Thomas Daniel Schlee präsentiert kompositorische Meisterwerke (1/3). Gestaltung: Peter Kislinger

Ö1 Kunstsonntag: Zeit-Ton extended
Thomas Daniel Schlee präsentiert kompositorische Meisterwerke (1/3). Gestaltung und Präsentation: Peter Kislinger | 14. Jänner 2018, 22:08
Thomas Daniel Schlee spricht über seine Begegnungen mit Zoltán Kodály, Gian Francesco Malipiero, Darius Milhaud, Karl Heinz Füssl, Theodor Berger und mit seinem Orgellehrer Jean Langlais.
Sigtune: Ö1 Kunstsonntag: Zeitton extended
Thomas Daniel Schlee (TDS) Es wäre das alte Lacrimae, es wären die Tränen, und zwar über die Unwiederbringlichkeit einer Welt, der ich mich so nahe gefühlt habe und die mit den anwachsenden Jahren der Distanz in eine tatsächlich unerreichbare und in letzter Konsequenz irgendwann einmal auch nicht mehr beschreibbare Ferne rückt.
Peter Kislinger (PK) Thomas Daniel Schlee auf meine Frage, unter welches Motto denn er die Sendung stellen würde. Der Komponist und Organist hat am 26. Oktober 2017 sein 60. Lebensjahr vollendet, und bis bevor diese Ferne tatsächlich unbeschreibbar wird, habe ich ihn gebeten, doch einige seiner musikalischen Schätze zu heben.
TDS Es geht, wenn ich das ergänzen darf, nicht nur um musikalische Schätze, sondern um etwas, was mir beinahe Angst macht in fortgeschrittenem Alter. Man ist umgeben und ich ganz konkret in der Wohnung, in der ich lebe und aber auch noch immer in der Wohnung, die einst von meinen Eltern bewohnt worden ist, von einer Fülle von Gegenständen, mit denen man im Blickkontakt, im Kontakt der Herzen oder der Seelen ist. Und für uns Angehörige der Familie hat jedes einzelne dieser Objekte eine unglaubliche Bedeutung, eine Fülle von Geschichten, die sich um diese Gegenstände.
Und dann kommt plötzlich die Frage auf, was passiert, wenn wir nicht mehr da sind? Verlieren dann diese Objekte auch ihren ganzen großen komplexen Sinn? Was kann man noch erzählen? Eigentlich, was kann man von der Lebendigkeit dieser Teile unserer eigenen Existenz noch vermitteln? Und so sind es naturgemäß musikalische Beispiele, die ich mitgebracht habe, von Persönlichkeiten, die eine große Rolle gespielt haben in meinem Leben. Aber es führt in die ganze Existenz hinüber.
Zóltan Kodály
PK Zóltan Kodály, Intermezzo aus der Háry-János-Suite. Ein Satz dazu?
TDS Bissl mehr als einen Satz. Und zwar: Das ist meine erste Erinnerung an eine bedeutende Begegnung in meiner Kinderzeit. Ich habe ein paar solche Beispiele mitgebracht, sie alle stammen aus den 60er-Jahren. Unvergessen und tatsächlich mir in lebendige Erinnerung, weil manche anderen Erinnerungen sind erzählte Erinnerungen, die man dann sozusagen intellektuell erfasst hat und weiterträgt. Aber an Kodály, dieses eine Mittagessen in der Prinz-Eugen-Straße, in der Wohnung meiner Eltern, ist mir wirklich in bildhafter Erinnerung. Und es trat in die Wohnung diese unglaublich schöne Erscheinung, dieser herrliche Patriarchenkopf, fast ein Prophetenkopf auch, wenn man will. Ein Mann von vollendeter Eleganz, der kaum gesprochen hat.
