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Thomas Daniel Schlee präsentiert kompositorische Meisterwerke (2/3). Gestaltung: Peter Kislinger

Schlees musikalische Kostbarkeiten (2/3)
Ö1 Kunstsonntag: Zeit-Ton extended | Thomas Daniel Schlee präsentiert kompositorische Meisterwerke (2). 21. Jänner 2018, 22:08 | Präsentation und Gestaltung: Peter Kislinger
Thomas Daniel Schlee spricht über Olivier Messiaen, Francis Burt, George Benjamin und Vlastimir Trajković

Sigtune / Tagessprecher: Ö1 Kunstsonntag Zeitton Extended

Thomas Daniel Schlee [TDS] Es wäre das alte Lachrimae, es wären die Tränen, und zwar über die Unwiederbringlichkeit einer Welt, der ich mich so nahe gefühlt habe und die mit den anwachsenden Jahren der Distanz in eine tatsächlich unerreichbare und in letzter Konsequenz irgendwann einmal auch nicht mehr beschreibbare Ferne rückt.

Peter Kislinger [PK] Thomas Daniel Schlee auf meine Frage, welchen Titel denn er seinen Betrachtungen zu ihm wichtigen Komponisten und ihrer Musik geben würde. Der Komponist und Organist hat am 26. Oktober 2017 sein 60.Lebensjahr vollendet. Bevor diese Ferne tatsächlich „unbeschreibbar“ wird, habe ich ihn gebeten, doch einige seiner musikalischen Schätze zu heben.
TDS Es geht, wenn ich das ergänzen darf, nicht nur um musikalische Schätze, sondern um etwas, was mir beinahe Angst macht in fortgeschrittenem Alter. Man ist umgeben, und ich ganz konkret in der Wohnung, in der ich lebe, aber auch noch immer in der Wohnung, die einst von meinen Eltern bewohnt worden ist, von einer Fülle von Gegenständen, mit denen man im Blickkontakt, im Kontakt der Herzen oder der Seelen ist. Und für uns Angehörige der Familie hat jedes einzelne dieser Objekte eine unglaubliche Bedeutung, eine Fülle von Geschichten, die sich um diese Gegenstände ranken.

Und dann kommt plötzlich die Frage auf, was passiert, wenn wir nicht mehr da sind. Verlieren dann diese Objekte auch ihren ganzen großen komplexen Sinn? Was kann man noch erzählen?Eigentlich, was kann man von der Lebendigkeit dieser Teile unserer eigenen Existenz noch vermitteln? Und so sind es naturgemäß musikalische Beispiele, die ich mitgebracht habe, von Persönlichkeiten, die eine große Rolle gespielt haben in meinem Leben. Aber es führt in die ganze Existenz hinüber.

Olivier Messiaen

Ein kurzes Stück von meinem anderen sehr großen Pariser Lehrer, Olivier Messiaen, aber ein Stück, das mit unserer Familie engstens verbunden ist, nämlich die Pièce pour piano et quatuor a cordes aus dem Jahr 1991, die zum 90. Geburtstag meines Vaters komponiert worden ist. Und die Vorgeschichte zu diesem Stück ist kurios, und ich habe ein bisschen was damit zu tun.Ich glaube, 1947 kam Olivier Messiaen mit Yvonne Lauriod nach Wien und haben in den Direktionsräumen der Universal Edition das erste Mal die Visions De L'Amen (Pour Deux Pianos) aufgeführt. Das waren die berühmten Hauskonzerte in der Universal Edition. Und [Hans Erich] Apostel war da, Egon Seefehlner war da.

Und mein Vater schenkte Messiaen eines von drei übrig gebliebenen Exemplaren der Wozzeck-Partitur, weil Messiaen den Wozzeck sehr, sehr verehrte. Und im Übrigen bis zu seinem letzten Unterrichtsjahr, bei dem ich in Paris zugegen war, unterrichtete er. Also Teile aus dem Wozzeck waren für seinen Unterricht ein Klassiker.

