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Joseph Horovitz - Transkript der Ö1 Sendung vom 2016.05.25

Horovitz: Vienna born, British bred. Das heißt also, Wien geboren, Englisch erzogen. So stimmt es auch. [In Wien geboren, in Großbritannien erzogen und aufgewachsen.]

Der weite Weg des Joseph [ˈdʒoʊzəf] Horovitz [ˈhɒr.ə.vɪts] . Joseph Horovitz zum 90. Geburtstag. Ein Ö1 Extra von Peter Kislinger.

Horovitz Für mich wäre das dann ganz bequem momentan.

Moderation KIS Der weite Weg also. Geboren am 26. Mai 1926, heute vor 90 Jahren. Schule in London, dann Oxford, Studium in Oxford unter anderem bei Egon Wellesz, dann in London bei Gordon Jacob und in Paris bei Nadia Boulanger. Dirigent der Ballets Russes und in Glyndebourne, Professor für Komposition am Royal College of Music, kooperation mit Musikkomödianten-Titanen wie Gerard Hoffnung und Michael Flanders. Composer-in- residence des Tanglewood Summer Festival.

16 Ballette, neun Instrumentalkonzerte, zwei einaktige Opern, Standardwerke für symphonisches Blasorchester, Chorkantaten, darunter sein Welterfolg Captain Noah, Kammermusik, die Sonatine für Klarinette etwa. Seit 1961 unterrichtete Joseph Horovitz am Royal College of Music in London Komposition.

Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Nino Rota-Preis. 2007 erhält der britische Staatsbürger das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst erster Klasse.

Begonnen hat der Lebensweg dieses Komponisten in Wien als Joseph [ˈjoːzɛf] Horovitz. Gewohnt hat die Familie am Parkring. Ab 1936 hat Joseph Horovitz das Akademische Gymnasium in Wien besucht, gegenüber dem Wiener Konzerthaus. Bis März 1938.

Horovitz Ich wusste nur, dass ich ein jüdisches Kind war und deswegen, es war mir ganz klar, dass meine Schulkollegen eben nicht fliehen müssen. Ich war im Akademischen Gymnasium in Wien und wir hatten schon geteilte Klassen. In der Volksschule in Wien, also von sechs bis zehn waren wir alle in derselben Klasse. Aber im Gymnasium, im Alter von elf, waren die römisch-katholischen Buben in einer Klasse und Juden, Protestanten und Konfessionslose wurden in einer Parallelklasse unterbracht.

Mein Vater hat mir dann gesagt, dass ist deswegen: so eine Regel ist und so muss es sein. Aber deswegen wusste ich, dass ich so eine Art Fremder war. Das stimmt, ich glaube, es war eine orthodoxe Familie, aber nicht so, wie sich das viele Leute vorstellen. Wir haben dann [damals] nicht diese Haartrachten gehabt und wir gingen nicht ´rum in 18.-Jahrhundertstiefeln und so. Wir waren ganz normal … ich habe Lederhosen angehabt. Wir hielten gewisse religiöse Zeremonien [ein]. Also am Freitagabend war das ein Nachtmahl zu Hause mit Kerzen und am Samstag – gelegentlich – gingen wir in die Synagoge. Aber nicht so wie die ganz orthodoxen Leute, die dreimal am Tag in die Synagoge gehen, nein. Mein Vater war akademisch geschult, er war auch Gymnasiast und Jurist und dann wurde er Verleger, ziemlich anerkannter Verleger.

In unserer Wohnung waren sehr oft Schriftsteller und Kunstgelehrte. Es ist nicht so, wie sich Leute vorstellen, so wie der Shylock bei Shakespeare. Wir waren ganz normale, würde ich sagen, Europäer, Österreicher. Mein Vater war im Ersten Krieg in der österreichischen Armee. Er war, wie man das sagt, ein Schützenlehrer. Er hat die anderen Soldaten schießen gelernt. Einmal hat er mir das erzählt, er hat ein Foto gezeigt mit einem Gewehr. Ich habe gesagt, Papa, wie kannst du das, wie kannst du das machen? Auf Leute schießen! „Ich habe den Soldaten immer gesagt, sie müssen immer über die Köpfe schießen.“ Also, er war ein netter Schützenlehrer. Er war in Serbien, er hat nicht viel darüber geredet.

Ich würd´ sagen, wir waren eine richtige Wiener Familie. Ich habe in der Volksschule sehr viele Freunde gehabt. Einige davon sind auch ins Gymnasium gekommen. Ich habe mich sehr gut vertragen. Aber ich habe gewusst … wie es zum Gymnasium kam, das heißt im Alter von elf, habe ich schon gespürt, dass speziell beim Fußballspielen im Stadtpark am Nachmittag … da waren so gelegentlich Raufereien. Das Wort „Jude“ wurde ziemlich oft benutzt. Aber das waren so Schulbuben-Raufereien. Das hat mir eigentlich nicht viel angetan. Weil zu Haus oft darüber gesprochen wurde, war mir das eigentlich nichts Neues. Es war keine Überraschung. Aber das Verständnis für diese Verfolgungen, das kam mir eigentlich ein bisschen später, als ich in England war. Weil … in England waren wir ja auch Fremde. Das heißt, wir haben geglaubt, wir waren Österreicher und sozusagen über Nacht haben wir gelernt, dass wir keine Österreicher sind. Obwohl das sehr traurig war, weil wir haben geglaubt, der Grillparzer gehört uns. Und plötzlich hat man uns sozusagen angedeutet, das ist nicht für euch, das ist nur für Österreicher. Später hat das dann wehgetan. Aber ich muss wirklich sagen, das kam alles viel später. Wir waren ja Kinder.

Ja, wissen Sie, da muss ich übrigens sagen, dieses Streichquartett, das ich schrieb [Streichquartett Nr. 5] wurde einem gewissen Ernst Gombrich gewidmet. Und Ernst Gombrich war eigentlich kein Jude. Er war, glaube ich, Protestant. Auf jeden Fall Protestant, obwohl er jüdischer Abstammung war. Und er hat sich einmal sehr triftig ausgedrückt. Er hat gesagt, wie man ihn gefragt hat, sind Sie ein Jude, Herr Professor, hat er gesagt, ich bin ein Jude, nur weil Hitler gesagt hat, dass ich ein Jude bin. Aber eigentlich bin ich nicht ein Jude, ich bin nur ein Jude, weil Hitler gesagt hat, ich bin einer. Er war nie in einer Synagoge. Er hat fast nichts mit jüdischen Bewegungen zu tun gehabt. Er wurde ein enger Freund meines Vaters. Er hat ihn ja verlegt, als Verleger im Phaidon Verlag.

Aber es gab andere, zum Beispiel ein Professor, der in Österreich sehr bekannt ist, Egon Wellesz [Horovitz sagt durchgehend „Wellesch“], der Komponist, Schüler von Schönberg, der war später, während des Krieges, eigentlich ein Dozent an der Oxford University. Ich habe ihn dann später gut gekannt. Er war Katholik und war ein Experte für byzantinische Kirchenmusik. Also er musste auch flüchten, weil, glaub´ ich, sein Großvater war ein Jude.

Viele Engländer konnten das eigentlich nicht verstehen. Sehr oft zu dieser Zeit haben mir englische Freunde, Schulfreunde, auch gesagt, ich kann nicht verstehen, warum du aus Wien herkommen musstest, warum? Und da habe ich gesagt, weil ich ein Jude bin. Da hat er gesagt, ich bin ein Schotte, oder: ich bin ein Norweger. Ja, aber ihr könnt alle zu Haus´ bleiben, aber ich konnte nicht zu Haus´ bleiben. Das ist ja endlos, was man darüber reden kann. Das waren so Überlegungen zu der damaligen Zeit.

Aber doch konnten wir in ziemlich gemütlicher Art, dank meines Vaters Beruf – der hat viele englische Kollegen und Mitarbeiter gehabt – konnten wir in England den Krieg überleben. Und speziell der Verlag meines Vaters, ein Kunstbuchverlag, blieb intakt. Er hat nämlich einen Vertrag gehabt mit seinem englischen Auslieferungsverlag, speziell der Inhaber Sir Stanley Unwin, der übrigens perfekt Deutsch sprach und der oft mit Deutschland speziell Beziehungen gehabt hat, der wurde sozusagen ein Garantor [Garant] für den Verlag hier in England. Und wie die Truppen, die deutschen Truppen, in Wien einmarschierten, konnten die nicht den Phaidon Verlag rauben, weil das eine englische Firma war.

