Thomas Daniel Schlee: "Musik sprudelnd wie Quellwasser: Jean Françaix." Thomas Daniel Schlee im Interview mit Peter Kislinger

(20. Mai 2016, 22:08-23:59)
Musik sprudelnd wie Quellwasser: Jean Françaix. Ein Ö1 Extra von Peter Kislinger und Thomas Daniel Schlee
Kislinger [KIS] Die heuer unüberhörbar oft programmierten, gefeierten und abgehandelten so genannten Jahresregenten sind Verdi und Wagner. Sie wurden 200 Jahre alt, dann die 100 Jahre jüngeren Britten und Lutosławski. Britten, von den Ideologen der Moderne immer mit Misstrauen begegnet, Lutosławski als Avantgardist begrüßt, wegen des Spätwerks fast als Renegat verketzert. Der am 23. Mai vor 101 Jahren [1912] geborene, 1997 verstorbene Jean Françaix wurde letztes Jahr als Jahresregent eigentlich nicht oder kaum zur Kenntnis genommen.
Thomas Daniel Schlee, Sie haben als Intendant des Festivals "Carinthischer Sommer" Françaix im letzten Jahr [2012] einen Schwerpunkt gewidmet. Jean Françaix ein Problemfall der Musikgeschichte?
Thomas Daniel Schlee [TDS] Ja, für alle, die sich mit Musikschrifttum ihr Geld verdienen, aber nicht für die Musiker selbst. Jean Françaix schrieb und machte von seinem sechsten bis zu seinem 85. Lebensjahr Musik: 16 Ballette, 22 Instrumentalkonzerte, 5 Opern, 8 Kantaten, Liederzyklen und ein Oratorium.
KIS Als „typisch Françaix“ gilt wohl:
MUSIK: JEAN FRANCAIX: WERKE FÜR HOLZBLÄSERENSEMBLE – Bergen Woodwind Quintet | Quintett Nr.1 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott | 4.Satz 00:03:59
KIS Jean Françaix, Quintett für Bläser Nr. 1, daraus der 4.Satz, Tempo di Marcia Francese; die norwegischen Bergenbläser, eine Aufnahme aus dem Jahr 2012. Die häufigste Assoziation für mich, wenn ich diese Musik höre: nicht nur gute Laune, sondern Wehmut und wie mit dem Einfall leicht umgegangen wird, wie das gearbeitet wird, das ist für mich nachvollziehbar, Thomas Daniel Schlee: Komponist, Organist, Intendant des Carinthischen Sommers. Ein Werk aus der Nachkriegszeit 1948 – und das in der Hochblüte strengster, oft absichtlich abweisender hochfahrender Musik.
TDS Zunächst möchte ich an einem kleinen Punkt widersprechen, eigentlich kein kleiner, sondern ein wichtiger Punkt. Was immer bei Françaix so leicht klingt, ist unglaublich kunstvoll, und es sind abertausende von Noten, von denen jede an ihrem Platz ist – und mit einer Meisterschaft an ihren Platz gesetzt ist, was ja eigentlich den ganzen zauberischen Hintergrund dieser Musik ausmacht.
Der von Ihnen angesprochene Widerspruch liegt natürlich in etwas, was in Wahrheit ganz einfach erklärt ist: das ist die Herkunft von Françaix, der aus einem hochmusikalischen Elternhaus stammt, nicht Hobbymusiker, sondern beide Eltern waren Berufsmusiker; der unwahrscheinlich begabt gewesen ist und wo aber vielleicht durch den Schutz der Provinz in Frankreich ein vollkommen natürliches Entwickeln dieser Begabung möglich gewesen ist; dann natürlich der Einfluss von Nadia Boulanger und dann eine Musikalität, die sich Gott sei Dank nicht mit von außen an ihn herangetragenen Fragen beschäftigt hat. Und das Vergehen – unter Anführungszeichen – lag nur darin, dass er sein ganzes Leben lang nur auf seine eigene Begabung gehört hat.
KIS Ich habe mit vielen Musikern gesprochen, die sehr oft zeitgenössische, „Neue“, „Moderne“ Musik spielen. Sie sagen, wenn man dann zu etwa Françaix zurückkommt: eine falsche Note, ein falscher Takt und man ist draußen, aber das Spielen macht enormes Vergnügen – und ist „sinnvoll“.
TDS Oh, das ist ganz, ganz wichtig, was da jetzt gesagt worden ist. Man hört auch als ein Hörer, der ein Stück von Françaix noch nicht gekannt hat, erstens nach wenigen Takten, dass es Françaix ist. Und das ist der höchste Adel, den es überhaupt in der Musik gibt, nämlich wirklichen Stil zu besitzen, der nicht aus der reinen Wiederholung kommt, aus dem Zusammenspiel verschiedenster Elemente, und dass es trotz der hohen technischen Ansprüche den Musikern Freude macht. Es sind Herausforderungen an die professionellen Musiker, die in der ganzen Musik von Françaix immer gegeben sind. Er ist sehr angegriffen worden, nur die tägliche Praxis der Musik auf der ganzen Welt der klassischen Musik legt doch sehr nahe, dass seine Position eine richtige gewesen ist, was nicht bedeutet, dass sie die einzige sein muss.
Diese Erkennbarkeit ist bei ihm schon sehr früh zu bemerken. Im Alter von 22 hat er sein Concertino für Klavier und Orchester geschrieben, das war im Jahr 1934. Es gibt einen ganz berühmten Artikel von Heinrich Strobel, der auch natürlich aus der Welt der Zweiten Wiener Schule kam. Diese ganze Entwicklung der großen, großen abendländischen Moderne – und dann kam dieses ganz kurze, knappe Stück und es war eine authentische Musik. Und von diesem frischen Quellwasser, wie Strobl es auch ausgedrückt hat, waren alle hingerissen und begeistert.
