1843) | Geh unter, schöne Sonne: Adagio – 3.Satz aus AN DIE NACHGEBORENEN op.42 – Kantate für Mezzosopran, Bariton, gemischten Chor und Orchester | Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton | Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien | Choreinstudierung: Helmuth Froschauer | Wiener Symphoniker | Carlo Maria Giulini | DG 4374852 (03:35 min)
TDS Das war Geh unter, schöne Sonne aus der Kantate an die Nachgeborenen von Gottfried von Einem in einer herrlichen Besetzung: Dietrich Fischer-Dieskau, die Wiener Symphoniker unter Carlo Maria Giulini.
KIS Das war ein Auftragswerk der UNO, und der damalige UNO-Generalsekretär war Dr. Kurt Waldheim.
TDS Und eben auch noch aus einer Zeit, wo es durchaus möglich war, eine bestimmte Form des literarischen Kanons als einen Anspruch an die ganze Welt in der UNO zu präsentieren. Aber es ist eben auch eine Zeit, ja und ich muss gestehen, ich bin ein wenig melancholisch, eine gute Zeit, eine wichtige Zeit auch für unser Verständnis vom Anspruch von Kunst und auch dafür möge das gehörte Stück von einem stehen.
Arvo Pärt
TDS Und dann kommen wir zu einer ganz anderen Person, die nur oberflächlich der Mahnung eines entspricht, dass man doch das Tonale im Tonsatz nicht vollkommen vernachlässigen möge.
Denn das ist ein Tonales,das aus einer ganz anderen Welt kommt, die eigentlich all die Entwicklungen überspringt oder zur Seite lässt. Und auch dies ist ein wunderbares Erbe, ich darf es wieder sagen, meines Vaters, denn mein Vater ist geführt von Alfred Schnittke in den 70er Jahren im Zuge einer Reise in die Sowjetunion nach Estland gekommen und hat dort einen ganz eigenartigen Mann, der ausgeschaut hat wie ein orthodoxer Mönch, kennengelernt und eine Musik, die vollkommen anders gewesen ist als alles, was es damals im Westen an neuer Musik gab und vor allem, die ganz anders gewesen ist als die Musik, die mein Vater seit 1945 gefördert und mit all seinen Kräften unterstützt hat.
Aber die vollkommene Ehrlichkeit und die vollkommene Reinheit von Pärts Musik und auch vom Menschen Arvo Pärt hat meinen Vater so beeindruckt, dass er – und übrigens zusammen mit Gottfried von Einem – Pärt nach Österreich gebracht hat, die Ausreisegenehmigung erreicht hat, und Pärt hat ja dann kurz in Wien gelebt, bevor er weiter nach Berlin gezogen ist. Und der kleine Ausschnitt, den ich vorstelle – denn Pärt wird so viel aufgeführt, wir wollen uns mit einem kleinen Ausschnitt begnügen – ist auch einem Werk entnommen, das wiederum mit meinem kleinen Leben einen Zusammenhang hat, nämlich die berühmte Berliner Messe. War ein Auftragswerk der Guardini Stiftung in Berlin, eine wunderbare Stiftung, die Kunst, Religion und Wissenschaft in sehr schönen Projekten zu vereinen sucht und deren Präsident ich ein paar Jahre gewesen bin.
Und aus dieser Berliner Messe wollen wir das Agnus Dei hören.
Arvo Pärt (geb.1935) Agnus Dei aus: BERLINER MESSE für Sänger und Orgel | Album: ARVO PÄRT: I AM THE TRUE VINE Chor: Theatre of Voices | Christopher Bowers Broadbent , Orgel | Leitung: Paul Hillier | harmonia mundi usa HMU 907242 (02:22 min.)
PK Arvo Pärt: Agnus Dei aus der Berliner Messe, Theatre Voices, Leitung Paul Hillier, Christopher Bowers Broadband an der Orgel.