Na ja, wunderschöne Erinnerungen. Als Schulkind in Wien in den 30er Jahren waren ja die Ferien sehr lange. Und wir haben ja nur zwei Semester gehabt, also Herbst und Winter. Hier in England sind es immer drei. Aber die Ferien waren teilweise Badeorte, so wie Baden. Nicht so oft Baden, aber das kleinere … Vöslau nebenan, da war so ein wunderbares Schwimmbad mit Kieselsteinen, die ganz weich waren. Und mit Hutschen und Rutschen, das war wunderbar. Das war so im Sommer. Und sehr oft auch am Semmering. Das war ein wunderbar eleganter Ort damals. Da waren so Filmstars und Tennisstars. Da war ein Hotel, glaube ich Panhans hat das geheißen. Die Eltern haben mir gesagt, wenn du dort vorbeigehst, musst du dich gut benehmen. Da sind die berühmten Leute und so weiter. Das ist eine märchenhafte Landschaft dort am Semmering.

Ich muss eigentlich sagen, nach dem Krieg machte ich eine Reise nach Österreich. Das ist viele Jahre später, nach 1969. Das war das erste Mal, dass ich in Österreich wieder war. Da war ich zwei Jahre später mit meiner Frau wieder da. Wir machten einen Ausflug, weil ich wollt´ den Semmering wiedersehen. Aber damals in den frühen 70er Jahren war Semmering wie ein ganz schäbiger Ort. Das Panhans-Hotel, das ich meiner Frau zeigen wollte, hat zerbrochene Fenster gehabt und niemand war da. Es war eine Öde, so wie eine Ruine. Und meine Frau sagt, da hast du Ferien gehabt? In diesem Dorf? Na ja, das hat nicht so ausgeschaut. Ich habe mich bestrebt, diese Eleganz wieder zu zeigen. Aber ich weiß nicht, wie das jetzt ist.

Und dann ein anderer Ferienort war zum Beispiel der Wörthersee. Aber nicht Velden, das eher das Elegante ist, sondern Pörtschach, was eigentlich so mehr sportlich war, kann ich mich erinnern. Und dort habe ich zum ersten Mal Wellenreiten gelernt, weil ich eine Tante gehabt hab´, die war sehr … so Sportlerin. Und die hat immer ein Motorboot gemietet und man hat sie geführt. Sie war eigentlich sehr … so nett aussehend, und da waren immer junge Gentlemen mit ihr und so. Und sie hat gesagt, wenn du brav bist, darfst du Wellenreiten. Und ich bin natürlich immer sofort ins Wasser gefallen. Und dann hat mir eine Pörtschacher Dame dort gesagt, sie müssen sehr aufpassen da, weil da ist ein Lindwurm im Wörthersee. Und kein Jahr geht vorbei, wo nicht drei Opfer sind. Wie man das einem kleinen Buben sagen kann … Ich habe das meiner Schwester wiederholt, die war noch zwei Jahre jünger: Wir müssen uns da sehr gut benehmen, sonst kommt der Lindwurm, isst uns auf und so. Sehen Sie, diese Märchen, das sind Erinnerungen, aber trotzdem war das wunderschön. Ich mein´, Sie sehen, ich kann, ich kann nicht … ich lächle bei dieser Erinnerung. Das war ein Wunder, das war ein Paradies.

Schwer gesagt [Schwer zu sagen] … daran zu denken, es sind ja so viele Sachen passiert seitdem. Aber ich würde sagen, unsere Abfahrt von Wien war schwierig, aber nicht so schwer, wie viele Leute das eigentlich gehabt haben. Meine Eltern waren, ich würde das so ausdrücken … wir wissen ja alle, am 13. März sind Hitlers Truppen in Wien einmarschiert, das ist [= das heißt] 1938. Und am 15. März, da waren meine kleine Schwester und ich … also Kinder, also ich war fast zwölf und sie war fast zehn. Wir sind zusammen mit einer Großmutter und einer Tante nach Italien gefahren. Also das ist am 15., zwei Tage nach Hitlers Einmarsch. Aber eine jüngere Schwester ist zurückgeblieben, weil sie keinen Pass hatte. Also die Geschichte war ziemlich kompliziert. Und wir fuhren dann nach Italien, von Italien in die Schweiz, von der Schweiz nach Belgien, wo ich eine Tante hatte. Und dort hat sich die Horovitz-Familie sozusagen endlich versammelt. Also Ende April waren wir als Familie bereits in Belgien, in Antwerpen. Sogar mit der jüngeren Schwester, die irgendwie doch auch nach Belgien kam. Komplizierte Sache.

Aber für mich das Ausschlaggebende war meine Ankunft in England, das war genau am 1. Mai 1938. Da kam ich mit meinem Vater … mein Vater und ich waren auf einem Boot, also auf einem Schiff … von Ostende in Belgien nach Dover. Und das war das erste Mal, dass ich das Meer gesehen hab´. Weil die Ferien in Österreich waren entweder am Semmering oder in Vöslau oder in Pörtschach am Wörthersee. Das waren die schönen Ferien, aber nie das Meer gesehen. Und natürlich auf der Überfahrt am 1. Mai war ich ganz sehr seekrank. Also das war ein so wichtiger Punkt, die Ankunft in England.

KIS Sie haben Abfahrt gesagt…

HOROVITZ Ja, das war eine Flucht. Sehr gut. Ich habe Abfahrt gesagt, weil wir doch mit einem Taxi zum Südbahnhof fuhren. Und eigentlich hat uns niemand gejagt [verfolgt]. Andere Verwandte von mir wurden eigentlich gejagt, wirklich wie man sagt so wie in einem Märchen, mit Schießen und allerhanden Sachen. Aber wir konnten noch irgendwie mit Reisepässen, die wir hatten, was gar nicht normal war, dass Kinder mit elf, zwölf Jahren Pässe hatten, aber mein Vater hat von 1936 an gesagt, jeder von der Familie muss einen Pass haben. Und deswegen konnten wir, die zwei älteren Kinder … wir konnten abreisen. Deswegen sage ich Abfahrt.

Es war eine Flucht, eigentlich ausgedrückt, aber wir haben das nicht so gespürt. Das habe ich erst viele Jahre später gespürt. Das kam viel später heraus, eigentlich in einem Musikstück, das ich schrieb, das übrigens in Wien gespielt wurde, mein fünftes Streichquartett. Die Idee, dass ich ein Quartett als Widmung für einen österreichischen Kunsthistoriker wie Ernst Gombrich schreiben soll, das war 1969, wo er 60 Jahre wurde. Und der Auftrag war, dass sein Lieblingsquartett das Amadeus String Quartet war. Amadeus, das waren drei Wiener und ein Engländer. Und die drei Wiener waren Flüchtlinge genauso wie ich, genauso wie Gombrich. Das war der Hintergrund meines Werkes. Ich wusste auch, dass ich ein Quartett schreiben wollte, was ungefähr 15 Minuten dauert. Ich hatte mir das angewöhnt, weil zu der Zeit habe ich schon sehr viel für Fernsehen geschrieben. Ich habe mir immer eine Schablone gemacht, wenn ein Werk ein Zeitmaß hat. Das war wie Architektur.

Dann habe ich gesagt, das soll in einem Satz sein und habe begonnen, ganz fachmäßig mit den Initialen von Ernst Gombrich.: e, g. Das würde sein: [spielt e, g am Klavier]. Das kann natürlich auch dann werden: [spielt Klavier] oder: [spielt Klavier]. Das sind schon drei melodische Bewegungen: [Musik]. Dazu gibt man noch: [Musik]. Das klingt so einfach, aber damit kann man vieles machen. Der erste Takt vom Quartett beginnt mit der ersten Violine: [Joseph Horovitz am Klavier]. Und dann erweitert es sich: [Klavier]. Also das ist melodisch und das wird begleitet von ganz einfachen Akkorden. Der erste Takt klingt nämlich so: [Klavier]: einfach und hoffentlich freundlich, so wie der Professor Ernst Gombrich. Und dann, nach ziemlich langer Zeit, finde ich plötzlich eine Figur, wie ich das erklärt habe, die mich an das Wiener Lied erinnert hat, also subliminal ist das aufgekommen, und zwar in der Bratsche. Das ist schon die Ausarbeitung, ja: [am Klavier]. Und das hat mich eben an das Wiener Lied erinnert: [Klavier] – so ungefähr, bissl verpatzt, aber ungefähr. Und diese kleine Episode wird dann ausgearbeitet in einen richtigen Walzer: [Klavier]. So wie in einem Cabaret. Und dann plötzlich in: [Musik]. Und das verläuft sich dann. Also ungefähr muss es leider sein.