Im Gegenzug nahm mein Vater Messiaen das Versprechen ab, drei Werke für die Universal Edition zu bekommen. Und das war ein Klavierstück Cantéyodjayâ für Klavier [1948] und das war eines der wichtigsten Stücke von Messiaen, die Oiseaux exotiques für Klavier und kleines Orchester [1955].

Und dann passierte jahrzehntelang nichts. Und dann stand der 90. meines lieben Vaters bevor.Und ich habe mich herausgelehnt und Messiaen an sein Versprechen erinnert, dass er der Universal Edition eigentlich noch ein drittes Werk schulde und dann war er so lieb und hat wirklich kurz vor seinem Tod noch dieses Gelegenheits-Kammermusikwerk geschrieben, eigentlich ja für eine Besetzung, die ihm sonst nie eingefallen wäre. Und wir hören das jetzt mit dem Arditti String Quartet, Messiaens große Welt im ganz Kleinen, eine für mich natürlich als Sohn noch immer sehr berührende Momentaufnahme und ein schöner Abschied von diesem großen Meister.

Olivier Messiaen (1908–1992) |Album: UEberrASchungskonzert ZUM 90.GEBURTSTAG VON ALFRED SCHLEE | Piece pour piano et quatuor a cordes |Arditti String Quartet: Irvine Arditti /Violine | David Alberman /Violine | Garth Knox /Viola | Rohan de Saram /Violoncello | Pierre Laurent Aimard /Klavier |Universal Edition (unverkäuflich) [03:56 min]

TDS Und zu demselben Anlass, der legendäre Neunzigste meines Vaters, ging die ehrenhafte Einladung auch an den unbedeutenden Sohn, sich in die Reihe der illustren Komponisten einzureihen.
PK Das war damals ein Konzert im Mozartsaal, im Konzerthaus.
TDS Ein Tag vor seinem Geburtstag, also am 18. November 1991, mein Vater war in einer unbeschreiblichen Verfassung, damals wie ein Jüngling, also wirklich bemerkenswert. Mein Vater hat zu meiner Musikausübung immer ein relativ distanziertes Verhältnis gehabt und man gewöhnt sich daran und wird ein bisschen vorsichtiger.Und ich habe mir gedacht, mein Gott, was soll ich neben Berio, neben Boulez … Ligeti sogar war dabei, Pärt und so weiter, was soll ich da jetzt tun? Und dann habe ich mir gedacht, ja, aber dann trete ich, so wie manche alten Meister, hinter einem gegebenen Material, wie wir einst so schön gesagt haben, zurück und habe, mein Vater ist ja 1901 geboren und 1991 war dieses Geburtstagskonzert, dann gebe ich jedem seiner Lebensjahre einen Akkord, einen Klang aus einem Werk, das entweder in seinem ersten Lebensjahr 1901 uraufgeführt oder geschrieben wurde und so weiter.

Die allerersten hat er natürlich nicht erlebt, also im zweiten Takt kommt ein Akkord aus Pélléas et Melisande vor, aber im 25. Takt, nämlich 1925, kommt ein Akkord aus Wozzeck, und mein Vater war in Berlin bei der Uraufführung des Wozzeck zugegen. Ganz andere Musik kommt vor im 46.Takt, ein Klang aus Straussens Metamorphosen, weil es gibt in der Korrespondenz zwischen meinem Vater und Richard Strauss einen Brief, wo darüber verhandelt wird, ob dieses wunderbare Werk von Strauss nicht von der Universal Edition übernommen werden könnte. Es kommt Boulez vor, es kommen alle vor. Ich habe mir gedacht, wenn irgendwann einmal dieser Zettel, auf dem ich all diese Dinge notiert habe, verloren geht, es würde für einen Musikwissenschaftler ganz schwer sein, wiederzufinden, welche Klänge ich da versucht habe, zu einem doch irgendwie funktionierenden Werk zu verbinden, das ich Tempus Floridum, also „Blühende Zeit“, genannt habe, als Hommage an meinen Vater.