Und es ist wahr, dass es faszinierend ist zu sehen, was aus dieser Quelle im Laufe des langen Lebens von Françaix geworden ist. Es ist unglaublich, wie sich diese Musik verabschiedet, mit was für einem Takt und mit welcher Zärtlichkeit der Humor in diesem Werk ist. Und der zweite Satz darauf ist wiederum ein Meisterwerk der Beschränkung, nämlich: da sind fast keine Töne da. Wiederholte Töne in der Oktave im Klavier und eigentlich nur Volksliedartiges, eine wirklich weiße Musik. Nie in der Musikgeschichte vor Jean Françaix ist so etwas versucht worden. Und dieser erste Versuch ist ein unerreichtes Meisterwerk. Es erinnert mich an einen Autor, den Françaix natürlich nicht kannte, nämlich Heimito von Doderer. Das ist die wahre Kinderstube, also der Ort der absoluten Reinheit. Aber er war ein immens kunstvoller Handwerker im aller edelsten Sinn dieses Wortes.
Und natürlich, so oft ich ihn gesehen habe, er hat immer nur technische Fragen im Kopf gehabt. Er war ununterbrochen beschäftigt mit der Lösung von zum Teil sehr komplexen Tonsatzfragestellungen. Also man soll ja nicht glauben, dass wenn eine Musik so wunderschön zu hören ist, dass deswegen kein großer intellektueller Kraft- und Schöpfungsakt dahintersteht.
MUSIK: Concertino für Klavier und Orchester |* Presto leggiero - 1.Satz 00:01:45 | * Lent - 2.Satz 00:03:00 | Philippe Cassard/Klavier | Ulster Orchestra | Dirigent: Thierry Fischer | Hyperion CDA 67384
KIS 1953, also 20 Jahre nach diesem Klavierkonzert…
TDS Ja, also die Symphonie ist eines der besten Stücke von Françaix. Mir persönlich vollkommen unbegreiflich, warum das nicht in den guten Orchestern zu einem Klassiker geworden ist. Es hat im vergangenen Jahr, also im Jahr des Centenariums von Françaix, gezählte zwei Aufführungen gegeben, eine davon in Kärnten beim Carinthischen Sommer im Übrigen.
Das Besondere und auch natürlich unter Berücksichtigung, dass diese Symphonie als eine Hommage an Haydn geschrieben worden ist, das Besondere an dem ersten Satz ist, dass es ein monothematischer Satz ist. Ein ganz toll erfundenes Thema, also ein Thema, das sehr vieles kann für die Entwicklung, das aber in Wahrheit ununterbrochen, unausgesetzt wiederholt wird. Aber jede Wiederholung ist durch eine kleine Rückung in einen anderen Bereich geschoben, und dazu kommt ein wahres Feuerwerk der Instrumentation.
KIS So nach 2 Minuten 30, bei 2 Minuten 34_ das sind fast Franz-Schmidt-Harmonien.
TDS Ja, den er natürlich auch nicht gekannt hat, aber bei beiden Komponisten, das ist ein sehr interessanter Aspekt, gibt es eine spezifische Art der Harmonik, die sich nicht wirklich ableitet aus diesem Entwicklungsstrang, der über Wagner in die Atonalität geführt hat. Es ist ein Strang, der parallel führt.
Symphonie G-Dur, 1. Satz - Allegretto | The Ulster Orchestra | Thierry Fischer | 05:16 min-
KIS Dieses Werk müsste doch mindestens genauso oft wie Prokofjews Symphonie Classique gespielt werden. Könnte nicht ein Grund für die Vernachlässigung sein, dass das im Jahr 1953 als epigonaler Prokofjew missverstanden worden ist?
TDS Ja, das mag sein, aber das ist eben immer wieder eine große Tragödie, wenn man sich mit ideologischen Ansätzen der Musik nähert. Denn diese Musik ist nicht ideologisch gedacht und geschrieben, sondern sie ist einfach von jemandem zu einem Zeitpunkt, der sein Leben gewesen ist, so geschrieben worden. Was mir umso mehr Leid tut bei diesem großartigen Stück ist, dass es einen Weg beschreitet, der für Françaix so typisch ist und den ich auch so oft erwiesen gesehen habe, wenn ich ihn getroffen und mit ihm gesprochen habe. Es ist ein Mensch gewesen, der in Wahrheit ganz außerhalb unserer Epoche gelebt, gefühlt und gedacht hat und für den Dinge lebendig, und zwar wirklich lebendig, gewesen sind, die aus dem Geist der französischen Klassik kamen. Was ein bisschen etwas anderes ist, in Wahrheit unserem Barock entspricht. Das war die Poesie, ging von [Pierre de] Ronsard [1524–1585] herauf bis zum 19. Jahrhundert. Das alles waren Dinge, mit denen er sich geistig aktuell auseinandergesetzt hat. Warum sage ich das? Weil wir zum dritten Satz seiner Symphonie kommen. Und das ist keine Spielerei, keine Maske, keine Ironie, also nichts Zerstörerisches, wie es bei Prokofjew ja eigentlich gang und gäbe ist, sondern es sind die reinen, intakten klassischen Formen, und hier bei Françaix noch dazu in einer Klanglichkeit, die ganz unbeschreiblich ist.
Symphonie en sol majeur (G-Dur) écrite à la mémoire de Joseph Haydn | 3 . Satz - Menuett und Trio | The Ulster Orchestra | Dirigent: Thierry Fischer | 05:16 min. |Hyperion CDA 67323
KIS Jean-Françaix, Symphonie in G-Dur aus dem Jahr 1953, dritter Satz, Menuett und Trio.
Letztes Jahr haben Sie als Intendant des Festivals "Carinthischer Sommer" eine Art Françaix-Leichtpunkt gesetzt. Das hat mich aus zwei Gründen überrascht. Erstens, Sie sind ein Messiaen-Schüler und, ich muss darauf zu sprechen kommen, Sie sind der Sohn des ehemaligen Leiters der Universal-Edition, dieser Hochburg der Modernen Musik, Alfred Schlee, der 1999 im Alter von 97 verstorben ist.