Peter Maxwell Davies
Peter Maxwell Davies: ein 327 Werke umfassendes Oeuvre, da finden sich Ballette, musikdramatische Arbeiten, Opern, Instrumentalkonzerte, aber auch die sogenannten Naxos Quartets, die Naxos Quartette, die er im Auftrag des CD-Labels Naxos schrieb.
TDS Peter Maxwell Davies ist nun eine jener Persönlichkeiten, die ich sehr gemocht habe, sehr verehrt habe und die weder mit meiner Liebe zu Frankreich, noch mit dem großen Erbe meines Vaters, noch mit irgendwelchen anderen Strängen meiner Ausbildung oder Herkunft zu tun hat, sondern die ich mir erobert habe in den Jahren meiner beruflichen Tätigkeit. Peter Maxwell Davies war als Person von einem unentrinnbaren Charme. Ich habe mit ihm am Brucknerhaus in Linz ein großes Projekt gemacht und dann beim Carinthischen Sommer.
Er war fabelhaft gebildet in allen Bereichen der Künste. Es gab eine Geschichte, da fand ich, dass das Schicksal sozusagen mir auf die Brust gezeigt hat. Er hat mir einmal erzählt, in dem Jahr, in dem in Paris die Computer angeworfen wurden im IRCAM, 1977, und alle gesagt haben, dass wir jetzt die Zukunft der Musik erleben, musste – weil auf den Orkneys, wo Peter Maxwell Davies seit einigen Jahren lebte, in vollkommener Einsamkeit, ausgesetzt in den Rundbilden der Stürme und des Wetters überhaupt, der Strom ausgefallen war – … und seine damalige Managerin musste ihm mit dem Hubschrauber Kerzen abwerfen lassen, damit er ein großes Stück, das er dringend fertig zu schreiben hatte, vollenden kann. Ja, nur das war das Jahr, in dem ich in Paris war.
Ich war dabei, als das IRCAM eröffnet wurde. Ich habe alle diese Festivitäten und selber im Taumel der Zukunftserwartung erlebt und dass dann Jahrzehnte später mir eine Figur wie Peter Maxwell Davies ohne viel Ironie diese Sache erzählt, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Und es gibt sehr viel Unterschiedliches in der Musik von Peter Maxwell Davies, aber ich bewundere rückhaltlos jene Komponisten, die elementar schreiben, die in jeder Situation ihres Daseins schreiben, die einen spüren lassen, dass das das Zentrum ihres Lebens ist und die dafür nicht irgendwelche Hilfsmittel benötigen.
Und wir haben in den beiden Sendungen zuvor zumindest drei Personen, die diese bewunderte Gattung von Komponisten darstellen, gehört. Das ist Milhaud, der sein ganzes Leben unaufhörlich geschrieben hat. Es hat ihn nicht interessiert, ob das jetzt ein Meisterwerk oder ein Gelegenheitswerk ist und so weiter. Malipiero hat dazu gehört und eben Peter Maxwell Davies.
PK Und dann der Vorwurf an Milhaud zum Beispiel und auch andere: Vielschreiber!
TDS Ja, natürlich! Ja … natürlich! Aber es ist doch besser, man schreibt ein paar Werke zu viel, als es kommt und kommt das Meisterwerk nicht – und das soll passieren!
Nachdem Peter Maxwell Davies meinen ersten Carinthischen Sommer in fulminanter Weise gebunden hat, denn ich war da neu und von vielen mit scheelem Blick beobachtet. Und dann kam der gerade gekürte Master of the Queen's Music und hat alle verzaubert und alle um den Finger gewickelt.
Und daraus entstand dann wirklich noch einmal eine andere Ebene unserer musikalischen Freundschaft. Und er hat sich bedankt mit der Widmung des 5. Naxos-Streichquartettes an mich und auch da wiederum etwas verborgen, was ich so großartig finde.