Und es traf sich, dass ich als Kind, das ich war, also da war ich sieben Jahre ungefähr, tatsächlich etwas begonnen hatte, was für mein Musikzieren so wichtig geworden ist, nämlich Klavierspielen, Blattspielen. Also ich war nie ein fleißiger Über, ich hatte immer ein schreckliches musikalisches Gedächtnis, aber ich konnte wahnsinnig lesen. Und ich habe wirklich das Lesen von Musik mit dem Klavierauszug der Háry-János-Suite von Kodály begonnen. Fragen Sie nicht, warum. Der Klavierauszug lag neben dem Klavier bei uns, so wie andere Klavierauszüge. Und insbesondere war es das berühmte Intermezzo, von dem wir jetzt einen kurzen Ausschnitt hören werden.
Zoltan Kodaly (1882–1967); Háry-János-Suite op.15a nach dem gleichnamigen Singspiel | Intermezzo - 5.Satz (01:45 min.) Budapester Philharmoniker; Dirigent: János Ferencsik; Hungaroton HCD 32070
TDS Das ist natürlich eine Aufnahme gewesen, die wirklich historischen Anspruch erheben kann, die Budapester Philharmoniker unter dem unvergessenen János Ferencsik.
Ich möchte eine Kleinigkeit ergänzen zu dieser Begegnung mit dem großen Kodály, denn da ich Ihnen so vorschwärmte von dem Háry-János, hat er dann mich gleich vorsingen lassen. Und ich war so g´schamig, dass ich das aus dem benachbarten Zimmer aus tun musste. Und da naturgemäß mein Ungarisch nicht vorhanden war, hat er mich dann sofort strengen Ausspracheübungen unterzogen, von denen mir leider nichts geblieben ist, aber ich kann behaupten, dass ich mit dem großen Kodály auch seinen Harry Janosch gearbeitet habe.
Und in diese Zeit, in diese sehr glückliche Zeit, für mich enorm bereichernde und wohl persönlichkeitsbildende Zeit der 60er-Jahre, fallen noch zwei Begegnungen mit auch zwei Figuren, die meines Erachtens zu wenig präsent sind in unserem Musikleben und die aber doch ganz wichtige Persönlichkeiten waren und große Lehrer, obwohl ich bei ihnen nicht gelernt habe, weil ich auch gar nicht aus biografischen Gründen damals noch nicht bei ihnen lernen konnte.
Gian Francesco Malipiero
Die erste Figur ist Gian Francesco Malipiero, an dessen Besuch 1969 in seinem mittelalterlichen, finsteren Haus in Asolo ich immer denken werde, natürlich in Begleitung meines Vaters, der einer seiner Verleger gewesen ist, und Malipiero, eine unwahrscheinliche Erscheinung, Spross einer venezianischen aristokratischen Familie, aus der zwei Dogen gekommen waren und der, wie viele Aristokraten Venedigs, einen Besitz im Bergland in Asolo hatten, wo die Luft im Sommer besser gewesen ist, wo man aber in der Ferne das herrliche Venedig sah. Das heißt, der Kontakt ist immer da gewesen. Und man trat ein in dieses alte herrliche Haus von Malipiero und man war plötzlich in absoluter Dunkelheit, weil da so kleine Fenster waren, es hat ein unbeschreiblicher Gestank geherrscht, weil Malipiero kranke Tiere bei sich pflegte – unwahrscheinlich. Und dann wurde zu Abend gegessen, und dann begann ein Gespräch, welche Komponisten in der Musikgeschichte den Vornamen Thomas hatten.
Und ich vorlauter Knabe nannte einen italienischen Komponisten, den ich durch Zufall damals als junger Orgelschüler kennengelernt hatte, nämlich Tommaso Giordani[1]. Und Malipiero, der immerhin der Herausgeber von Vivaldi und Monteverdi war, bedeutender Musikwissenschaftler auch, sagte, den hat es nie gegeben. Und ich habe natürlich darauf bestanden, hab´ gesagt, ich habe gerade ein Stück von ihm gelernt. Und daraufhin ging man aus dem Salon in die Bibliothek Malipieros. Und Malipiero zog eine riesige Enzyklopädie heraus und fand eine ganz kleine Notiz über besagten Tommaso Giordani. Am nächsten Morgen kam ein livrierter Diener in die Villa Cipriani, wo ich mit meinem Vater gewohnt habe, ganz oben am Hügel von Asolo, und brachte mir ein riesiges Giotto-Buch, in das mir Malipiero eine Widmung geschrieben hat, auf einem Büttenpapier, das in seiner eigenen Papiermühle hergestellt worden war.