[Musikzuspielung, Quartett bis…] Das ist das berühmte Wiener Lied Mein Muatterl war a Weanerin. Sag´ ich: Das ist doch aber ganz komisch. Ich bin ein Flüchtling von Wien. Ich schreibe ein Stück für einen Wiener Flüchtling namens Gombrich. Es wird gespielt von drei Wiener Flüchtlingen aus Wien. Da habe ich gesagt ... Na, nach ein paar Minuten, ich kann mich da erinnern, ich war da ein[en] Stock unter[halb], wo wir jetzt sitzen. Dort ist meine Werkstatt sozusagen. Ich habe gesagt, ja, jetzt muss ich mich damit befassen: Warum sind wir hier in England? Da plötzlich hat´s mich gepackt. Da begann ich das Wiener Lied zu spielen und sagte, das heißt, ich muss mich damit befassen, dass ich ein Wiener Flüchtling bin. Und dann wurde ich eigentlich sozusagen böse. Warum … warum durfte ich nicht in Wien bleiben? Wo ich vielleicht hingehört habe. Und dann sage ich: ja, da ist ein Konflikt. Und die Töne wurden zu einer dramatischen Aktion, wo meine Themen in einen Streit kamen, der eigentlich ziemlich radikal wurde. Und ich habe sozusagen reingehaut mit Akkorden, die einen Radau machen. Und ich habe gewisse Akkorde geschrieben, die eine Art Schmutz bedeuten und die nicht logisch von einem Ton zum anderen geführt wurden, sondern die einen logischen Prozess unterbrechen. Und dieser Konflikt schrieb sich von selbst. [Zuspielung: Quartett]

Deswegen habe ich gesagt, dass, wenn mir aus dem Äther das Mein Muatterl war a Weanerin gekommen ist, will ich sozusagen die Antwort geben. Ja, das war ganz bewusst. Es ist ein Zitat, das jemanden, der zu der Zeit lebte, ganz an die Nazizeit erinnert. Und ich baute eine musikalische Episode, wo dieses Zitat sehr erschreckend wirkt. Also Leute, die das Zitat eigentlich nicht kennen, sagen mir oft, ja, da war dieses plötzliche Ding. Was bedeutet das? Dann erkläre ich es Ihnen. Es ist ganz kurz, aber sehr … wirkend – das Horst-Wessel-Lied: S.A. marschiert … [singt] … äh, dada dada … die Waffen … or something.

KIS Die Reihen …

Horovitz Die Reihen festgeschlossen, ja, ja, ja – ja, die Worte kann ich mich jetzt nicht …sonst hätte ich mich nicht erinnern … aber Sie haben mich forciert, die Worte zu erinnern. Aber es ist die Melodie. Ich habe das in Wien gehört, manchmal. Obwohl die Nazis verboten waren, waren doch Aufmärsche, wo die österreichischen Nazis mit den Hakenkreuzen mit den Armbändern … Und natürlich habe ich das gehört, es waren ja sehr viele Jahre seit 1938. Ich habe das geschrieben 1969, also lange 30, 40 Jahre. Da wurde dieses Thema des Horst-Wessel-Liedes … wurde ziemlich oft hier [in Großbritannien] zitiert und besprochen und so.

Was mir wieder schwerfiel, ist, dass ich sag´, ich kann es nicht so lassen, sondern ich muss diese schreckliche Episode musikalisch auflösen. Und deswegen wird das Ende des Quartetts ganz elegisch und legt sich langsam auf … eine, irgendwie, Genugtuung. Jetzt habe ich mir erklärt, was geschehen ist und warum ich weiter zu der tonalen Ruhe des Anfangs in diesem Quartett zurückkehren muss, weil mich das an den Gombrich erinnert, die Freundlichkeit, die Kultur, die schönen Sachen, die ich erlebt habe. Deswegen ist es so eine Wehmut, die aber eine Lösung findet, für mich, politisch wahrscheinlich nicht, aber musikalisch musste ich diesen Konflikt lösen, und weil ich nicht mehr ein Maler bin und weil ich kein Schriftsteller bin, musste ich das in der Musik machen. Es ist das einzige Werk, das ich geschrieben habe, das diesen Hintergrund hat. Deswegen ist es mir sehr wichtig. [Quartett bis Schluss]

Moderation KIS Einige von den Nationalsozialisten 1938 verfolgte und in die Flucht getriebene, in die Flucht gezwungene Österreicher mieden nach 1935 das Land, aus dem sie vertrieben oder aus dem sie gerade noch fliehen konnten, um nicht inhaftiert oder ermordet zu werden. Manche kamen sofort zurück, manche später, manche nur zu Besuch. Joseph Horovitz kam zu Besuch. Manchen fiel die Wiederbegegnung mit dem, was einmal Heimat war, schwer, manchen leichter.

Horovitz Es war einfach eine Barriere, die überhaupt nicht ausgesprochen ist. Mein Vater hat sehr gute und freundliche Beziehungen zu deutschen Verlegern gehabt, aber nicht zu österreichischen. Es war sogar eine Firma, Phaidon Köln, mit einem sehr gediegenen Kölner Verleger, der eigentlich in der Armee war und das ganz zugegeben hat. Er war in der Intelligenz [= Spionage] irgendwie. Die waren dann Auslieferer der Phaidon Bücher nach dem Krieg.

Aber ich bin nicht zurück nach Wien. Ich habe sogar einmal meiner Frau gesagt, dass gewisse Leute fahren auf Ferien in die Alpen, aber ich habe eine Abneigung gehabt dazu, bis komischerweise im selben Jahr, wo ich das sogenannte Gombrich-Quartett komponiert habe, 1969. Kurios, dass das im selben Jahr passiert ist: Da bekam ich plötzlich einen Brief von Wien, Postmarke Österreich, und zwar vom Theater an der Wien. Und die wollten … die haben mich eingeladen, nach Wien kurz zu kommen, um zu besprechen eine ganze Serie von meinem Ballett Alice im Wunderland, das im Theater an der Wien aufgeführt werden sollte, und zwar 25 Aufführungen in einem Jahr und zwei Jahre später wieder 25. Und meine Frau hat gesagt, ich glaube, das ist ein Zeichen, das ist ein Signal. Das ist dein Beruf. Und sie hat mich ermuntert. Und deswegen bin ich nach Wien – auf zwei Nächte. Und da habe ich in einem kuriosen kleinen Hotel neben dem Theater an der Wien übernachtet. Und man hat mich sehr freundlich empfangen … und war sogar bei dem Weißen Rauchfangkehrer [Restaurant im 1. Wiener Gemeindebezirk], kann ich mich erinnern. Wir haben die ganze Zeit besprochen und gespielt am Klavier mit Korrepetitoren und so. Die Idee war, dass das sozusagen ein Matinee -Ballett speziell für Kinder wird, fürs Jugendtheater [https://de.wikipedia.org/wiki/Theater_der_Jugend_(Wien)]. Und da war eine Aufführung 1970 und wieder 1972, und das war meine Rückkehr nach Wien. Ich habe mich überhaupt nicht gekümmert um meine Wohnung [in der er bis 1938 lebte]. Ich bin einfach aktiv [in Wien] gewesen, um zu verhandeln.

Nächstes Mal, bei der zweiten Saison, kam meine Frau mit mir. Und da hat es mich ziemlich bewegt. Ich habe so Herzklopfen bekommen und bin bei meinem Haus vorbeigegangen. Und da habe ich so eine … irgendwie so eine Attacke bekommen, aber nicht gefährlich, sondern innerlich. Und das hat mich kolossal ergriffen. Aber in ein, zwei Stunden ist das dann weg. Ich habe mir gesagt, jetzt konzentrier dich. Und da waren Verhandlungen und Tantiemen und so weiter. Und das war meine wirkliche Retour nach Wien. Und langsam habe ich mich daran gewöhnt – mit dem sehr netten Choreographen, ein gewisser Mitterhuber [https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Mitterhuber]. Der war ein Choreograph, der speziell im Theater an der Wien gewirkt hat und auch für die Oper. Und das war eine wunderschöne Aufführung. Von dann an habe ich gesagt, jetzt war ich schon wieder in Wien. Und jeder hat mich gefragt, wie hast du dich gefühlt? Ja, okay, ich habe eine Sachertorte gegessen, und die Leute waren sehr nett. Aber sofort nach meiner Pflicht habe ich das Gefühl gehabt, ich muss wieder weg. Damit ich es nicht zu genieße. Na, entschuldige mich bei ihnen. Und dann hat man mich gefragt, wie fühlen Sie sich? Ist das nicht eine Rückkehr in Ihre Heimat? Nein, es ist eine Rückkehr in eine wunderschöne Stadt, mit der ich verbunden bin. Aber meine Heimat ist eben in England. Meine Geburtsstadt ist Wien.