Das war ja für mich eine schöne Sache, denn ich konnte sozusagen mich hinter 91 Meisterwerken großer Meister verstecken. Und manche, die wir in unseren Sendungen jetzt behandeln, kommen natürlich auch in diesen Klängen wieder. Also es gibt auch ein Zitat von Theodor Berger, es gibt Messiaen natürlich auch und so weiter und so fort.

Und es geht darum, eine große Geschichte innerhalb von den gegeben gewesenen zwei Minuten. Aber der Schlee Junior, mangels Inspiration, hat sich daran gehalten. Für mich ist es sehr kurios zu sehen, wie sich aus diesen vollkommen disparaten Wurzeln der einzelnen Klänge dann doch über einige Strecken dieses kurzen Werkes eine sich bindende Musik ergibt.Und mir war das so wichtig, musikalisch, wegen der, glaube ich, relativ originellen Idee, als auch was die Dankesabstattung an meinen Vater betrifft, dass ich dieses Tempus Floridum als ein Scherzo verwendet habe in dem 3. Streichquartett, das beim Beethovenfest in Bonn 2003 uraufgeführt worden ist zum Abschied von Franz Willnauer und mir aus Bonn, wo ich doch das Ganze noch in ein größeres Porträt meines Vaters integrieren wollte.

Thomas Daniel Schlee /1957–2025 Tempus Floridum – Moment musical für Streichquartett | Album: UEberrASchungskonzert ZUM 90.GEBURTSTAG VON ALFRED SCHLEE |Tempus Floridum – Moment musical für Streichquartett Arditti String Quartet; Irvine Arditti /Violine; David Alberman /Violine; Garth Knox /Viola; Rohan de Saram /Violoncello |Universal Edition (unverkäuflich) [02:10 min]

PK Beim Zuhören hat Thomas Daniel Schlee soeben den Finger erhoben und schallend gelacht und auf eine besondere Stelle hingewiesen – und das war welche?
TDS Ganz kurz vor dem Schluss ist ein Moment der Stille und das ist ein Kagel-Zitat, nämlich aus Staatstheater, da müssen die Streicher die Sordini aufsetzen. Und diese besondere Form von Nichtmusik sei dem lieben und großen Mauricio Kagel gewidmet.

Francis Burt

PK Der 1924 in London geborene Francis Burt lebte ab 1956 in Wien. Von 1973 bis zu seiner Emeritierung 1992 war Burt Professor für Komposition an der Musikhochschule Wien [heute: mdw], wo er von 1989 bis 1991 auch das Institut für Elektroakustik leitete. Dass nach Messiaen auch Francis Burt ein nicht unbedeutender Lehrer von Thomas Daniel Schlee wurde, daran ist Vater Alfred Schlee, der Leiter der Universal Edition von 1947 bis 1985, nicht ganz unbeteiligt gewesen.
TDS Ja, und er war ein eigentlich sehr wichtiger Lehrer. Ich offenbare einen unsympathischen Charakterzug an mir, aber ich schulde es dem Francis Burt. Als ich mein Orgelstudium und mein Musikwissenschaftsstudium vollendet hatte, hat mein Vater gemeint, ich sollte jetzt noch einmal in eine ernste Kompositionsschule gehen, weil Messiaen war ja nur sporadisch sozusagen.
Das war auch formal nicht abgeschlossen, und ich fand das eigentlich eine relative Zumutung, dass ich in fortgeschrittenem Alter jetzt noch einmal die Schulbank drücken sollte. Aber ich muss jetzt mit dem Abstand sagen, dass es mir, glaube ich, sehr geholfen hat, so wie er allen Studenten, so unterschiedlich sie ja gewesen sind, sehr geholfen hat, denn er war unerbittlich, was die Arbeit betraf, was das Handwerk betraf. Und etwas, wo ich gesagt habe, dass es ganz und gar nicht meinem Naturell entspricht, die Durchführung.