Und sehen Sie, das kann man alles abtun als bloße Anekdote, aber für mich bedeutet es, dass ich bis zu meinem letzten Atemzug mich diesem großen Mann persönlich verpflichtet fühle. Und es gibt einen weiteren Aspekt, der nun ganz konkret kompositorisch für mich von Bedeutung ist. Denn Malipiero, dem zusammen mit Alfredo Casella zu verdanken ist, dass sich Italien nach dem Taumel der Opernkomponiererei wieder seiner alten, ehrwürdigen Tradition der Instrumentalkomposition, also einer abstrakteren Form der Musik, zugewandt hat. Er hat eine wunderbare Abneigung gegen den deutschen Durchführungsirrsinn gehabt. Er hat eine Vielzahl von tollen Werken geschrieben und wollte absolut nicht diese obligaten Ziehereien und Zerrereien, weil jetzt müssen wir ein Thema durchführen und es in all seine Intervalle zerlegen. Er hat ganz andere Ansatzpunkte gehabt, was die Form betrifft.
Eines der frappierendsten Beispiele ist für mich der erste Satz aus seiner 5. Symphonie Concertante in eco. Das ist der Versuch, in allen Sätzen einer Symphonie eigentlich dauernd Kanons einzuführen, also lange bevor man in der Elektronik diese künstlichen Echo-Schleifen eingeführt hat. Und hier ist das besonders ohrenfällig in dem Klavier-Duo, das sich auch ein interessanter, fast perkussiver Einfall in den Klang des Orchesters einfügt.
Gian Francesco Malipiero( 1882–1973) | Album: MALIPIERO: SYMPHONIEN Nr.5, 6, 8, 11 | Symphonie Nr.5 "Concertante in eco" - Allegro agitato ma moderamente - 1.Satz (03:46 min.) | Symphonieorchester Moskau | Dirigent: Antonio de Almeida | Marco Polo 8223696
Darius Milhaud
PK Vom 1973 verstorbenen Gianfrancesco Malipiero der erste Satz, Allegro agitato, aus seiner 5.Symphonie Concertante in eco aus dem Jahr 1947. Das Moskauer Symphonieorchester, Dirigent Antonio de Almeida.
Thomas Daniel Schlee, auch mit Darius Milhaud hat Sie eine persönliche Freundschaft verbunden.
TDS Da muss ich jetzt, so sehr mich das schmerzt, ein bisschen korrigierend eingreifen. Die Begegnung mit Milhaud, die für mich unendlich wichtig gewesen ist, ist es sozusagen im Nachhinein geworden. Ich habe im Mai 1968, im Gegensatz zur Mehrzahl der Zeitgenossen, eine ganz wichtige Lebenserfahrung gemacht und das war die Begegnung mit Milhaud. Nichts anderes im Mai 1968. Und es traf sich, dass in diesem denkwürdigen Monat Milhaud in Wien war, und mein Vater in den Räumen der Universal-Edition einen Empfang ausgerichtet hat.
Und es gibt ein Foto, das davon gemacht wurde, wo neben dem wunderbaren, im Rollstuhl sitzenden Patriarchen Milhaud, ein schlanker, junger Mann – ganz adrett gekleidet in Blazer und mit Krawatte – steht und spricht! – ich sprach ja damals nicht Französisch, aber ich habe offenbar unentwegt von meiner Musik gesprochen, denn Milhaud wurde dieses Foto nachher vorgelegt und er schrieb mir folgende Widmung drauf.
Meinem lieben Musikerkollegen mit den besten Wünschen eines alten Herren, der auch Musik macht.