Und nach etlichen Jahren bekam ich dann einen Brief aus dem Blauen von Christian Heindl. Das habe ich Ihnen schon einmal erzählt. Ein netter Brief: „Ich arbeite teilweise in einem Plattengeschäft und habe eine Platte von Ihnen, Herr Horovitz, Alice in Wonderland. Und Sie sind ein Wiener. Warum sind Sie in London? Warum sind Sie nicht hier in Wien?

KIS Christian Heindl hat damals auch für den ORF, für Österreich 1, gearbeitet.

Horovitz Ja, ja. Und ich habe zurückgeschrieben: „Lieber Herr, sehr netter Brief“ und so. „Aber Sie müssen da bisschen Geschichte lernen. Da ist ein gewisser Grund.“ Dann bekam ich einen langen Brief: „Natürlich weiß ich das alles. Ich wollte nur sagen, es gibt Teile von dem Ballett, speziell einen typischen Wiener Walzer. Sie sind doch eigentlich urwüchsig hier, verpflanzt … und irgendwie. Und dann ist eine lange, jahrelange Korrespondenz hab´ ich mit dem jungen Mann Heindl. Und er ist ein guter Freund geworden. Noch immer heute. Wir sehen uns nicht sehr oft, aber wir telefonieren und schreiben seit wahrscheinlich den 80er Jahren, ich kann mich nicht mehr erinnern.

KIS Engländer, Brite, Österreicher, Wiener?

Horovitz Nein, Brite, ganz bestimmt. Nein, Engländer bin ich nicht, aber britisch. Ein Kritiker hat das irgendwo geschrieben. Er sagt, Vienna born, British bred. Das heißt also, Wien geboren, englisch erzogen. So stimmt es auch.

Hier protze ich mich ein bisschen – dass ich eigentlich das Ehrenkreuz bekommen habe, später, für Wissenschaft und Kunst. Dann soll ich das Ding nicht tragen. Und das tut mir sehr leid. Weil das passt in mein Knopfloch. Währenddem das Kreuz, das kann ich nur beim Opernball tragen mit Zylinder und so weiter. Und das andere ist eine ganz kleine, rote Knospe, die man tragt. Die Botschafterin, das war eine gewisse [Gabriele] Matzner-Holzer [https://de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_Matzner-Holzer]. Sehr, sehr imponierende Dame. Meine Frau hat sie gefragt, wenn Leute fragen, was ist denn dieses rote kleine Ding? „Dann müssen Sie antworten.“ Dann habe ich gesagt, aber die Engländer fragen nicht, das tut man nicht, weil das ist doch etwas Persönliches. Dann hat sie gesagt, na ja, so muss es sein, so muss es sein: entweder tragen Sie das Ehrenkreuz, oder wenn Sie das … [?] tragen, das passt sich nicht. Das tut mir äußerst leid.“

Moderation KIS Joseph Horovitz spricht von der Bedeutung „glücklicher Einfälle“ – und die könne man nicht lernen. „Ohne Handwerk aber kein Kunstwerk.“ Eines seiner meistgespielten Werke weltweit ist die Sonatine für Klarinette und Klavier – Horovitz nennt sie „unbeschwerte Musik, was schwer genug zu schreiben sei – und gar nicht leicht zu spielen.“ 1981 ist sie entstanden. Joseph Horovitz liebt die klassische Dreisätzigkeit. Für ihn steht sie für „Head, heart and toes“, wie er sagt, Kopf, Herz und Zehen, „also tänzerisch bewegte Füße“.

Horovitz Das war wieder eine Freundschaftssache. Ich habe von der frühesten Studentenzeit im Royal College, also das beginnt nach meinen Oxforder Studien, 1948, da habe ich einen später berühmten Klarinettisten kennengelernt, Gervase de Peyer. Übrigens eine Habsburger Familie. Ich habe ihn gefragt, warum heißt du de Peyer? „Ich glaube, das hat irgendwas zu tun mit Bayer und Peyer und Bayern. Wir sind eine alte Familie, die verzweigt ist auf Französisch und Deutsch und Schweizer.“ Aber das waren Engländer von verschiedenen Generationen. Der wurde ein sehr … ein Busenfreund sozusagen von mir.

Der sogenannte Hit ist der Mittelsatz. Der sanft romantische und … und so eher … ich würde nicht sagen Blues, obwohl der letzte Satz sehr jazzmäßig ist. Die Leute spielen das als eine Draufgabe sehr oft hier.

Aber der mittlere Satz ist für die Klarinettisten der schwerste, weil man lange Atemzüge machen muss und melodisch ist er eher ein Glücksfall. Also die Sonne schien, wie ich es g´schrieben hab´. Ich habe das gelernt. Es ist einfach so gekommen, also jede Note diktierte, was die nächste Note sein soll. Ich glaube, das ist eine Art Glückseinfall oder Inspiration. Na, jetzt kann man dazu sagen, Beethoven hat seine größten Werke sehr, sehr schwer gearbeitet und fast jeder Anfang war nicht am Ende genauso. Also, damit ich ganz den Unterschied betone [lacht] zwischen Beethoven und mir, abgesehen von vielen Sachen [lacht], muss ich sagen, dass bei mir der plötzliche Einfall eigentlich der beste … muss natürlich sehr viel arbeiten, um das zu erhalten. Aber das ist eine gewisse Technik.

[Musik: Joseph Horovitz: Sonatine, 2. Satz: Lento, quasi andante]

KIS Wie ist das wenige Tage vor dem 90. Geburtstag? Kommen sie immer noch die glücklichen Einfälle?

Horovitz Die kommen seltener, muss ich sagen.

KIS Bedrückt Sie das?

Horovitz Wahrscheinlich, aber ich fürchte mich so, wenn ich so auf Englisch … ein „grumbler“ … ein Nörgler!Ich will kein Nörgler sein. Und deswegen grabe ich in meine Stücke und will die Stücke noch besser machen, als sie waren. Das heißt, etwas ärgert mich, dass gewisse Sachen in älteren Stücken von mir vielleicht hätten können besser sein.Das ist meistens eine Frage von Tempo und Phrasierung. Es sind eigentlich nicht die Noten, sondern die Aufführungsweise ist für mich sehr wichtig geworden. Und das ist auch bei Aufführungen, weil ich war ja Dirigent.In der Jugend war ich Dirigent, bevor ich eigentlich wirklich zu komponieren begonnen hab´. Meistens im Theater, aber nicht nur. Ich habe erkannt, was für ein Unterschied es sein kann, wenn man Leuten ein Stück vorspielt, das eben genau so ist, wie der Komponist es will, oder dass es eben nicht so ist, weil der Komponist nicht genau genug gewusst hat oder gelernt hat, wie man das ausdrücken kann. Der Musiker hat sehr viel dazu beizutun [beizutragen], um ein Werk erfolgreich zu machen. Und ich will dem Musiker helfen, indem ich meine Musik ganz polier´, so wie ein Juwelenarbeiter.Und das mache ich jetzt. Das ist meistens, wenn mich jemand anruft und sagt, ich spiele Ihr Oboen-Quartett and so on. Darf ich es Ihnen vorspielen?

Und dann kommt jemand her und ich treffe die Leute irgendwie und höre mir das an. Und die sagen, ja, wir spielen genau, was da steht. Da sage ich, ja, naja, es hätte eigentlich nicht so stehen sollen.Und dann vertief´ ich mich, ich nehme die Partitur, die meistens schon verlegt ist. Die Schwierigkeit ist dann, wenn ich endlich die Änderungen gemacht hab´, dann ist es nur für diese Aufführung. Dann komme ich zu dem Verleger und sag´, kann man das den Leuten sagen? „Ja, wo weiß ich denn, wo das Stück ist? Das kann ja in Argentinien sein, irgendwo.“ Also, das stört mich – sehr.Ich habe allerdings vor eineinhalb Jahren ein Lied komponiert, ein Lied mit einem Gedicht von William Blake. Eigentlich ein eher pessimistisches Lied, obwohl ich kein Pessimist bin.Ich bin eigentlich ja ein Pessimist. Und man fragt mich, warum sind Sie Pessimist? Ich sag´, weil ich will immer nett überrascht sein.Also, deswegen glaube ich, hoffe ich, habe ich meinen Humor erhalten. Eigentlich Pessimist. Ich freue mich, wenn etwas wieder gut ausgeht.

Moderation KIS Für ihn und seine jüngere Schwester ist es gut ausgegangen. Nach der Abfahrt aus Wien, wie Joseph Horowitz zunächst gesagt hat, die Zeit als Flüchtlinge in der Emigration, im Exil, als Fremde in Großbritannien.