TDS Es ist so, dass ich zu Françaix´ Musik kam durch eine alte Aufnahme von dem Concertino, aus dem wir Ausschnitte gehört haben, und schon als Mittelschüler frappiert und begeistert war von der Musik von all den Qualitäten, von denen wir gesprochen haben. Und dann kam das Studium in Paris bei Messiaen, und dann vergingen noch zwei, drei Jahre.
Und dann hatte ich inzwischen einiges kennengelernt von Françaix und wollte ihn kennenlernen. Und in meiner Naivität habe ich ihm einen Brief geschrieben und gesagt: Lieber Meister, ich bin der Sohn von Alfred Schlee, dem Verleger von Stockhausen und Boulez, und ich war Schüler von Messiaen und ich mag Ihre Musik so, ich würde Sie so gerne kennenlernen. Und Françaix, der ein sehr wohlerzogener alter Herr war, hat mich natürlich empfangen, aber er hat mir Jahre später dann gesagt, er wusste überhaupt nicht, was es für einen Grund geben könne, dass ein junger Mensch mit einer solchen Herkunft ihn überhaupt treffen wolle. Er hat sogar Angst gehabt, hat er mir einmal gestanden, dass ich das in ironischer Weise tue. Und daraus ist dann eine Beziehung, ich darf natürlich nicht sagen Freundschaft, aber da ist eine Beziehung daraus geworden, die mir unendlich viel bedeutet hat und die mich ganz tief in seine Welt hat steigen lassen und die eigentlich bis ins Autobiografische, also bis in mein Autobiografisches dann sich entwickelt hat.
KIS Sie haben gesagt, Sie waren nicht eben mit ihm befreundet, aber immerhin doch so gut bekannt, dass er im Jahr 1986 Musik für Sie geschrieben hat.
TDS Ja, als ich 1986 in Sainte-Clotilde, also in der Kirche von meinem Lehrer Jean Langlais, geheiratet habe, war das unter den Organisten, zumindest meiner Generation, eine ziemlich bemerkenswerte Geschichte, weil damals alle zugegen waren, die da von Bedeutung gewesen sind. Sogar Messiaen hat eine Amerika-Reise um ein paar Tage verschoben, um dabei zu sein etc. etc. Die Witwe Tournemire war da, die Witwe von Milhaud war da etc.
Und so wurde die Liste der aufzuführenden Werke, entweder der anwesenden Komponisten selbst oder der Werke von den verstorbenen Männern der geliebten Witwen, immer länger und länger. Und in der Mitte der Organisation habe ich Jean Françaix angerufen und gesagt, es wäre so schön, wenn er uns eine festliche Eingangsmusik komponieren könnte, weil ja ein Aspekt ist, dass Françaix ein wunderbarer Fortsetzer einer jahrhundertealten Tradition ist, nämlich der dienenden Musik, also die Musik, die bestimmte schöne, festliche, wichtige Anlässe im Leben begleitet, schmückt, erhöht.
Und so war es naheliegend, dass ich ihn frage. Und er hat gesagt, ja, ja, macht er, macht er. Und wenige Wochen darauf bekomme ich mit der Post drei Stücke eines dann noch viel umfangreicheren Werkes, nämlich einer kompletten Orgelmesse, Messe de mariage genannt. Und die drei Stücke, die fertig waren zu unserer Hochzeit, waren diese Einzugsmusik, ein kurzes Zwischenspiel und eine Sortie. Also die Sortie ist die Auszugstoccata. Und die hat natürlich eine besondere Geschichte, weil Jean Françaix, ich sagte es mehrfach, war ein Mann, der ganz in der Geschichte gelebt hat und der zum Beispiel nicht zur Kenntnis genommen hat, dass Österreich sich nach 1918, ich gestehe es auch zu meinem Bedauern, wesentlich verändert und verkleinert hat.
Und so ist diese Sortie eine Kombination, was im Übrigen kontrapunktisch hinreißend ist, eine Kombination von der Marseillaise und der Haydn´schen Kaiserhymne, die im Übrigen von Françaix auch in ein Dreiviertelzeitmaß gebracht ist. Klar: weil wir in der Vorstellung der Franzosen auf der Straße uns ja im Walzertakt über die Kreuzungen bewegen.
MESSE DE MARIAGE - "Pour Claire, parisienne de Paris, et Thomas Daniel Schlee..." | Sortie 04:00 min. | Jürgen Essl/Orgel (Sandtner Orgel, Rottenburg) audite 20018
KIS Jean Françaix, die Sortie aus der Messe de mariage. Jürgen Essel an der Sandtnerorgel im Rottenburger Dom, ein Werk aus dem Jahre 1986. Die Widmung lautet: „Für Claire, eine Pariserin aus Paris, und Thomas Daniel Schlee, ein Altösterreicher von 28 Jahren.“
TDS Das Stück hat dazu geführt, dass Olivier Messiaen die Kirche verlassen hat, nach dem Stück natürlich erst, aber ohne Jean Françaix ein Wort zu sagen. Ich war dann in dieser schrecklich schwierigen Situation, Françaix darauf hinweisen zu müssen, dass das Stück zwar fantastisch, aber die Hymne nicht mehr passend war. Er hat das natürlich nicht umgeschrieben, sondern wir haben eine Lösung gefunden, die darauf Rücksicht nimmt, dass ich eben das alte Österreich durchaus als meine geistige Heimat betrachte. Deswegen auch in der Widmung: „für den alten Österreicher von 28 Jahren“.
KIS Sie haben sich mit Ihrer Kirchenoper Ich, Hiob [2006/07; Uraufführung Stiftskirche Ossiach, Carinthischer Sommer 2009] auf eine gewisse Art bei Jean Françaix bedankt, vielleicht auch revanchiert.
Was haben Princesse de Clèves und Hiob, was haben die Erzählung aus dem Tanach, der hebräischen Bibel, und eine Romanfigur aus dem Jahr 1678, ein Roman, der noch dazu im Jahr 1560 spielt, gemeinsam?