Er hat oft eine poetische Idee als Auslöser verwendet und in diesem Fall sind es, das wusste ich gar nicht, die verschiedenen rhythmischen Abfolgen von Lichtzeichen, woran die Seeleute die Leuchttürme der Gegend erkennen. Und er hat die rhythmischen Abfolgen von verschiedenen Leuchttürmen auf den Orkneys, wo er gelebt hat, und den Shetlands in diesem Streichquartett, aus dem wir auch nur einen Ausschnitt hören können, komponiert.
Sir Peter Maxwell Davies (1934–2016) Naxos Quartet Nr.5 – Lighthouses of Orkneys and Shetland (Thomas Daniel Schlee gewidmet), 2. Satz: Lento | Maggini Quartet | Naxos 8.557398 | (04:05 min.)
PK Vom 2016 verstorbenen Peter Maxwell Davies: der Schluss des 2. Satzes aus dem 5. Naxos-Streichquartett mit dem Titel Lighthouses of Orkneys and Shetland. Gespielt hat das Maggini Quartet.
Bei vielen der Komponisten, die Sie [in den zwei vorangegangen Sendungen] vorgestellt haben [Darius Milhaud, Gian Francesco Malipiero, Theodor Berger, Jean Langlais, Francis Burt, Karlheinz Füssl, Vlastimir Trajkovic] fragt man sich: Großartige Werke, die sogar auf CD vorhanden sind. Aber wie gelingt es, diese Werke einer jüngeren oder einer mittleren Dirigentengeneration nahezubringen, sodass sie auch im Konzertsaal zu hören sind? Welche Möglichkeiten sehen Sie
TDS Da man jetzt alle Veranstalterposten besetzt mit Leuten, die Betriebswirtschaft gemacht haben, wer soll denn den Dirigenten, die in einer wahnsinnigen Mühle sind, einen Vorwurf machen? Manfred Honeck hat ein Stück, das er von mir in Bamberg, ein kleines Stück, zur Urführung gebracht hat [„BIS“ – eine Auftragskomposition], sich vor der Probe durchgeschaut. Der ist einfach so rein…
Mein Gott, ich habe 30 Jahre lang in diversen Funktionen in der Provinz versucht, für dieses weite Repertoire einzutreten, indem ich die Interpreten für die Stücke interessiert habe, sie manchmal sanft dazu gezwungen habe, wenn mir die Möglichkeiten in die Hand gegeben gewesen sind.
Die, die mitten im Getriebe stecken, haben möglicherweise gar nicht die Zeit, aus dieser Fülle an herrlichen und bekannten Werken sich etwas zu erlesen. Aber es fehlt halt immer mehr an sprachlichem Gegenüber. Bei den Veranstaltern, die ein bisschen Repertoire-Kenntnisse haben, und ich habe eine Erfahrung gemacht, ich will jetzt nicht den missmutigen Alten geben, aber ich habe mir manchmal gedacht, wann kommt jemand, der eine kleine Arbeit an der Universität schreibt über die Programme, die es zu meiner Zeit am Bruckner Haus gegeben hat, oder beim Beethovenfest in Bonn, oder beim Carinthischen Sommer, weil man fände ganz still und verborgen so vieles an aussagekräftigem, was alles gespielt wurde, was man sonst wirklich nirgendwo hört. Man muss dranbleiben, man darf die Hoffnung nicht aufgeben und das, was uns zu Hilfe eilt, ist eine der herrlichen Eigenschaften der Musik und anderer Kunst auch, sie wird nicht alt. Das heißt, sie wird nicht schlecht.
Es muss nur das Glück sein, dass einmal jemand kommt und sagt, ah, wie schön.
PK Thomas Daniel Schlee, für das Finale dieser Zeitton Extended-Trilogie wollte ich eine Komposition von Ihnen. Ausgesucht haben Sie Aurora und auch dieses Werk hat, wie auch heute wieder von Ihnen angesprochen, indirekt mit Ihrem Vater zu tun, Alfred Schlee, dem Leiter des Musikverlags Universal Edition von 1947 bis 1985.