Horovitz Da war eine Schule hier, eine „prep school“ [prepatory school; Privatschule für 7 bis 13-Jährige], also eine Präparierschule, um in eine englische Grammar School – ein Gymnasium zu gehen. Und da musste man ein Examen haben. Und das Problem für Einwanderer war, wie kann man sich präparieren.Und da gab es eine Schule, die eigentlich eine orthodoxe Schule war. Das heißt, die Inhaberin, die Haupt [= the Head; Direktorin], war eine Leipziger Dame. Sie und ihr Mann waren Flüchtlinge von Deutschland.Die kamen schon 1934 nach London, sprachen alle mit so einem sächsischen Dialekt. Und das waren sehr orthodoxe Leute, aber ganz modern angezogen. Die haben eine Schule eröffnet für Flüchtlingskinder.Und dort kamen wir hin und dort wurde nur Englisch gesprochen. Zwei englische Lehrer wurden engagiert und auch Assistenten. Und sehr viele Kinder mussten überhaupt nicht zahlen.Das wurde alles von Gönnern, von Stiftungen … Weil viele Kinder kamen ja an dann später in den 1930ern mit Kindertransporten und so. Und wir waren in einer Klasse, wo schon andere Flüchtlingskinder seit 1934 waren. Und wir wurden vorbereitet: Englisch, Latein und Mathematik und allerhand, damit wir die Prüfung machen konnten in eine englische [Grammar School]. Und das war wunderbar. Das heißt, eines Teils konnten wir uns gemütlicher gewöhnen an das Englische, aber wurden auch jüdisch erzogen in dem Sinne, dass zum Beispiel nach jeder Mahlzeit ein Benediktionsspruch gesprochen wurde, ein hebräischer. Also wie man das so bei anderen Religiösen, bei christlich Religiösen macht. Das war so eine gemütlich religiöse Schule, wenn man das so ausdrücken kann.Und das war wunderbar. Man gewöhnt sich, die Lehrer waren alle von den feinen englischen Schulen. Und das war, glaube ich, eine geniale Lösung für viele Kinder.

Natürlich, 1939 am 3. September [sic], da war der Ausbruch des Krieges. Da war ich schon ein halbes Semester in der neuen Schule, in der University College School in London [University College School Hampstead London]. Mussten aber wegen den Bomben, mussten wir evakuieren von London, weil … wir hatten sogar eine Brandbombe, nicht eine volle Bombe, in den Garten, wo wir gewohnt haben.Also wir übersiedelten nach Oxford, wo, angeblich, es keine Bomben gab. Ich glaube auch, dass es keine Bomben in Heidelberg gab.Ich glaube, da war irgendwie so ein Verständnis, würde ich sagen, dass die zwei Universitäten sich nicht mit Bomben bewerfen. Ich weiß nicht, wie wahr das ist, aber es war keine Bombe in Oxford. Und ich hoffe, es war keine Bombe in Heidelberg, aber ich bin nicht sicher.

KIS Joseph Horowitz, das Flüchtlingskind aus Wien, wie war das mit elf, zwölf Jahren von einem Tag auf den anderen: Englisch sprechen, englische Lieder, englische Literatur, Schuluniform, Roastbeef statt Wiener Schnitzel und Cricket statt Fußball? Haben Sie und Ihre Schwestern das als Zwang empfunden?

Horovitz Hab´ ich nie gespürt, nie gefühlt, und hab´ nie etwas von Kollegen, die auch Einwanderer waren … das hab´ ich nie gehört, muss ich wirklich sagen. Ich hab´ es auch nicht gehört von Erwachsenen, weil wir waren ja sehr viel mit anderen Einwanderern, mit Emigranten … auch jüdische, eigentlich nicht nur jüdische, es waren auch andere, gewisse von … Tschechen und gewisse Polen und sogar Holländer, die auch Einwanderer waren, die auch wegen des Kriegs und weiteren Sachen hier in England waren.Das war kein Zwang, das war eine Notwendigkeit. Die Leute wollten richtig Englisch lernen und gingen ins Kino, wenn sie konnten, wenn sie nicht interniert waren. Es waren ja viele Leute interniert als Feinde. Wir waren ja eigentlich, was man nannte: enemy aliens. Speziell bei Ausbruch des Krieges wurden viele Leute nach der Isle of Man … nicht nur, aber das war das Hauptinternierungs-Camp, weil man gemeint hat, wir sind so Spione oder irgendwie. Und man hat sich daran gewöhnt, das war nicht gut.Mein Vater wurde interniert, nur vier Stunden lang. Irgendwie hat man ihn freigelassen, weil ich glaub´, jemand gesagt hat, wir brauchen den Mann wegen Export für Bücher. Das war noch ein Jahr, wo Amerika noch nicht im Krieg war.Und die Bücher, die mein Vater verlegt hat, waren eigentlich ein großer Export für England. Das Papier war wichtig für Publikationen, nicht nur Kunst, aber für allerhand Sachen, Zeitungen und so.Deswegen war er nur auf der Polizeistation … vier Stunden. Ein Zwang war: Wir konnten nicht von unserer Evakuierwohnung in Oxford, wir konnten nicht abreisen, nach London kommen, ohne Polizeierlaubnis. Also mein Vater fuhr jeden Tag von Oxford nach London.Das sind ungefähr eineinhalb Stunden. Aber er hat so einen Pass bekommen von der Polizei, und er musste das jeden Monat erneuern. Und dann, wie die Bomben wirklich nach London kamen, dann hat er ein kleines Büro in Oxford eröffnet und blieb dann den Rest des Krieges dort.Aber wir hatten … wir fühlten keinen Zwang. Die meisten Emigranten haben sich mit dem Englisch sehr gut verstanden [verständigt], mit der Sprache. Es waren sogar sehr witzige Sachen dabei.Die Übersetzung hatte einen gewissen humoristischen Einschlag. In London, in gewissen Stadtteilen, wo viele Emigranten waren, zum Beispiel Nordwest-London, ist noch heute ein Überbleibsel von diesen Emigranten. Die Leipziger, die deutschen Juden, haben sich in Golders Green gesammelt.Und die Wiener waren eher in Swiss Cottage. Mein Vater hat immer gesagt, weil Swiss Cottage heißt Schweizer Hütte, und Schweizer Hütte hat so etwas Ländliches, das den Wienern gefallen hat. [Anmerkung: Das Schweizerhaus, früher auch „Schweizer Hütte“, ist eine traditionsreiche Wiener Gaststätte im Wiener Prater. https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizerhaus_(Wien)] Und da war auch ein Cabaret, das hieß Das Laterndl.Das Laterndl war ein Wiener Emigranten-Cabaret. Sehr populär hier. Und wir wurden sogar hingeführt, ich kann mich erinnern. Undda waren so Emigranten-Witze mit Wortspielen, wo englische Worte mit deutschen vermischt wurden. Es gab sogar Reports, dass der Schaffner auf dem Autobus hat ausgerufen: Finchley-Straße, also das ist die Hauptstraße, die nach Hampstead und Golders Green führt. Die Leute haben sogar mit aller Armut … die meisten Leute haben ja Unterkunft entweder von englischen oder von Organisationen oder von englischen Familien [bekommen], und die wurden erhalten sozusagen von Gemeinden, gewissen Distrikten und so. Und auch Privatleute, da waren gewisse sehr reiche Engländer.Es gibt sogar heute noch sehr viele Leute, die im Rundfunk noch heute sind, sehr bekannte Leute, die mit Emigranten-Kindern aufwuchsen. Also man redet heutzutage viel davon, wie kann man mit Emigranten zu tun haben.Ehemalige Emigranten, so wie ich, wir erinnern uns an die Freundlichkeit, die wir genossen haben eigentlich – nicht nur, es gab Einzelfälle, wo ganz rabiate Sachen da waren. Also „unfreundlich“ ist das mildeste Wort, das man sagen kann.Aber im Großen und Ganzen haben sich die Leute gut gefühlt und sicher gefühlt. Natürlich voller Angst, weil gewisse Leute, mein Vater, mein Name, meines Vaters stand auf der Liste von den Nazis, wenn die London erobern werden. Er war ein markierter Mensch.Warum? Weil er ein Akademiker und ein Buchverleger war. Nichts anderes.