TDS Gar nichts. Es gibt keinerlei Bezugspunkte über die Inhalte, sondern, wie wir noch hören werden, es ist der Schluss, die Idee für den Schluss, die Jean Françaix gehabt hat, nämlich das Verlöschen der unerreichten Liebe. Also etwas, was ja jeder von uns möglicherweise in seinem Leben erfahren hat, etwas, was man nicht für möglich hält, dass das größte Gefühl, dessen der Mensch fähig ist, ersterben kann im Laufe der Zeit. Das heißt, dass sich das, was in der hohen Minne durch die Zeit und durch das Altwerden zu einer traurigen Distanz verändert.
Dafür hat Jean Françaix eine musikalische Idee gehabt, die so schön ist, dass ich jedes Mal eigentlich Tränen in den Augen habe. Nämlich das Verklingen ein- und desselben Tones, der weitergereicht wird von einem Instrument zum anderen. Und dann ist nur mehr ein Pizzicato der Harfe da. Und am Schluss ist überhaupt nur mehr ein Flageolett in einem Violoncello. Und dann ist nichts mehr da, sowohl von der Musik als auch von dieser Liebe.
Marie-Madeleine de La Fayette: Und so, in treuem Angedenken an ihren Mann, verzichtete Frau von Clèves für immer auf Herrn von Nemours. Dieser ließ sich gleichwohl dennoch nicht abweisen. Er tat alles, um sie wiederzusehen, aber vergeblich.
Endlich, nachdem Jahre vergangen waren, ließen die Zeiten ihre Zeit. Und die Entfernung seinen Schmerz schwächer werden und löschten seine Leidenschaft schließlich ganz aus. Frau von Clèves lebte in einer Weltabgeschiedenheit, die frömmer war als die der strengsten Klöster.Und ihr Leben hinterließ ein unnachahmliches Beispiel der Tugend.
La Princesse de Clèves (Schluss der Oper) Marianne Hoppe / Sprecherin (als Marie-Madeleine de La Fayette) |Solisten aus dem Südfunk-Chor | Dirigent Reynald Giovanetti | 02:00 min | Mitschnitt via EBU
TDS Unbeschreibliches Ausklingen. Nicht nur eines Werkes, sondern einer Epoche. Damit schließt die hohe Minne in der abendländischen Kunst in Wahrheit in den 60er-Jahren des 20.Jahrhunderts.
KIS Ich, Hiob, 2007 – am Ende Ihrer Kirchenoper haben Sie sich von diesem Schluss der Oper von Jean Françaix, La Princesse de Clèves, inspirieren lassen und zitieren ihn auch auf eine gewisse Weise.
TDS Ja, es ist genau das gleiche Prinzip. Es ist bei Hiob das Verlöschen der Schuld und das Verlöschen der Klage und des Schmerzes. Dieser Einklang auch in der Quint, also auch in der Dominante. Die offene Geste nach oben zum Schicksal oder zu noch Höherem. Das ist genau die gleiche musikalische Situation in Ich, Hiob und auch mit dem Ton A. Das A ist die Nacht, die Nacht vorbei.
Thomas Daniel Schlee (1957–2025) | ICH, HIOB, op.68 / Geistliche Oper | Vorlage: Bibel AT/Hiob; Libretto: Christian Martin Fuchs |Gesamtaufnahme von 2009 / | Ursula Langmayr/Engel, Sopran; Martin Rummel/Violoncello; David Ottmar/Trompete; Veronika Schulz/Violine; Matthias Schulz/Flöte; Wolfgang Zuser/Flöte; Matthias Eckart/Flöte; Anneliese Fuchsluger/Flöte | Label: Paladino music pmr 0002
KIS Das Ende der 2007 in der Stiftskirche Ossiach uraufgeführten Kirchenoper Ich, Hiob von Thomas Daniel Schlee. Wir hörten Ursula Langmayr.
Zurück zu Jean Françaix und La Princesse de Clèves. Diese vieraktige Oper ist kaum gespielt worden, auf käuflich zu erwerbenden Tonträgern gibt es bloß kurze Instrumentalausschnitte. Da liegt die Vermutung nahe, das liegt an der Musik oder vielleicht doch am Sujet.
TDS Das berührt nun einen Aspekt im Schaffen von Françaix, wo ich ausnahmsweise in diesem Gespräch äußern will, wie sehr ich bedauere, dass bestimmte Aspekte seines Schaffens einfach nicht im Musikleben präsent sind. Und da, wo ich es absolut nicht verstehe, das betrifft seine Opern und besonders seine schönste, wichtigste, seine letzte Oper, La Princesse de Clèves. Dieses Werk ist erstens einmal eines seiner bedeutendsten, eines seiner umfangreichsten … eine unbeschreibliche Fülle an Inspiration. Es hat eine erstklassige literarische Vorlage, es ist originell wiederum in seiner Gestalt durch die Einbeziehung einer Rezitatorin, also Madame de Lafayette, die Autorin dieses berühmten Romanes, und es bietet eigentlich auf der Bühne alles, was man von einem großen Musiktheater erwartet. Es wäre ein ideales Stück für jene Festivals und jene Opernhäuser, die jetzt nicht die Avantgarde präsentieren wollen, sondern die zeigen wollen, es gibt auch in der traditionellen Musik Meisterwerke.
Was mich an dem Sujet so angesprochen hatte, an La Princesse de Clèves der Madame de Lafayette, ist das letzte authentische Beispiel für den Amour Courtois, also für die hohe Minne. Das ist gerade für einen französischen Künstler so richtig auszudrücken, weil in der französischen Kunst ja immer die Frage des Taktes, der Distanz eine große Rolle spielt: Amour Courtois, hohe Minne, das Unmögliche, das Unberührbare und die Distanz im französischen Kunstdenken überhaupt, also das Taktvolle, was ja eigentlich ein Nicht-Taktiles ist.