Dieses Foto mit dieser herrlichen Widmung hängt seit vielen, vielen Jahren neben meinem Klavier und ist eine Art Segensspruch. Ich betrachte es wirklich als solchen, weil Milhaud ist für mich auch heute – viele, die jetzt zuhören werden, werden sagen, ist der wahnsinnig oder hat er die Zeichen der Zeit nicht verstanden.
Na, na [nein, nein]: qui vivra, verra. Aber für mich ist die Vielfalt der Écriture, wie man sagen würde im Französischen, von Milhaud, durchaus ein mögliches Beispiel dafür, wie man heute Tonsetzen könnte. Ich habe deswegen auch ein kleines Beispiel von Milhaud ausgesucht, das ein bisschen entlegener ist. Man kennt bei uns viel zu wenig die großen Symphonien, von denen er immerhin auch 15 geschrieben hat. Notabene die ersten, die ganz knapp nach seiner Flucht nach Amerika entstanden sind und in unserem Falle die 2. Symphonie, die kurz nach 1945 entstanden ist, sind unbeschreiblich inspirierte Werke.
Und ich habe aus der 2. Symphonie den vierten Satz, Avec Sérénité, ausgesucht. Das ist ein zauberhaftes Mittelding zwischen Scherzo und langsamem Satz. Und man höre ganz genau hin, was sich an Polytonalität, an Polyrhythmik, an unbeschreiblichen harmonischen Farben und an einer unerreichten Süße der Melodik hier tut.
Darius Milhaud (1892 – 1974): Symphonie Nr.2 op.247; Avec sérénité - 4.Satz (03:37 min.) |Orchestre du Capitole de Toulouse | Dirigent: Michel Plasson | DG 4354372
TDS Die Autobiografie von Milhaud in der letzten Auflage hieß nicht zufällig Ma vie heureuse, mein glückliches Leben. Und das Glück eines immerhin exilierten, aus seinem Land vertriebenen, ist in dieser Art von Musik so stark spürbar. Diese wunderbaren Klänge und die Kunst, die richtigen Töne, auch von ganz verschiedenen Arten von Musik übereinander zu setzen. Also wir haben ja gleichzeitig die Provence und Südamerika, die ganzen Lebenserfahrungen von Milhaud. Das hat sehr, sehr schön gespielt, das Orchestre du Capitole de Toulouse unter Michel Plasson.
Karl Heinz Füssl
Und die Fülle ist, zum Beispiel, auch etwas gewesen, was mir eine Gestalt meiner Kindheit und Jugend geraten hat, dem ich so von Herzen verbunden bin, das ist der Karl Heinz Füssl. Kennengelernt habe ich ihn natürlich, weil er über Jahrzehnte ein unvergleichlicher Lektor in der Universal-Edition gewesen ist: Mahler-Ausgabe und viele herrliche Dinge … mit Janáček sich über Jahrzehnte hin beschäftigt hat, aber er war ein so feiner Komponist. Und was für eine Schande, dass wir uns in Österreich so selten seiner erinnern.
Er hat ein Wunder geschafft, das ich bis heute sehr bemerkenswert finde, weil es nur ganz wenigen gelungen ist. Nämlich das Denken, die Struktur der Zwölftonkomposition zu verbinden mit den Klängen, die wir aus der Tradition der tonalen Musik übernommen haben. Also nicht auf Teufel komm raus die Zahlen spielen zu lassen, sondern immer auch das Ohr als schützende, als leitende Instanz zu bewahren, im Übrigen etwas, was ja mein Lehrer Messiaen auch den Schülern ununterbrochen gesagt hat.