TDS Aurora ist mittlerweile schon ein Stück fast meiner Jugend, aber auch hier ist noch ein Hinweis auf die Verbindungen zu meinem Vater und zu manchen wunderschönen Dingen, die ich ererbt habe, ererben durfte. Und zwar ist das ein Werk, das ich für die Camerata Salzburg komponiert hatte, als sie noch unter der Leitung des wunderbaren Sándor Végh stand. 1946 bat Sándor Végh meinen Vater, ihm das Geld zu borgen, das er benötigte, um mit seinem Quartett zum Quartettwettbewerb nach Genf zu fahren.
Und Sie können sich denken, dass 1946 auch die Universal Edition in Wien das Geld nicht locker hatte. Mein Vater hat dem Végh das Geld vorgeschossen und die spätere Karriere des Végh-Quartettes ist Musikgeschichte. Und ich, glücklicher Sohn, durfte die Dankbarkeit und die Freundlichkeit, die Freundschaft vom Végh erben.
Wir haben so viele schöne Dinge musiziert am Brucknerhaus. Er hat extra Hindemith-Kammermusiken einstudiert, weil ich das unbedingt haben wollte von ihm in einem Brucknerfest-Programm. Und als die Frage kam, ein Stück für ihn und für die Camerata zu machen, habe ich mir gedacht, dann will ich die Intensität der Klänge, die er bei den großen klassischen Werken erreichte, sozusagen in meiner musikalischen Sprache neu formulieren. Und das steht hinter dieser Aurora.
Album: THOMAS DANIEL SCHLEE AURORA Musik zwischen Nacht und Tag |
Aurora op. 32 (1992/93) – für Orchester Quasi tempo primo (più pesante) (att.) (00:03:07) | Vivo, giubilando – Tempo primo (00:03:17) |RSO Warschau | Wojciech Rajski 06:24 min | Extraplatte EX SP 0202
PK Thomas Daniel Schlee: Aurora, opus 32. Wir hörten den 2. Abschnitt und den Schluss-Abschnitt. Das Radiosinfonieorchester Warschau unter der Leitung von Wojciech Rajski. Sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt. Tränen sind in allen Dingen und alles, was dem Tode geweiht ist, berührt unser Herz, heißt es in der Aeneis [1, 462] des Vergilius.[2]
Am 26. Oktober 2017 haben Sie, wie man so sagt, Ihr 60. Lebensjahr vollendet. Thomas Daniel Schlee, hat sich da was vollendet?
TDS Nein, gar nichts ist vollendet. Ich hoffe, dass Zeit bleibt, um noch ein paar Jahre weiterhin nicht vollendet zu sein. Denn da muss ich schon sagen, das ist ein Geschenk, dessen Tragweite ich langsam begriffen habe, wie schön das ist für uns schöpferische Künstler, dass wir immer etwas vor uns haben. Und ich denke oft, wenn ich am Abend sitze, an den Ausspruch von dem lieben Jean Françaix Jean, der gesagt hat: Was für ein trunkenes Vergnügen, vor dem leeren Blatt zu sitzen.
[1] Eigentlich Marie-Joseph Canteloube de Malaret, kurz Joseph Canteloube ((1879–1957)
[2] [Originalzitat im Kontext und alternative Übersetzungen einfügen.] / Die Dinge haben ihre Tränen. (?) / 459 Constitit, et lacrimans, Quis iam locus inquit Achate, 460 quae regio in terris nostri non plena laboris? 461 En Priamus! Sunt hic etiam sua praemia laudi; 462 sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt. 463 Solve metus; feret haec aliquam tibi fama salutem.
Er blieb stehen und unter Tränen sagte er: „Welcher Ort, Achates, welche Gegend auf Erden ist jetzt nicht voll von unserer Mühsal? Sieh da, Priamus! Auch hier hat das Lob seinen Lohn; es gibt Tränen für das Geschehene [?] / Es gibt Tränen in den Dingen [?], und Sterbliches rührt den Sinn. Banne die Furcht; dieser Ruf wird dir irgendeine Rettung bringen!“ [https://latein.cc/uebersetzungen/vergil-aeneis-1/abschnitt-28/]