Die Neuigkeiten, die wir hörten von Leuten, die noch in Amerika waren, die reisen konnten und dann von Leuten, die aus neutralen Ländern, so wie Portugal oder der Schweiz, Berichte brachten, was da eigentlich politisch vorging, wie Leute noch endlich von Wien über die Pyrenäen irgendwie nach Südamerika kamen. Zum Beispiel Frankreich war ganz abgeschlossen, Italien war abgeschlossen, aber irgendwie gewisse Leute, die erst in 1939, ganz im letzten Moment, sogar nach Kriegsausbruch, endlich von Wien weggekommen sind. Ganz nahe Verwandte von uns haben das auch gemacht.Und wir hörten das erst, noch bevor Amerika in den Krieg kam, da war noch Briefwechsel. Und wir erfuhren nur durch Amerika, wo die anderen Verwandten waren. Weil … wir konnten ja nicht mit Wienern schreiben, wir konnten nicht schreiben nach Wien.Bis 1939 ja, Briefe und telefonieren sogar. Aber zu damaliger Zeit, man muss sich erinnern, es ist nicht so wie heute, wo die Leute ihr Telefon jetzt in der Hand haben und so. Da musste man irgendwo hingehen und telefonieren und so, das war eine große Sache. Das konnte man noch mit Amerika machen. Das heißt, wir erfuhren, dass Verwandte aus Wien sind endlich in Amerika angekommen.

Moderation KIS Joseph Horowitz unterrichtet immer noch einen Tag in der Woche am Royal College of Music London Komposition. Früh kam der am 26. Mai 1926 in Wien Geborene in Berührung mit dem, was in England nach der Flucht aus Wien sein Beruf werden sollte.

HorovitzIch hab´ Klavierstunden gehabt bei einer älteren Dame, die zu uns kam. Ich und meine jüngere Schwester hatten Klavierstunden einmal die Woche und da haben wir so ganz normal Czerny-Studien und kleine Minuets von Haydn und so gelernt.Das war eigentlich das Erste. Mein Vater hat bisschen Violine gespielt. Er sagte selber „sehr schlecht“ und er hat nie mit Noten gespielt.Also ein bisschen paar Zigeunermelodien, die er gehört hat. Aber ich hatte eine sehr musikalische Tante, die Schwester meines Vaters, die sogar populäre Lieder komponiert hat. Da waren ein, zwei, die wurden verlegt, aber der Verleger hat gesagt, er kann nicht einen Mädchennamen nennen, sagt er, niemand kauft Musik von Frauen.Sie hieß Bertha, sie hieß Bertha Horovitz. „Nein, nein, Sie müssen …“ … das hat mir meine Tante erzählt: „Sie müssen den Namen ändern.Ich schlage vor, wir nennen Sie Berti Horovitz.“ Das Lied hieß „Süßes kleines Mädel“ … „Süßes kleines Mädel“. Und das hat sie mir vorgesungen.Sie war eine wunderbare Klavierspielerin. Die Familie hat das Lied sehr oft gehört und so ein bisschen nachgespielt. Ich glaube, ich habe ein bisschen Musik von ihr.Viel später habe ich erfahren, dass dieser wunderbare Pianist Wladimir Horowitz eigentlich von derselben Familie kam. Aber ich weiß, dass ich nichts davon geerbt habe. Ich war ein ziemlich guter Pianist, aber so wie Horowitz konnte ich nicht spielen.Das habe ich bald erfahren. Ich habe ziemlich gut gespielt am Ende.

Dann ging ich in das Konservatorium in Wien.Das war in der Johannesgasse. Übrigens in derselben Gasse, wo meine Volksschule war. Die existiert nicht mehr.Ich glaube aber, das Konservatorium ist noch immer da. Dort ging ich ein- oder zweimal hin. Wahrscheinlich war ich neun oder acht … oder neun.Das war ein großer Einfluss auf mich. Da war eine sehr nette Dame, die sozusagen die Kinder unterrichtet hat in Harmonie am Klavier, und wir mussten singen, und die hat das so erklärt, dass wir eigentlich Harmonielehre gehabt haben, ohne einen Bleistift in der Hand zu haben. Das war ein Rieseneinfluss auf mich. Ich weiß nicht, wie die Dame hieß.Sie war so eine musikalische Kindergärtnerin. Wunderbar. Übrigens, als kleiner Bub hab´ ich immer gemeint, das ist die schönste Frau, die ich je im Leben gesehen hab´.Ich kann mich noch ganz gut erinnern. Komisch. Wahrscheinlich kann man rausfinden, wer das war.Da waren Buben und Mädels zusammen. Das war meine musikalische Erziehung.

Musik gehört … Ich war nur in einem Konzert in Wien, ein Konzert. Ich wurde von meiner Großmutter in den Konzertverein geführt, wo ein Klavierabend war.Das wurde gegeben von dem englischen Pianisten Clifford Curzon. Das war ein großes Erlebnis. Ich kann mich nicht erinnern, was er gespielt hat.Aber nach dem letzten Stück rannten alle jungen Leute bis zur Plattform und wollten eine Draufgabe. Da spielte er ein Impromptu von Schubert, das ich begonnen hatte zu lernen. Aber eigentlich hat er auch sehr viel englische moderne Musik gespielt.Das habe ich erst vor ein paar Monaten erfahren. Ich habe ihn also damals eigentlich nur gesehen. Das könnte 1936 … ´37 gewesen sein.Ich glaube, es war ein großer Saal. Und so ganz rektangulär. Er war länger als breiter.Ich glaube, wenn jemand Zeit hätte, nachzuforschen, einen Besuch von Clifford Curzon in Wien, einen Klavierabend, könnte man das sogar vielleicht finden.[1]

Am Radio habe ich nur Märsche gehört. Notstandskapellen: Märsche oder Wiener Walzer oder Polkas. Ich weiß nie, wer das Radio aufgedreht hat, wahrscheinlich um Neuigkeiten zu hören.Aber am Radio hörte ich nie klassische Musik. Ein brauner Kasten stand in der Ecke. Und da haben die Leute immer mit Knöpfen gedreht, und dann hat es immer so gequiekt und gequietscht. So wuii wuii wuii wuiiii …

Ich hatte zwei jüngere Onkel, und die waren so in den 19, 20. Und die haben ein bisschen Jazz gehört auf Grammophonplatten.Ich habe sogar in unserem Kinderzimmer, oder wo ich war, da hat am Abend … wir haben so eine Frau gehabt, die auf uns aufgepasst hat und auch ein bisschen meiner Mutter geholfen hat. Und die hat uns immer ins Bett gebracht sozusagen … Badezimmer … also kleine Kinder. Und die hat den Grammophon aufgedreht und hat eine Platte gehabt, wo Musik von Stolz, Robert Stolz, war.

Und da war Adieu, adieu, mein kleiner Gardeoffizier. Jeden Abend. Jeden Abend.Und so gingen wir zu Bett.

[MUSIK: Adieu, mein kleiner Gardeoffizier, adieu ...]

Später im Leben hab´ ich sogar sehr gut gekannt die Witwe von Robert Stolz, die Einzi. Die hat viel mit England zu tun gehabt.Robert Stolz hat ein ungeheures following, Fans, in London, in England, gehabt. Sie war sehr oft hier und hat so Interviews gegeben. Und ich glaub´, da waren viele Tantiemen in der Urheberrechtsgesellschaft, mit der ich dann später im Leben sehr viel zu tun hatte, hier in England.Ich war im Vorstand. In Österreich heißt die AKM. Bei uns ist es die PRS, Performing Rights Society.Da war ich 30 Jahre. Und da habe ich gewisse Leute kennengelernt von der AKM, sehr gut befreundet dann später.Das ist Jahrzehnte später. Erstens hat Robert Stolz alle seine Sachen selbst orchestriert, zweitens hat er Harmonie gekannt.

[Musik: Adieu, mein kleiner Gardeoffizier, adieu…]

Moderation KIS Eine Aufnahme aus dem Jahr 1931. Richard Tauber, das Odeon-Künstlerorchester unter der Leitung von Frieder Wassermann.