Also bei Francis Burt sind wir alle in die Knechtschaft der dauernden Durchführung gestellt worden und wir mussten es immer begründen. Ich bin der festen Überzeugung mit dem armen, unglückseligen Pfitzner, dass man den letzten Rest nicht begründen kann und auch nicht soll. Aber ein Lehrer ist natürlich legitimerweise in der Rolle, dies von seinen Schülern zu verlangen.Und das hat mich sehr beeindruckt. Und der Francis Burt, der ein lieber Mensch gewesen ist, ein kinderloses älteres Ehepaar, das diese Scharen von jungen Menschen, Mädchen und Buben aus der ganzen Welt, in der schönen Wohnung in der Mayerhofgasse empfangen hat und an Kindes statt in eine Art erwachsenes Dasein des Komponisten geführt hat. Francis Byrd hat hinter dem Rücken der Welt auch sehr vieles getan für bedürftigere Kolleginnen und Kollegen.

Und an seiner Musik selbst, die so sparsam komponiert worden ist, weil er sehr, sehr mit sich auch, glaube ich, gekämpft hat, ist immer die Deutlichkeit, die Stärke der Expression zu loben. Eine Musik, die zwar aus einem sehr konkreten, sehr plastischen Verständnis von Musik kommt, die aber doch im Laufe der Jahrzehnte auch in sehr abstrakte Gefilde vorgetragen ist. Ein Letztes will ich über den lieben, unvergessenen Francis Burt noch gesagt haben.

Er hat in den letzten, auch gesundheitlich schweren Jahren seines Lebens, ein Exempel statuiert, das mit größter Ehrfurcht zu nennen ist. Er hat über zehn Jahre seines Lebens an einer abendfüllenden Oper gearbeitet, über ein Libretto von [Richard] Pletschacher. Diese Oper hat er bis in den Druck begleitet und niemand hat sie spielen wollen.Und er muss es gewusst haben, dass, wenn es ihm nicht gelingt, diese große Oper, ein wirklich spätes Meisterwerk, noch zu Lebzeiten zur Aufführung zu bringen, dass sie auf Jahrzehnte hin begraben sein wird. Und ich habe ihn oft getroffen, bis kurz vor seinem Tod. Und er hat sich nicht ein einziges Mal über dieses schwere Los beklagt.Insofern denke ich mit Dankbarkeit und großer Verehrung an Francis Burt.

Francis Burt Und Gott der Herr sprach, Betrachtungen nach einer Goldenen Hochzeit für Mezzosopran, Bariton, Bass, 2 gemischte Chöre und großes Orchester (Manfred von Mautner Markhof in memoriam) |Mira Zakai /Mezzosopran |Wolfgang Schöne /Bariton |Kurt Rydl /Bass | Thomas Daniel Schlee /Orgel |Chor des Ungarischen Rundfunks und Fernsehens; Neues Wiener Vokal Ensemble 79 | ORF Radio Symphonieorchester Wien |Dirigent: Gabor Ötvös |Label: UE [05:53 min]

In den 1970er Jahren studierte ein Engländer Komposition bei Olivier Messiaen am Pariser Konservatorium. Ich habe gelesen, er sei einer der Lieblingsschüler Messiaens gewesen. Können Sie das bestätigen?

George Benjamin

TDS Ich kann es mit kaum verhohlener Eifersucht bestätigen. George [Benjamin], der wirklich ein Freund geworden ist, das passierte ganz selten eigentlich nach der Schulzeit. George war 17, ich war 20, als wir einander in Paris kennengelernt haben.George war schon ein Jahr bei Messiaen und bei Yvonne Lauriod für Klavier gewesen, als ich für das allerletzte Jahr von Messiaen nach Paris kam. Wir haben uns, ich habe keine Ahnung weshalb, wahnsinnig gut verstanden. Ich bin mit einem bestimmten Selbstbewusstsein nach Paris gekommen, Gott sei Dank haben die meisten jungen Menschen eine gesunde Portion von Bewusstsein, was ihre Berufung betrifft, und ich bin absolut zerschmettert worden von der Wunderkindbegabung von George Benjamin.