Es war aber eben in der Musik Füssls immer eine Helligkeit, eine Leichtigkeit, eine Durchsichtigkeit, die ihn für mich zu einer Art Klassiker gemacht hat. Und er hat meine allerersten Kompositionen väterlich durchgesehen, mit liebevoller Hand korrigiert und hat mir gesagt: „Thomas, du musst viel komponieren. Du musst viel komponieren, wart nicht drauf, dass irgendwelche großen Werke dir zufallen. Du musst, wenn du plötzlich dann einmal Zugang zur Öffentlichkeit hast, musst du einen Katalog von Werken haben, aus dem die Musiker schöpfen können.“ Ich meine, dieser Zustand ist noch immer nicht eingetreten, aber ich habe seinen Ratschlag befolgt, zumal war es ein Ratschlag, der mich dazu geführt hat, mich dem Glück nicht zu verschließen, zu arbeiten. Das ist das Privileg, das wir Komponisten haben. Also Dank an Karl Heinz Füssl und Dank auch, dass er einige Orgelwerke komponiert hat, die ich zum Teil uraufführen durfte, die ich verlegt habe und die ich in guten, ich will nicht sagen: besseren Zeiten, für den ORF produzieren durfte an der Orgel des Sendesaals. Und jetzt würde ich gerne vorstellen den zweiten Satz aus seinem Concertino op. 21 von Karl Heinz Füssl.
Karl Heinz Füssl (1924–1992) | Album: KARL HEINZ FÜSSL: 1924 - 1992 KOMPONISTENPORTRAIT | Concertino für Orgel op.21, 3.Satz (00:02:07 min.) | Thomas Daniel Schlee an der Orgel im großen Sendesaal, ORF-Funkhaus Wien | Label: ORF Radio Österreich 1 CD 233
TDS Oh, wie gerne erinnere ich mich an die Aufführungen dieses schönen Werkes – eine Musik ohne Schlacken, durchaus heikel zu spielen, dass es diese Leichtigkeit behält und sehr rührend auch: Füssl liebte und verehrte meinen Lehrer Messiaen sehr. Und in der Reihe, die diesem Werk zugrunde liegt, finden sich bewusst die Tritonus-Intervalle, die ja für die Melodik von Messiaen so charakteristisch sind. Ach, ich wollte, wir würden öfter Musik von Füssl hören dürfen.
PK Das war der dritte Satz aus dem Concertino op. 21 für Orgel des 1992 verstorbenen Karl Heinz Füssl. Thomas Daniel Schlee an der Orgel im großen Sendesaals des ORF-Funkhauses Wien.
Theodor Berger
PK Noch ein österreichischer Komponist, den Thomas Daniel Schlee aus der „befürchteten bald nicht mehr beschreibbaren Ferne der Tiefe der Jahre“ in die Gegenwart heraufholt und hoffentlich in die Zukunft mitnimmt, ist Theodor Berger. Dirigentengrößen wie Wilhelm Furtwängler, Richard Strauss, Erich Kleiber, Karl Böhm, Josef Krips, Herbert von Karajan, Raphael Kubelik, Wolfgang Sawallisch, Bernhard Haitink, Zubin Mehta, Dimitri Mitropoulos, Antal Doráti, Sergiu Celibidache und andere haben seine Werke dirigiert, zuletzt noch der so unterschätzte Horst Stein.
Auch mit Theodor Berger hat Thomas Daniel Schlee eine jener Freundschaften verbunden, die er von Alfred Schlee, seinem Vater, geerbt hat. Der 1999 im Alter von 98 Jahren verstorbene Alfred Schlee war von 1947 bis 1985 Leiter der Universal-Edition Wien und hat auch einige Werke von Theodor Berger verlegt.
TDS Aber die Freundschaft entstand, weil das Ehepaar Berger, Karin und Theodor, übrigens ein wunderschönes Ehepaar, also zwei herrliche Gestalten, sie eine hamburgische Reeders-Tochter, und er aus Traismauer stammend, aber ganz, ganz aristokratisch aussehend. Die haben drei Häuser unter uns in der Prinz-Eugen-Straße gewohnt, ganz oben unter dem Dach mit einem Ausblick auf Schwarzenberg-Park und Belvedere-Park sondergleichen und lebend auch auf einer Art geistigem Baumhaus über den Niederungen des Alltags, was möglich war durch das Vermögen der Karin Berger, die Ehemann und Kinder verlassen hat, um mit diesem herrlichen jungen Komponisten in 30er-Jahren in wilder Ehe zu leben – ganz großartig.