HorovitzIch hab´ das am Klavier gespielt einmal. Das war eins von Couperin – ein Stück für Clavecin, also für Cembalo.Er nennt es die „Ordre“. Die 8. Ordre, die achte Serie. Und das war ein sehr chromatisches Thema. Weil es chromatisch war, war es schon sozusagen ein bisschen outré.Es war nicht das Normale für Hausarbeit. Etwas Chromatisches im frühen 18. Jahrhundert war sozusagen der Jazz der Zeit, weil es chromatisch ist. „Das bin ich schon: Bach!“ Da ist immer etwas entweder Tragisches oder Kurioses.Weil es ganz verschieden vom Kirchenstil ist. Der Kirchenstil ist sozusagen reine Musik. Und die Kirchenmusik hat sich jahrhundertelang gewehrt gegen das Fis und das B.Wenn Sie einen Frühdruck von diesen Musikstücken sehen, sehen Sie das gelegentliche Fis, das Kreuz sozusagen, nicht neben der Note, sondern zwischen den zwei Zeilen. So als ob der Drucker und der Komponist sich schämen, dieses Kreuz hinzumachen.Was wir nennen die Tierce de Picardie, zum Beispiel das Ende eines Stückes in der Molltonart, das dann in der Durtonart endet, damit es schön klingt.Die schreiben das Fis, das Kreuz, nicht neben die Note, sondern ad libitum. Also das ist eine alte Geschichte, ein bissl technisch ausgedrückt.Ein chromatisches Thema, das dann wunderbare Änderungen macht bei Couperin. Und ich hab´ mir gedacht, ich will dieses Thema nehmen für eine Serie von Variationen, eine Fantasie. Das ist wieder eine ganz andere Form.Die ist ungefähr zwölf, dreizehn Minuten, keine Pause. Der Aufbau ist so, dass ich dieses chromatische Thema genau in die Mitte des Stückes platziert habe.Und ich beginn´ mit meinem eigenen Thema. Das ist so positiv: a-Moll, in der Art von Vivaldi. Das war ja alles sehr international zu der Zeit.Ich habe mir gedacht, ich beginne da ganz positiv und steuere ganz bewusst auf die Mitte des Werkes zu, also ungefähr sechs Minuten hin, und dann führ´ ich das Thema von Couperin ein, gesetzt genau wie Couperin.Und das sind ungefähr drei Takte, sehr chromatisch und harmonisiert so wie der Couperin und dann variiere ich dieses Thema, eigentlich nicht wirklich Variationen, das sind Diversionen, das sind Divertissements über dieses Thema: wie bringe ich das chromatische Element weiter, indem ich es behandl´, verziere und umdreh´, sodass man das Gefühl hat, ich geb´ dieses ganze chromatische Thema in eine Faschiermaschine. Dann kommt es zu dem Punkt, wo ich genug faschiert hab´ und steuer´ wieder meinem Heimatthema zu, das dann das Werk endet.

Ein Kritiker hat einmal gesagt, „this is Couperin sandwich.“ Das war eine gute Sache. Aber man muss es hören, es ist ein ernstes Werk, es ist nicht leicht sofort für das allgemeine Publikum, aber es ist eine Art Barockstück.Es ist wieder … wieder sehen Sie, klassisch. Der Ursprung ist meine Herkunft von der Klassik.

[Musik: Couperin]

Das Moderne dabei ist eigentlich nur, dass es heut´ g´schrieben wurde. Ich weiß nicht, warum ich mich eigentlich entschuldigen muss. Ich sage ja immer, ich schreib´s, weil ich es hören will, weil ich´s noch nie gehört hab´, jetzt schreib´ ich etwas hin, was ich hören will. Und wenn jemand anderer mithören will, dann is´ gut. Das ist meine Entschuldigung für das Stück.Sehen Sie, die Leute, die ganz modernistisch veranlagt sind, die würden sagen, das ist kein Grund, warum … Boulez würde sagen, das ist kein Grund. Ich wollt´ gewisse Sachen hören, die noch nicht da waren.Aber Gott sei Dank haben mich Musiker beauftragt, ihnen etwas zu schreiben. Und manchmal kam es sogar zu einer Bezahlung. Aber das war nicht der Grund.Auf einmal war ich so ein Komponist. Das ging jahrelang, weil ich hab´ eigentlich meinen Unterhalt verdient als Dirigent. Bis ungefähr im Alter von, würd´ ich sagen, 35, da wurde mir bezahlt.Ein bisschen. Und dann ein bissl mehr. Nicht nur wegen dem Geld.Ich hab´ geglaubt, wenn das jemandem etwas wert ist, dann wollen mir die Leute das bezahlen. Das ist so … so … fast biblisch. Der Arbeiter soll bezahlt werden.

Zu der Zeit haben wir schon, wir Ex-Studenten von Oxford, haben wir schon erkannt, dass Schönberg und seine sogenannte Zweite Wiener Schule, so genannt, sag´ ich … Das ist eigentlich nicht die Zweite. Das ist die Dritte. Die Zweite ist Bruckner und Franz Schmidt. Mindestens. Und vielleicht Josef Marx – das ist der Zwischenrang. Und dann hat mir der Wellesz gesagt, er hat mit Schönberg nach dem Krieg öfters gesprochen, wo beide gesagt haben, es wundert sie, warum man in Peru und in der Türkei dieses Wiener Experiment wiederholen will: „Das ist ja für uns gewesen.“Das ist ja für uns gewesen. Das hat er gesagt. Ich kann das noch immer nicht ganz gut verstehen, aber ich hab´ das Gefühl gehabt, dass die Zwölftonperiode ein Experiment war und das hat der Schönberg erkannt, und der Wellesz schon früher.Also dass man dann 1950 in England und Amerika begonnen hat, Zwölftonmusik zu schreiben, was fast de rigueur war, speziell mit Boulez and so on, der übrigens gleichaltrig mit mir war, der auch in Paris war, wie ich mit der Nadia Boulanger studiert hab´.Das hat damals begonnen. Ich hab´ gesagt, die Zwölftonmusik, das war für uns, das war unser Experiment. Vielleicht war das so eine ganz persönliche Sache, aber ich glaub´, es ist doch gut zu erwähnen, dass von dem ersten Biographen von Schönberg und Schüler und Kollegen und Bewunderer von Schönberg, dass das von Wellesz gekommen ist.Aber ich schwebe da so rum, wissen Sie.

Da war eine gewisse Zeit, das war schon nach dem Krieg, und zu der Zeit machten wir Übungen in Zwölfton, in ganz strikter Zwölftonmusik, dodekaphonisch. Ich hab´ das eigentlich ganz … so leichtgenommen, und das war bisschen so wie ein Kreuzworträtsel.Ich habe eine Reihe aufgestellt, eine Tonreihe, und hab´ dann Übungen gemacht, wie man das ändern kann, wie man das abteilen muss und wie man eine Harmonik etablieren konnte, wenn man die Tonreihe auch vertikal benutzt, nicht nur horizontal. Also Musikzuhörer würden das verstehen. Das heißt, die Tonreihe konnte als Melodie erfasst werden und als Akkord unter der Melodie.Es hat so einen gewissen Reiz für mich gehabt, das Notenblatt hat sozusagen den Ausdruck einer Zeichnung bekommen und graphisch hat es mich interessiert. Und plötzlich, ich habe mir gesagt, warum sing´ ich nicht dabei? Wo ist dieses innerliche Singen, das ich hören wollte?So ist es bei mir geblieben, wenn ich innerlich nicht singen kann, was ich schreib´, dann ist es falsch, dann wird´s nichts. Auch wenn es eine dumme Melodie ist, aber irgendwas muss singen. Ich konnte nicht dabei singen, weil dieses endlose Spinnen von Halbtönen, wo man gar nicht weiß, ob das ein Gis ist oder ein Fis.Atonal ist noch möglich. Atonal, sage ich zu Schönbergs 1. Kammersymphonie, sie ist nicht dodekaphonisch. Es ist einfach a-tonal, also nicht tonal.

KIS Freitonal?

Horovitz Freitonal. Ja, das stimmt, ja. Jedoch dieses Werk … sehr schwer musste das für ihn gewesen sein. Er musste ein Stück schreiben, wo man nicht eine, wie man das auf Englisch sagt: tension and relief, wenn ich die Spannung und Entspannung nicht spüren kann, was eben bei der Zwölftonmusik so ist, dann kann ich mich damit nicht ausdrücken.Aber die 1. Kammersymphonie, das kann ich verstehen und ich kann zuhören, obwohl ich gestehen muss, dass es mir nicht besonders sympathisch ist. Ich kannte eine wunderbare Pianistin, eine gewisse Katharina Wolpe, die war die Tochter von Stefan Wolpe. Wunderbare Pianistin.Und ich habe mit ihr darüber gesprochen, mit diesem A-tonal, weil ihr Vater, Stefan Wolpe, war ein Zwölftonkomponist. Sie hat mir gesagt, nach all dem, was du sagst, ist es mir ganz klar: diese Musik ist dir einfach nicht sympathisch. Hab´ ich g´sagt: Kathi, so stimmt´s: nicht sympathisch.

Deswegen ist der Schönberg nicht weniger ein großer Musikhistoriker, ein fantastischer Musikschriftsteller und ein wunderbarer Komponist in den Gurreliedern und … Verklärte Nacht … und verschiedenen anderen Sachen. Nur eines würd´ ich sagen, was man wahrscheinlich in Wien nicht liebhaben wird, wenn ich das sage: Schönbergs Orchestrierung der Johann Strauss-Walzer … ich finde, obwohl sehr nett gearbeitet, sie sind nicht so schmissig, wie der Johann Strauss sein soll, währenddem Weberns Orchestrierung von dem Bach-Ricercar, finde ich, ist eine wunderbare Wiedergabe von diesem Werk.