Bei Françaix passiert etwas, was wir eigentlich aus der alten Musik oder älteren Musik gewohnt sind, was aber seit Debussys Pélléas et Mélisande sich vollkommen neu stellt, nämlich die Frage der Prosodie. Seit Pélléas et Mélisande wird Oper nach dem Sprachduktus gemacht. Und Françaix, als ein Musiker aus der Zeit, hat in der Princesse de Clèves natürlich weiterhin Musik geschrieben, die diesen großen Text zwar unangetastet lässt, aber in der Musik eine Eigenständigkeit hat, um thematisch sein zu können, um Melodien zu verwenden, die einer eigenmusikalischen Gesetzlichkeit folgen und nicht nur der Sprachmelodie. Und dadurch entsteht etwas, was unwahrscheinlich faszinierend ist und was für unsere Zeit schon sehr ungewöhnlich geworden ist.
Eine der zentralen Szenen der Oper ist eine Begegnung zwischen Nemours und der Fürstin, die eigentlich keine echte ist. Sie sehen einander in der Nacht von Ferne und es entspinnt sich mithilfe der Musik ein Dialog, eigentlich ein Kontrapunkt von zwei Monologen. Und das Ganze über einer wunderbaren Musik von Françaix, die sich wie ein Fächer öffnet und schließt. Dieses harmonische Thema spielt in der ganzen Oper eine bedeutende Rolle und über einer dauernden chromatischen Bewegung, die das Außergewöhnliche der Situation zum Ausdruck bringt. Es ist eine der kostbarsten melodischen Eingebungen des Komponisten.
Madame de La Fayette Nachdem er in Begleitung des Herrn von Nemours dem Hof nach Chambord gefolgt war, wunderte er sich aber eines Tages, dass der Fürst einen Vorwand ersonnen hatte, um vom König Urlaub zu erbitten. Herr von Clèves glaubte, den Grund für eine solche Reise erraten zu können. Da er zugleich über das Verhalten seiner Frau Klarheit gewinnen wollte, betraute er einen Edelmann mit der Aufgabe, Herrn von Nemours heimlich zu folgen, um zu erfahren, ob dieser nicht nach Colombiers reise und ob er nicht bei Nacht in den Garten eindringe.
[Musik]
Der Edelmann folgte Herrn von Nemours bis zu einem Dorf in der Nähe von Colombiers, wo seines Erachtens der Fürst die Nacht verbrachte. Er ging in den Wald voraus zu einer Stelle, an der Herr von Nemours vorbeikommen musste. Und er hatte sich nicht getäuscht.
[Musik, Duett]
Herr von Nemours musste sich entschließen, jenen Ort zu verlassen, an dem sie sich so oft aufhielt. er fand wenigstens etwas Trost darin, jene Gegenstände gesehen zu haben, auf denen ihr Blick immer ruht.
[Musik]
Dies beobachtete der Spion des Herrn von Clèves und kehrte zu seinem Herrn zurück, um ihn von seiner Reise zu berichten. [Musik] Sein Herr erwartete die Rückkehr, als entschiede diese Stunde über sein ganzes Leben.
Marianne Hoppe, Sprecherin (Marie-Madeleine de La Fayette); Solisten aus dem Südfunk-Chor | Dirigent: Reynald Giovanetti | 07:48 min; Label: EBU
KIS Jean Françaix: La Princesse de Clèves. Das RSO Stuttgart unter der Leitung von Renald Giovanetti. Ein Mitschnitt aus dem Jahr 1987 von den Schwetzinger SWR-Festspielen. Marianne Hoppe, Sprecherin, Erzählerin, Solisten aus dem Südfunkchor. Die Oper entstand in den 60er-Jahren.
TDS Ja, 1961 bis 1965 ist dieses Werk entstanden.
KIS Die Oper ist nicht eben oft gespielt worden.
TDS Nein, sie ist ein einziges Mal auf der Bühne gemacht worden, in Rouen. Es war damals tatsächlich ein großer Erfolg, aber eben der Erfolg in einer etwas modisch zurückgebliebenen französischen Provinz. Und seither gab es nur diese konzertante Aufführung, von der dieser Mitschnitt stammt.
Im Sinne dessen, was wir über die Selbstständigkeit des Musikalischen in diesem Werk gehört haben, ist eine der grandiosen Ballszenen, wo wir auch sehen, wie der Chor eingesetzt ist, wie das Ganze eigentlich als Choreografie eines großen musikalischen Ganzen gestaltet wird.
Madame de La Fayette Inzwischen kam aus Brüssel der Herzog von Nemour an den Hof zurück, um hier der Verlobung des Herrn von Lothringen beizuwohnen. Als er am Vorabend zu den Königinnen ging, war Frauen Chartre nicht da, und sie wusste nicht einmal etwas von seiner Ankunft. Sie hatte überall von diesem Fürsten sprechen hören, als von dem schönsten und angenehmsten des ganzen Hofes. Dies hatte sie neugierig gemacht, ja, sie brannte sogar darauf, ihn zu sehen. Sie verbrachte den ganzen Tag der Verlobung in ihren Gemächern, um sich anzukleiden, und am Abend fand sie sich zum Ball und zum Festbankett beim König ein. [Länge: 07:37 min.]
KIS Ein Ausschnitt aus der Oper in vier Akten von Jean Françaix, La Princesse de Clèves. Das RSO Stuttgart, unter der Leitung von Renald Giovanetti, eine Aufnahme aus dem Jahr 1987 von den Schwetzinger SWR-Festspielen, in der diese Oper in vier Akten von Jean Français gespielt wurde.
Von höfischen Tänzen zu exotischen Tänzen anderer Art, zu den Acht exotischen Tänzen für zwei Klaviere. Der letzte dieser exotischen Tänze, das ist ein…
TDS Das ist einer der Hits von Français, diese Danse exotique für zwei Klaviere. Es gibt wenig Literatur, die wirklich zum Klassiker geworden ist. Wahnsinnig schwer zu spielen.