Und wenn ich in meine Kindheit zurückblicke, ein wenig schmunzelnd, dann war das natürlich die Zeit, wo man regelmäßig sich irgendwelche grässlichen Dia-Vorträge über Ferien ansehen musste, das gibt es ja heute technisch in dieser Weise Gott sei Dank nicht mehr, aber einmal kamen die Bergers zu uns herauf und haben Dias gezeigt von einer Schlauchbootfahrt, die sie im Grand Canyon gemacht haben. Auf mich hat diese ungestüme Abenteuerlust der Bergers einen so tiefen Eindruck gemacht. Es war im Übrigen ja auch ganz charakteristisch für das, was ihn als Künstler ausgemacht hat: Ihn hat ausgemacht die Magie der Natur. Er war ganz und gar ein unreligiöser Mensch, aber das Geheimnis der Natur hat ihn sehr angezogen, das Weben der Klänge, die man mit der Poesie der Natur in Verbindung bringen kann und: gesellschaftliche Phänomene. Also sein Riesenkrach mit den Nazis war ja, weil er ein Stück gemacht hat, das sich bereits beschäftigte – die Erstfassung der Chronique Symphonique für Orchester – mit der Auswirkung von wie reagieren die Massen auf die Parolen von Einzelnen, und der Goebbels hat das ganz richtig verstanden, und da hat´s einen Riesenkrachen gegeben.
Was nun die Modernität von Berger betrifft, so hat sie für ihn eben sowenig eine Rolle gespielt wie, wenn ich das jetzt ganz primitiv ausdrücken darf, so wenig wie für mich. Er war vollkommen abgehoben von diesen Fragen – nur, es ist eher ein Armutszeugnis für uns, die wir dem Werk von Theodor Berger gegenüberstehen, als für seine Musik, denn hätten wir Ohrwaschln und würden wir genauer hinsehen, sähen wir, dass es tatsächlich keinen anderen Komponisten gibt, der Klanggebilde dieser Art geschrieben hat. Es ist eine vollkommen singuläre Musik. Er hat parallel zu Messiaen modale Tonleitern verwendet, dadurch ergibt zwangsläufig eine bestimmte harmonische Farbe.
Die Art und Weise, wie er seine Formen gebildet hat, kamen von seinen diversen Obsessionen, die sehr viel auch mit seinem Menschenbild zu hatten, also das sind hoch originäre und originelle Gebilde, und die großen Dirigenten, die Sie vorher angesprochen haben, haben das sehr wohl erkannt, aber ich mein´, ich schließe nicht aus, dass unsere nachfolgenden Generationen eines Tages voller Staunen vor diesen Werken, die sie jeder Zeit hätten aufführen hätten können, stehen werden und sagen: Mein Gott, warum haben wir das vorher nicht gehört. Und ein besonders poetisches Werk würde ich nun gerne zur Diskussion stellen – das ist die Szene am Strom aus Frauenstimmen im Orchester. Wir sehen auch hier eigentlich eine relativ abstrakte Klangvorstellung, die dem Werk zugrunde liegt, und natürlich ist es die Donau, natürlich ist es die Au-Landschaft bei Traismauer, die Landschaft seiner sehr armen Kindheit, aber all das, was nicht greifbar ist, all das was … eigentlich geheimnisvoll ist, was die Poesie Bergers ausgemacht hat, und es hat auch etwas Tragisches, denn er wollte nicht begraben sein und er hat seine Asche in das Meer werfen lassen, und so bekommt diese Szene am Strom eine ganz bedeutende Bedeutung, zumindest für mich.