Ich habe so ein Phänomen nie mehr wieder erlebt. Er hat nicht Klavier geübt und hat Ravels Toccata heruntergespielt. Er hat eigentlich die gesamte Orchester- und Klavier- und Kammermusikliteratur von Bedeutung auswendig am Klavier spielen können.Und wenn wir gewartet haben auf die Unterrichtsstunden bei Messiaen, das war der letzte Saal in einem langen, sinisteren Gang in der Rue de Madrid, und dann stand … so wie in der Mittelschule jemand „Tschiff![1] Der Messiaen kommt“ ruft … daraufhin hat sich der George Benjamin ans Klavier gesetzt und hat Jingle Bells zum Beispiel in der Weihnachtszeit mit Messiaen-Harmonien, also im zweiten Modus, gespielt. Er hatte eine so stupende Leichtigkeit, es war unbeschreiblich. Und ich diente ihm als eine Art älterer Bruder.

Es war sehr eigenartig, weil er hat alles aus seiner überbordenden Musikalität geschöpft, und zwar durch Trial and Error. Ich bin Stunden in seinem Zimmer, in der Wohnung, wo er eingemietet war, gesessen und musste mir Akkorde anhören, stundenlang, das ist keine Übertreibung. Und dann hat er gesagt, dieser Akkord, wo irgendein Ton versetzt war oder anders war, der klingt doch viel besser und so.Und so sind seine ersten Werke entstanden, seine fulminante Klaviersonate, die wirklich ein Meisterwerk eines halben Kindes noch ist und an deren Entstehung ich durchaus leidvoll Anteil hatte. Und ich in dieser Zeit damals habe eigentlich alles von einem theoretischen Blickwinkel aus betrachtet und habe dem George ein paar Mal gesagt, du kannst da nicht einfach dich hinsetzen und irgendwie die ersten Noten schreiben und irgendwie weitermachen. Du musst genau wissen, wie es wird die Form sein, wie wird der Ablauf sein, von wo willst du wohin.

Und jetzt, so viele Jahre danach, mehr als 40 Jahre danach, sage ich mir, er hat Recht behalten. Und wir haben in gewisser Weise die Rollen getauscht. Denn seine Musik ist noch immer so klangfein, aber ist in den Überlegungen sehr komplex geworden und ich habe all diese vorbereitende Theorie fahren lassen und mich inzwischen ganz in diese Mischung von Erinnerung und Phantasie zurückfallen lassen.Und ich war dann mit George sehr eng befreundet viele Jahre. Erst jetzt in den letzten Jahren ist das ein bisschen distanzierter geworden, und als ich heiratete 1986, im Übrigen natürlich in Paris und natürlich eine Pariserin, hat George mir die Erstfassung eines Werkes, das er am IRCAM in Paris erarbeitet hat, wo er also gearbeitet hat mit elektronisch verfremdeten Klängen von südamerikanischen Bambusflöten, gewidmet. Dieses kostbare Manuskript haben wir bei uns zu Hause und deswegen würde ich gerne, dass wir uns den Beginn seines Werkes Antara anhören.

George Benjamin (geb. 1960) Antara - für zwei Flöten, computerisierte Keyboards und Ensemble | Album: A MIND OF WINTER – THE MUSIC OF GEORGE BENJAMIN Antara für 2 Flöten, computurisierte Keyboards und Ensemble
Sebastian Bell /Flöte |Richard Blake /Flöte | Pierre Laurent Aimard /Keyboard | Ichiro Nodaira /Keyboard | London Sinfonietta | George Benjamin | Nimbus NI 5643 [04:51 min]

PK George Benjamin, Antara für zwei Flöten, Keyboards und Orchester, Sebastian Bell, und Richard Blake, Flöte; Pierre Laurent Aimard und Ichiro Nodaira, Keyboard; die London Sinfonietta unter der Leitung von George Benjamin. Gemeinsam mit Thomas Daniel Schlee war der 1960 geborene Londoner von 1977 bis 1978 Schüler von Olivier Messiaen am Pariser Konservatorium.