Ich habe nur Bewunderung für die sogenannte Zweite Wiener Schule, aber als Musiker ...Es ist komisch, wenn man Leute so bewundern kann und doch nicht übereinstimmen. Ich muss mich damit begnügen, wenn ich sage, das ist eine ganz persönliche Sache, und das ist Geschmackssache am Ende. Die Musik, die sich an diese Methode hält, oder quasi an die Methode hält … ich würde sozusagen mich nicht anstellen, um eine Karte zu kaufen.Ich bin eher so ein vergnügter Barspieler. Ich bin so ein Populist. Ich habe diesen Ruf in England.

Viele Engländer haben mir sehr oft gesagt, dass ich viel zu Englisch bin in meiner Musik. Ich habe sehr viele englische … also nicht Volkslieder, aber die manière von englischer Musik, speziell spätes 18. Jahrhundert, wo sie desperat von Händel wegwollten, aber es doch nicht konnten.Da musste man warten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wo dann Elgar und dann Vaughan Williams und so … das wurden dann wieder englische Komponisten. Ich habe mich sehr vertieft darin.Man hat mir oft zugelegt, man kann sich nicht vorstellen, warum ich so englisch sein will.

KIS Sie können sich über mangelnde Aufführungen Ihrer Werke nicht beklagen. Die Klarinettensonatine ist ein Standardwerk, Susan Graham und Malcolm Martineau spielen Lady Macbeth – A Scena. Also, sind Sie anerkannt?

Horovitz Ja, das klingt eher so unbescheiden: Ich glaube, ich bin nicht eigentlich richtig erkannt, weil die humorvollen Stücke, die kurzen Stücke, die sind anerkannt, aber ich glaube nicht genügend richtig anerkannt, sondern die normalen Sachen, „das ist eine flotte Sache, das ist witzig und so“, das stimmt, aber der Ernst, der hinter den Sachen ist, der wird nicht erkannt. Weil, wie jeder weiß, der Clown ist ein ernster Mensch.

Und meine sozusagen – ich bin bekannt wegen den Hoffnung-Stücken für Gerard Hoffnung, das [Hoffnung] Music Festival, Horrortorio und all die Sachen, dahinter steckt eigentlich eine ganz seriöse und ernste Attitüde. Und die Werke, die, sagen wir zum Beispiel, das ist mein 5. Quartett, worüber wir gesprochen haben, das wird anerkannt, aber doch als eher zeitgebunden an die Mitte des 20. Jahrhunderts … nicht so relevant.

Das ist [= engl. that is; dt. das heißt] manchmal wird das gesagt, aber ich muss doch sagen, dass das allgemeine Publikum in der ganzen Welt eigentlich mir sehr, sehr willkommene Briefe und E-Mails schickt und so, das freut mich natürlich. Manchmal ist es mir unangenehm, wenn zum Beispiel eine Zeitung mit ganz ausschweifendem Lob etwa fünf Sterne gibt für ein Stück, das ich eigentlich abgedreht hab´ am Radio, weil ich es nicht aushalten konnte. Dann habe ich mich gefragt, was fehlt an mir oder bin ich ganz dumm oder warum heißt das ausgezeichnet?Also nicht im Vergleich zu mir, aber warum belohnt man das Stück, und ich möchte´ gern wissen, was ist in dem Sinn des Kritikers [was denkt sich der Kritiker], und selten, dass ein Kritiker mir das eigentlich erklärt hat. Ich kenn´ nämlich viele Kritiker, ganz befreundete Leute, die haben mich gefragt, was hast du davon gehalten und ich hab´ gesagt, ich habe es abgedreht, ich konnte es nicht aushalten. Erstens habe ich es nicht verstanden, dann muss ich sagen, ich sehe nicht, warum ich mich da peinigen soll eine halbe Stunde, ich weiß schon, dass es mir nicht gefällt.Warum soll ich Musik hören, die mir nicht gefällt? Wenn ich in ein Restaurant geh´ und mir die Suppe nicht gefällt, dann zahle ich und gehe hinaus. Warum muss ich weiter die Suppe essen, im Falle, dass ich eventuell draufkomm´, wie gut die Suppe ist.Also das ist vielleicht eine eigensinnige Idee.

Ich bin ja ein Lehrer, und meine Schüler sind Komponisten, und da bin ich meistens, so sagen die Schüler, sehr zuvorkommend und ich will ganz unbedingt mich versenken in die Idee des Schülers. Und wenn da jemand zum Beispiel mit einer seriellen Sache oder zum Beispiel mit einer ganz tonalen Sache, die so ohne Geschmack oder sehr wenig Geschmack ankommt, dann muss ich das anders ausdrücken und sagen, mir gefällt es nicht, aber es hat nichts damit zu tun. „Hier haben Sie einen Fehler gemacht und zwar folgendes, und dann versuche ich zu erklären, warum der Komponist seine Sprache vermischt hat.“ Das heißt, das Vokabular ist ausgetreten von dem Vokabular, mit dem er begonnen hat. Es ist so, wie wenn einer ein Gedicht beginnt in der tschechischen Sprache und plötzlich französisch spricht.Und das passiert sehr oft bei Schülern. Bei Musik bin ich mit der Erklärung nicht zufrieden. Also die Suppe muss man kosten.Eine Suppe kann man nicht erklären [lacht]. Und auf diese Art sagen mir Schüler in Briefen nach vielen Jahren, es scheint, dass sie zufrieden waren irgendwie. Sie kriegen Preise und so.Also sehen Sie, ich bin eigentlich nicht so bescheiden, wie man sagt. Manche sagen, ich bin bescheiden. Aber die Anerkennung, manchmal kommt sie ganz überraschend und manchmal fehlt sie.Und ich freue mich nicht, wenn ein Kollege eine schlechte Kritik kriegt … freut es mich nicht. Ich ärgere mich für ihn.

Ein paar Stücke, die so glückliche Stücke sind: Mein Captain Noah, eine Kantate für Jugendliche, angeblich, aber es wird überall gesungen, wurde übrigens in Wien auf Deutsch aufgeführt unter meiner Leitung im Akademischen Gymnasium vor ein paar Jahren. Ein netter Chor, die haben das alles einstudiert.

[Musik: Captain Noah]

Das ist sozusagen mein, wie man sagt, mein Hit eigentlich. Das war eine Zusammenarbeit zwischen dem humoristischen Dichter Michael Flanders. Und da habe ich Inspiration bekommen, denn der Flanders war so ein … das Thema war Noah und die Sintflut. Und er hat das auf sehr humoristische und ganz weise Art in Gedichte übertragen. Und ich hab´ gesagt, nun gut, danke, jetzt werde ich mich hinsetzen. Er hat gesagt, nein, du wirst dich nicht hinsetzen.Du wirst mich hören, das rezitieren. Er wollt´ es mir vorlesen. Und wie er das vorgelesen hat, so habe ich es komponiert.Also das heißt, ich habe seine Vortragstempi und die Pausen und die Akzente, die er gemacht hat … er war ein wunderbarer Schauspieler. Das waren Einfälle, die sozusagen gesprungen kamen, wenn ich ihn lesen hörte.Das ist eine Sache.

KIS Gilbert und Sullivan haben ähnlich gearbeitet. Gilbert hat dem Komponisten Sullivan vorgelesen und Sullivan hat das als Ausgangspunkt für ...

Horovitz Das ist kolossal. Sie könnten gleich ein Professor werden hier.Das habe ich nicht gewusst, aber ich habe das gefühlt. Ja, ich habe das gefühlt auf diese Art. Und deswegen würde ich sagen, es war doch mein Einfall.Sie haben mich gefragt, ob es ein Einfall war. Das ging dann eigentlich ganz leicht, ganz flott. Natürlich ausgearbeitet mit Harmonie und Klavierspiel.Das habe ich oft aufgeführt. Und es gibt verschiedene Aufnahmen. Manche sind sehr populär geworden.

[Musik: Captain Noah]

Es existiert, schön gedruckt in einer guten deutschen Übersetzung, gelegentlich gespielt vom Leipziger Kinderchor, aber es sollte doch irgendwie auf Deutsch gespielt werden. Das ist ein bescheidener Wunsch vielleicht.

[Musik: Captain Noah]

Absage: Geboren in Wien, britisch aufgewachsen. Der weite Weg des Joseph Horovitz. Ein Ö1-Extra zum 90.Geburtstag. Tonmeister: Martin Leitner und Andreas Karlberger. Gestaltung: Peter Kislinger.


[1] Wiener Konzerthaus, Mozart-Saal, 29. Oktober 1936: https://konzerthaus.at/de/programm-und-karten/clifford-curzon-klavier/47806

Joseph Horovitz - Transkript der Ö1 Sendung vom 2016.05.25 — P.K. Pasticcio