Theodor Berger (1905–1992) FRAUENSTIMMEN IM ORCHESTER - Symphonische Dichtung für 6-stimmigen Frauenchor, Harfen, Schlagzeug und Streicher | Szene am Strom (07:52 min.) Chor des Bayerischen Rundfunks |Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks | Dirigent Rafael Kubelik |Antes Edition 319047
KIS Theodor Berger: Szene am Strom aus Frauenstimmen im Orchester - Symphonische Dichtung für 6-stimmigen Frauenchor, Harfen, Schlagzeug und Streicher; Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks, Dirigent: Rafael Kubelik.
TSD Ja, und jetzt ist vielleicht Zeit, dass ich mich zu einer ganz wichtigen Etappe meines Lebens mich wende, und das ist die Pariser Studienzeit. Ich hab´ seit Kindesbeinen an mir das gewünscht. Ich wollte eigentlich immer Teil des französischen Musiklebens sein, weil ich Messiaen, Milhaud und all diese Musik und eigentlich des ganzen 20. Jahrhunderts, die in Frankreich geschrieben wurde, aufgesogen habe seit ganz frühen Jahren. Für mich war die Möglichkeit Ende des 70er-Jahre tatsächlich nach Paris zu gehen ein unglaubliches Glück und eine Art der … zweiten … Geburt.
Jean Langlais
Man möge bedenken, dass ich in diesem herrlichen Haushalt groß geworden bin, in dem Mahler und Janáček, die Zweite Wiener Schule, sozusagen das fernere Erbe waren und wo die avantgardistische Musik das alltägliche Gepäck war, mit dem ich mich beschäftigen durfte – und dann zu sagen, man geht in eine andere Landschaft, in eine Landschaft, für die offensichtlich meine Sensibilität ausgerichtet war, nämlich doch sehr in Richtung Farbe in der Harmonik, sehr immer das Ohr in Betracht ziehend, eine gewisse Art auch, die formellen Fragen nicht jetzt in den Vordergrund zu rücken. All das war wunderbar und da ich so eine Leidenschaft für die Orgel hatte, bin ich zu Jean Langlais – der ganz bedeutende Organist und Orgelkomponist – gegangen – und Nachfolger von César Franck und Charles Tournemire an der Basilique Sainte‐Clotilde[2] – und zu Messiaen in sein letztes Unterrichtsjahr am Konservatorium. Natürlich, die Orgelfreunde werden erwarten, dass der Schlee ein Orgelstück von Langlais mitbringt – tut … er … nicht. Bisweilen amüsiert es einen, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Ich habe eine Aufnahme, die ich entzückend finde, von einem Lied, aus einem ganz zauberhaften Zyklus über Texte von Ronsard und Antoine de Baïf, und das ist À Francine von Jean Langlais aus den Cinq Mélodies und es ist eine historische Aufnahme, denn es singt die große Janine Collard, die eng befreundet gewesen ist mit Langlais, und Langlais selbst am Klavier in der berühmten „Institut National des Jeunes Aveugles (INJA)“[3], weil Langlais ja ein blinder Musiker gewesen ist und in dieser Institution ist die folgende Aufnahme 1975 entstanden.
Jean Langlais (1907–1991) | Text: Jean-Antoine de Baïf (1532– 1589) | Gesamttitel: JEAN LANGLAIS – Musique de chambre avec piano À Francine (02:14 min.) | Textanfang: Afin que pour jamais une marque demeure aus CINQ MELODIES SUR DES POEMES DE RONSARD ET Jean-Antoine de Baïf – für Gesang u. Klavier |Janine Collard, Mezzosopran | Jean Langlais; Klavier | SOCD 180
TDS Ich liebe die Unschuld dieser Musik. Das war À Francine aus den Cinq Mélodies von Jean Langlais mit Janine Collard, Mezzosopran und Jean Langlais selbst am Klavier. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass sie einen besonderen Zauber hat diese archaisch wirkende Musik, die aber doch in keinem anderen Jahrhundert als im zwanzigsten hätte geschrieben werden können, weil die kleinen harmonischen Färbungen sind eben vorher nicht dagewesen – ach, eine große Kunst in ihrer Einfachheit.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Tommaso_Giordani
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Clotilde_(Paris)
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_National_des_Jeunes_Aveugles