TDS Warum ein Rock´n´Roll als Danse exotique? Weil für ihn der Rock´n´Roll, und auch die Jugend, die das tanzt, etwas vollkommen Fremdes gewesen ist, und er aber, mit einem lächelnden, großväterlichen Blick halt, selbst so eine Musik gemacht hat.
Album: MUSIQUE FRANÇAISE - LES COMPOSITEURS PAR EUX-MEMES: JEAN FRANÇAIX | Huit danses exotiques für 2 Klaviere; Rock´n´Roll – Tanz Nr.8 (00:02:00) | Jean Françaix und Claude Françaix (Klavier) | Charlin CCPE1
KIS Exotischer Tanz für zwei Klaviere von Jean Françaix, für den ein Menuett nicht so exotisch war wie ein Rock´n´Roll. Jean Françaix mit seiner Tochter Claude Françaix. Was hat den Pianisten ausgezeichnet, Thomas Daniel Schlee
TDS Er entstammte einer Rasse, wenn ich das so sagen darf, die auch schon eigentlich ausgestorben ist. Nämlich die große klassische Pianisten-Kunst. Eine Art zu spielen, die fast ohne rechtes Pedal ausgekommen ist; ein unglaublich, ja fast noch Cembalo-artiger Anschlag. Eine ganz große Subtilität, die möglich gewesen ist durch die großen Érad- und Pleyel-Flügel. Also eine wesentlich leichter gängige Mechanik, als wir sie eigentlich bis heute kennen.Und ich war frappier von seiner fantastischen Technik. Er hat kaum je geübt. Aber er hat sehr darauf geachtet, dass die Temperatur seiner Finger immer spielbereit gewesen ist. Françaix hat sogar im Sommer abends Handschuhe getragen. Das war offenbar eine seiner Obsessionen.
Was noch bemerkenswert ist: Er war ja fast blind. Man vergisst, dass er seit seiner Jugend auf einem Auge extrem schlecht gesehen hat und mit dem Alter auf dem anderen auch. Dass er aber seine Werke, die zum Teil Jahrzehnte alt waren, immer mit Noten spielen konnte, wobei die Noten für ihn nicht erkennbar waren, sondern nur die Dichte des Tonsatzes, so als eine Art Wolke. Und das hat ihm die Orientierung ermöglicht.
Und es gibt eine Geschichte ... die erzähle ich. Nach Jahrzehnten hat ihn seine Tochter, die wir gerade am Klavier gehört haben, gebeten, eine Rhapsodie für Bratsche und Orchester in eine Klavierfassung zu bringen. Und er hat ihr das versprochen. Und dann ist er in sein Haus in der Provence gefahren. Einige Wochen später bekam die Tochter mit der Post in dieser herrlich akkuraten, kalligrafischen Schrift von Françaix die Noten und hat sich das durchgespielt und rief den Papa an. Und sagt, das ist ganz wunderbar, vielen herzlichen Dank. Aber es ist seltsam, in drei Takten ist das anders als in der Orchesterfassung, nämlich die Musik ist anders. Und der Vater hat gesagt, das kann schon sein, ich habe das aus dem Gedächtnis gemacht.
Also sein Gedächtnis ist unbeschreiblich gewesen. Und das ist eben das, worauf wir ganz am Beginn unseres Gesprächs schon eingegangen sind. Es war ein Grad an Musikalität für ihn selbstverständlich und eine Beherrschung, die wir uns nicht mehr vorstellen können und im Gegensatz zu dem, ich erinnere daran, dass zwei bedeutende deutsche Komponisten der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart durch die Aufnahmeprüfung am Pariser Konservatorium geflogen sind. Und dass ein solches Versagen im Handwerklichen für eine Figur wie Françaix absolut undenkbar gewesen wäre.
KIS Und den Namen nennen Sie nicht?
TDS Der eine war Stockhausen.
KIS Als Pianist und Komponist soll Jean Françaix nochmals zu Wort kommen. Er ist der Pianist seines 1965 uraufgeführten Konzerts und wiederum gemeinsam mit seiner Tochter Claude Françaix.
TDS Ja, das ist nach meinem Dafürhalten eines der bedeutendsten Werke von Françaix überhaupt. Wiederum vollkommen unbegreiflich, warum dieses Stück in der rar gesäten Literatur für zwei Klaviere und Orchester eigentlich nicht vorkommt. Das meines Erachtens leichter gewichtige, wenn auch wunderhübsche, Werk von Poulenc ist ein fester Bestandteil des Repertoires geworden.
Bei diesem Werk von Françaix ist ein Bild von ihm selbst geprägt worden, das ich in diesem Zusammenhang zitieren möchte. Er schreibt in einem Text über das Konzert, man werfe seiner Musik bisweilen vor, dass sie so leicht sei. Und er sagt, dieser Regen an Noten, diese tausenden Noten, die da perlen, jede Note ist von ihm gezählt und genau abgewogen.
Es ist wie im Kinderlied mit den Sternen, die gezählt worden sind und wo der liebe Gott jeden Stern bei seinem Namen nennen kann. Und das ist eben das Meisterhafte, der Zauber in diesem Werk und auch in dem großen Zauber, in diesem sehr nokturnalen Zauber des langsamen Satzes, wo eine breite Melodie im Orchester intoniert wird und die beiden Klaviere eben cette douce pluie, diesen sanften Sommerregen darüber ergießen. Ein unbeschreiblicher Moment der [?].
Album: Francaix spielt Francaix
Concerto pour deux pianos et orchestre; CD WERGO wer 60872
KI Jean Françaix: Konzert für zwei Klaviere aus dem Jahr 1965. Wir hörten den zweiten Satz. Solisten: Jean Françaix und seine Tochter Claude Françaix. Das Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden, Dirigent: Pierre Stoll, eine Aufnahme aus dem Jahr 1982.