Vlastimir Trajković

TDS Zu den Kollegen in der Messiaen-Klasse zählte ein ziemlich stämmiger, großer Mann mit einer Stentorenstimme aus dem für Franzosen notabene hinter dem Ende der Welt befindlichen Serbien. Da war ja schon Österreich hinter dem Eisernen Vorhang. Dieser eigenartige Musiker stellte Werke vor, die einen phänomenalen Orchesterklang hatten, die eine fast gewalttätige Virtuosität aufwiesen, im Grunde im Inneren aber vollkommen unberührt gewesen sind von den, ich darf es jetzt einmal so formulieren, modernistischen Zwängen oder auch Tabus der damaligen Zeit.

Und mich hat das sehr angesprochen. Mich hat diese Unbefangenheit, diese elementare Kraft bei Vlastimir Trajković so angesprochen. Er war unerträglich, weil er ohne Unterlass gesprochen hat.Und wenn er einmal das Wort hatte bei Messiaen, dann ist es sofort zu einer Vorlesung ausgeartet. Aber seine Belesenheit war auch sensationell. Er hat eine Lebensentscheidung getroffen, wo man meint, das war im 19.Jahrhundert so oder noch davor. Und das kann doch in unserer modernen Welt nicht passieren. Und es passiert doch.

Trajković hat seine Heimat sehr geliebt. Und er war noch dazu ein großer Verehrer seines Großvaters, der auch Komponist gewesen ist. Und er wollte das Erbe, also den Nachlass seines Großvaters, ordnen und der Nachwelt zugänglich machen.

Er ging zurück, nachdem Alexandre Tansman sich für ihn eingesetzt hat in Paris, nachdem ein Werk bei einem berühmten Pariser Verlag erschienen ist und er eigentlich den Beginn einer Karriere, einer Präsenz im alles entscheidenden Westen, gemacht hatte. Und damit war er lebendig begraben und er ist aus diesem Grab nie mehr herausgekommen.Ich konnte ein fantastisches Kammermusikwerk, eine riesige Flötensonate, beim Carinthischen Sommer machen. Da konnte ich ihn auch ins Ausland bringen. Aber ansonsten ist er vollkommen vereinsamt gewesen.Und es tut mir bitter leid, denn in seinem nicht sehr umfangreichen Oeuvre schlummern Vulkane an Werken und weiß Gott Dinge, die der Diskussion und der Aufführung wert wären, die auch sehr dankbar sind, klanglich ungemein schön und sehr stark auch orientiert an der französischen Harmonik. Und von den späten Werken von ihm habe ich eine Aufnahme, im Übrigen naturgemäß aus Serbien, nämlich

Céphale et Aurore aux doigts de rose, also Cephalos, der der Liebhaber der Eos gewesen ist. Trajković hat sich sehr oft bezogen auf antike Vorbilder.Und das ist sein Trio für Flöte, Violine und Klavier, und aus dem würde ich gerne, dass wir einige dieser sehr, sehr feinen Klänge hören.

Vlastimir Trajković (1947–2017) Céphale et Aurore aux doigts de rose, op. 25, 1. Satz
Stana Krstajić, Flöte |Sonja Kalajić, Violine | Istra Pécsvary, Klavier [03:31 min]

PK Vom am 4. Jänner 2017 verstorbenen serbischen Komponisten Vlastimir Trajković: der erste Satz aus Céphale et Aurore aux doigts de rose op. 25. 1. Satz

Stana Krstajić, Flöte; Sonja Kalajić, Violine und Istra Pécsvary, Klavier.

[1] Österreichischer Schülerjargon für „Achtung!“