Thomas Daniel Schlee, da war so eine simpel sich anzuhörende Skala, wenn man nur mit einem Ohr hingehört hat.
TDS Ja, aber diese Skala war harmonisiert und das ist in Wahrheit eine dreifach verschobene Skala, also die Skala stand nicht für sich, sondern sie war dreistimmig, und das Wunderbare ist, wie aufgeteilt auf die beiden Klaviere … das Klavier ist zweistimmig geführt und wie es neu beginnt, um eine Art Schraube abwärts zu erzeugen. Ich habe mir das einmal angeschaut und gesagt, ich weiß nicht, wie lang er gebraucht hat, um tonsatzmäßig auf diese Lösung zu kommen. Also das ist eines von unzähligen möglichen Beispielen für die Kunst, wie da Musik geschrieben und gedacht worden ist.
KIS Wiederum meine Vermutung, dass dieses wunderbare Konzert für zwei Klaviere nicht so häufig zu hören ist, wie jenes von Poulenc, Entstehungsdatum 1965, dann wird das einfach als epigonal abgetan.
TDS Ja, ich muss insofern widersprechen, als Poulenc ja bis zwei Jahre vor der Entstehung dieses Konzertes gelebt und in seinem Stil komponiert hat und es da durchaus Eingang gefunden hat. Natürlich sind die Werke von Poulenc höchst inspirierte Werke von einem sehr starken Stil. Bei dem Konzert für zwei Klaviere von Françaix ist sicherlich ein Problem der immense technische Aufwand, aber es ist irgendein Fatum, das den Leuten suggeriert, Françaix hat hinreißende Kammermusik geschrieben. Aber für die Orchestermusik müsste man ideologiefrei sein, was die wenigsten Programmierer sind.
KIS Er ist einer der großen Stars des Musikbetriebs gewesen, aber viele seiner Werke sind nicht in Frankreich uraufgeführt worden.
TDS In einem Punkt haben Sie sicherlich recht: Deutschland war ein ganz wichtiger Ort für Jean Françaix, das hing zusammen mit seinem Verlag Schott, der sehr, sehr aktiv für ihn gewesen ist, aber was die Zelebritäten betrifft, so gab es eine Zeit bis etwa in die 50er Jahre, wo Françaix von den bedeutendsten Zelebritäten gespielt worden ist. Das waren Karajan, Celibidache, natürlich Charles Münch in Frankreich, Pierre Monteux, Manuel Rosenthal usw. Der Schnitt kam dann, wie sich in den Sendeanstalten die Avantgarde-Frage verschärft hat, und da ist es ins Kammermusikalische, also in den Bereich der freier über ihre Programmierung entscheidenden Ensembles gerückt.
KIS Immer wieder erhalten wir Anrufe von Hörern: Der Mann, dieser Komponist, heißt nicht Françaix [Aussprache wie „français“], sondern Francaix [das „X“ gesprochen].
TDS Ja, das hing zusammen mit dem wunderbaren Humor von Françaix, der sich mit den Pays Germaniques, wie man sagt, also mit den deutschsprachigen Ländern, einen sehr bösen Witz erlaubt hat. Er hat irgendwann einmal in Deutschland richtigerweise gesagt, das X am Schluss legt nahe, dass der Name im Süden so schriftlich festgelegt wurde, und da hat man tatsächlich die Usance, das X auszusprechen. Er selber hat immer Jean Françaix gesagt, man möge es mir einfach glauben. Nur indem er einmal in Deutschland diesen kleinen Ausflug gemacht hat in die Geschichte und in die Aussprachegeschichte von einem Nachbarland, wie wir Jean Françaix auszusprechen hätten, und da es im Riemann-Lexikon so steht, meinen wir, dass wir uns danach halten müssen und nicht ihn so aussprechen sollen, wie er selbst es getan hat. Man möge uns die Freiheit lassen, Françaix selbst zu folgen in der Aussprache.
KIS Mit der Charakterisierung „liebenswürdig, weltmännisch“ ist es relativ schnell vorbei, wenn man sich sein, ich glaube, man kann es ruhig sagen, sein Opus Magnum anhört, sein Opus Magnum mit 27 Jahren; ich glaube, Jean Françaix hat das selbst so gesehen, auch selbst gesagt, und das ist für viele überraschend ein Oratorium, und zwar im Jahre 1939 geschrieben, 1942 uraufgeführt.
TDS 1942 uraufgeführt unter der Leitung von Charles Münch im besetzten Paris – und unzensiert die Stelle, die von den Israeliten handelt, weil das die Nazis, die zugegen gewesen sind, gar nicht verstanden haben.
KIS Das Oratorium trägt den Titel L'Apocalypse selon Saint-Jean.
TDS Saint-Jean ist natürlich eine Sache, die Jean Françaix sehr persönlich genommen hat. Was ich gesehen habe … will mir kein deutliches Urteil anmaßen über seine Religiosität. Er hat über diese Dinge nie gesprochen, außer hin und wieder in ganz kleinen Anmerkungen.
Er war nun kein Mensch, der sich sonst mit religiöser oder gar liturgischer Musik viel auseinandergesetzt hätte, aber die Flut an Bildern, die in der Apokalypse sich dem Musiker darbietet, einen auch so bildhaften Komponisten wie Françaix, ist ein ideales Sujet. Aber es sei daran erinnert, dass er monatelang mit bedeutenden Theologen seiner Zeit im Dialog stand, dass er extra zu bestimmten Leuten gereist ist, um sich vorzubereiten, wie er diesen überbordenden Stoff in Musik setzen kann. Denn wir wissen zum Beispiel vom Buch mit sieben Siegeln von Franz Schmidt … in der Vorrede wird ja auch gesagt, wie kann man eine Form geben dieser Flut an Ereignissen, an Bildern.
Und das ist bei Jean Françaix in eine enorm konzise Form gebracht, knapp eine Stunde, ja, wo jedes Ereignis eigentlich in wenigen Takten abgehandelt wird, und aus der Fülle der möglichen Klänge noch einmal potenziert eine Fülle der möglichen Emotionen entsteht.
KIS Dann der Titel Fantastisches Oratorium in drei Teilen für vier Solisten, Chöre und zwei Orchester. Was hat es mit diesen zwei Orchestern auf sich?
TDS Ja, das ist natürlich eine von diesen genialen Ideen von Jean Françaix. Er hat das zweimal in seinem Leben gemacht, dass er zwei Orchester auf einer Bühne vereinigt hat. Und „Fantastisches Oratorium“, also das Werk von 1939, da war der Gedanke, dass es so gut wird, sein dürfte, durch das Aufkommen von Music Hall und der Musik von Kurt Weill gerade in den späten 30er Jahren. Wir dürfen daran erinnern, es war die Zeit, wo Weill schon auf der Flucht war. Und bevor er nach Amerika ging, machte er ja in Paris Station, wurde von Darius Milhaud und seiner Gattin aufgenommen. Also da gäbe es sehr viel zu erzählen.
Ich sage es jetzt ein bisschen grob: Jazzorchester. Auch die schmutzige Klanglichkeit, die verderbte Klanglichkeit, das ist natürlich das Orchester, welches das Höllenorchester von Jean Françaix verwendet, allerdings wieder mit einer Meisterschaft, die ihresgleichen sucht. Damals schon elektrisch verstärkte Gitarre, ganz kleine Streicherbesetzung, die standhält einem ganz Disparaten was Bläser betrifft, eine Mandoline kommt vor und so weiter. Fantastische Instrumentation, die dieser junge Mann ja niemals ausprobiert haben konnte davor.
KIS Also das ist zeitbedingt, dass ein Akkordeon und Harmonium als schmutzig und vulgär gelten.
TDS Ja, ich mein´, das Akkordeon ist nicht ganz verschwunden aus dem Schaffen von Françaix. Er hat ganz am Schluss seines Lebens ein prachtvolles Konzert für Akkordeon und Orchester geschrieben und er hat mir, als das Stück gerade fertig war, gesagt: "Ach wissen Sie, ja, das Akkordeon, das klingt so wie eine Orgel, die beim Waschvorgang geschrumpft ist." Aber das muss man natürlich mit großer Vorsicht gegenüber Akkordeonisten sagen.
KIS Und von Jean Françaix gibt es auch den Satz, der mich königlich amüsiert hat.
Dieses Stück müsste auch den Herren Orchesterleitern gefallen, einer der tonalen Musik gegenüber zutiefst misstrauischen Gattung, und das Höllenorchester rechtfertigt die finanzielle Unterstützung von den Fanatikern der falschen Note.
TDS Lassen wir das unkommentiert, das ist so gut, das steht gut für sich.
MUSIK Jean Francaix: L'Apocalypse selon St. Jean / Fantastisches Oratorium nach dem Heiligen Johannes in drei Teilen für vier Soli, gemischten Chor und zwei Orchester | Textquelle: Bibel NT/Johannes. Anderssprachiger Titel: Die Offenbarung des Johannes | Orchestre 'Leopolis' Lviv (Lemberg) | Orchestre francais d´oratorio |Marie-Noelle Cros / Sopran | Sophie Rehbinder / Mezzo | Patrick Garay / Tenor | Pierre-Yves Pruvot / Bass | Choeur francais d´oratorio | Choeur de garcons ' dudaryk' de Lviv (Lemberg) | Choeur Elisabeth Brasseur | Ensemble polyphonique de Versailles | Ensemble vocal de Saint-Quentin-en-Yvelines | Dirigent: Jean-Pierre Loré | Länge: 21:00 min | Label: EROL ER 98002
TDS Für mich fasst nur ein Satz dieses grandiose Werk zusammen: Wer Ohren hat, der höre.
KIS Jean Françaix, Ausschnitte aus dem dritten Teil der L'Apocalypse selon Saint-Jean, Offenbarung nach dem Heiligen Johannes, wie es bei Françaix bewusst heißt: Fantastisches Oratorium in drei Teilen für vier Solistenchöre und zwei Orchester aus dem Jahr 1939. Das Leopolis-Orchester Lemberg und ein französisches Oratorienorchester unter der Leitung von Jean-Pierre Lauré.
Ans Ende dieses Ö1-Extra würde ich gerne noch ein Zitat von Jean Françaix stellen:
Ich glaube an Arbeit, aber eine durch die Launen der Eingebung belebte Arbeit. Nichts ohne Eingebung. Aber damit meine ich die Eingebungen des Himmels, nicht der Hölle. Schiller schrieb: „Überm Sternenzelt, da muss ein lieber Vater wohnen.“ Ich wage es, an einen solchen gütigen Gott zu glauben, der noch dazu die kleinste unserer Handlungen berücksichtigt. Mit jeder einzelnen Note, die ich schreibe, danke ich diesem Gott.
Thomas Daniel Schlee, haben Sie diesen Satz gekannt?
TDS Nein, ich kannte ihn nicht und er berührt mich außerordentlich. Er fällt aber wohl in jene Intimität, die Françaix nicht preisgegeben hat, vielleicht einmal schriftlich niedergelegt, aber der Satz war mir nicht bekannt. Er ist besonders schön und er fügt sich zu dem, was mein Eindruck gewesen ist von diesem Mann und seinem Werk, nämlich der einer besonders glücklichen Konstellation: Da ist jemand auf die Welt gekommen und für seine Kunst denkbar glücklichen Umständen. Irgendeine gute Macht hat über sein Leben eine schützende Hand gehalten, denn er konnte sein ganzes Leben nie etwas anderes tun als das, wofür er eigentlich begabt war und was er zu tun liebte. Diese absolute Reinheit der Kunstausübung finde ich auch bestätigt in dem, was Françaix selbst mit diesem Lebenswerk zurückgeben will.
KIS Thomas Daniel Schlee, schönen Dank für Ihre Anwesenheit und Ihre Mitarbeit.