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· Programmheft Brucknerhaus Linz

Einojuhani Rautavaara im Gespräch mit Peter Kislinger

Einjuhani Rautavaara & Peter Kislinger in der Villa Hopiola in Kulosaari (Helsinki)
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Einjuhani Rautavaara & Peter Kislinger in der Villa Hopiola in Kulosaari (Helsinki)

Peter Kislinger

Originalbeitrag für das Programmheft des BrucknerHauses

Konzert am 26.September 2000, 19:30

Auch wenn der am 9. Oktober 1928 in Helsinki geborene Einojuhani Rautavaara erst spät mit dem Musikunterricht begann (Klavierstudium mit 17), so ist er doch in eine in Helsinki bekannte Musikerfamilie hineingeboren worden. Nach dem Studium der Musikwissenschaft an der Universität Helsinki (Diplom 1952) studierte Rautavaara Komposition an der Sibelius-Akademie Helsinki, u. a. bei Aarre Merikanto. Sein erster großer Erfolg war das leicht strawinskyneske A Requiem in Our Time (1953) für 13 Blechbläser und Schlagzeug. 1955 folgte ein Studienaufenthalt in Wien; auf Empfehlung des 90-jährigen Jean Sibelius erhielt er 1955 ein Koussevitzky-Stipendium für die Ferienkurse in Tanglewood/USA, er studierte bei Roger Sessions und Aaron Copland und setzte sein Studium an der New Yorker Juilliard School of Music fort. 1957 ging er, wie Erik Bergman vor ihm und Tauno Marttinen und Usko Meriläinen nach ihm, nach Ascona zu Wladimir Vogel, dessen „etwas pedantische Unterweisung in Schönbergs 12-Tonkomposition“ genau das war, was er damals brauchte. 1958 folgte zur Abrundung noch Rudolf Petzold in Köln.

In den Jahren nach 1957 wurde Rautavaara zu einer wichtigen kulturpolitischen Erscheinung Finnlands, als er sich in zahlreichen wichtigen Funktionen des finnischen Musik- und Kulturlebens engagierte: als „Professor für Kunst“, dann als Lehrer für Komposition an der Sibelius-Akademie Helsinki, als Manager des Helsinki Philharmonic, als Ratsmitglied des finnischen Copyrightbüros Teosto und des Finnischen Kunstbeirats. Auch als Musikkritiker und Essayist machte er sich einen Namen; er ist Librettist von vier seiner Opern. Seine Autobiographie, Omakuva, erschien 1989.

Seit 1988 ist Rautavaara freischaffend. Seit 1984 ist Rautavaara in zweiter Ehe mit der Sängerin Sinikka (Sini) Koivisto verheiratet. Sie hat u.a. Rollen in seinen Opern Thomas, Vincent und Das Haus der Sonne gesungen und lehrt an der Sibelius-Akademie in Helsinki. Derzeit schreiben Einojuhani und Sini Rautavaara an einem Buch über ihre Ehe, das noch im Herbst erscheinen soll.

Werkauswahl:

Opern: Kaivos/Die Mine (1963), Apollo contra Marsyas (1973), Sammon Ryöstö/Die Entführung des Sampo“ (1983), Thomas (1985), Vincent (1990), Auringon Talo/Das Sonnenhaus (1991), Aleksis Kivi (1997)

Acht Sinfonien: darunter Sinfonie Nr. 3 (eine Verbeugung vor Bruckner, besonders Bruckners Sinfonie Nr. 4); Sinfonie Nr 4, „Arabescata“ (die einzige „serielle“ Sinfonie Finnlands); Sinfonie Nr.6 „Vincentiana“ (1992, beruhend auf Material, vor allem den von van Gogh inspirierten Tableaux, der Oper Vincent); Sinfonie Nr. 7,Angel of Light“ (1996); Sinfonie Nr.8, The Journey“ (2000)

Cantus Arcticus, Konzert für Vögel und Orchester (1972); Angels and Visitations (1978); Lintukoto/Isle of Bliss (Insel der Seligkeit, Orchesterfantasie, 1995), Autumn Gardens (Herbstliche Gärten, dreisätziges Orchesterwerk, 1999), drei Klavierkonzerte, darunter Klavierkonzert Nr. 3, „Gift of Dreams“ als Auftragswerk für Vladimir Ashkenazy (1999); Violioncellokonzert (1969); Dances with the Winds (Flötenkonzert, 1974); Violinkonzert (1977); Annunciations, Konzert für Orgel und Sinfonisches Blasorchester (1977); Angel of Dusk (Kontrabasskonzert, 1980);

Vier Streichquartette; Streichquintett, „Unknown Heavens“ (1997);

Fünf Sonette an Orpheus (nach R.M. Rilke, 1956); The Book of Life (worunter alle Werke für Männerchor zusammengefasst sind); Vigilia (1997)

Vom Klangingenieur zum Gärtner, oder: der Weltmeister der zeitgenössischen Komponisten

Schon mit seiner Oper Vincent, besonders aber mit seiner 7. Sinfonie „ Engel des Lichts“ hat Rautavaara bei einem breiteren Publikum internationale Beachtung gefunden (die CD wurde 1996 mehr als 20.000 Mal verkauft), vor allem in Großbritannien und den USA, wo die vom Philadelphia Orchestra in Auftrag gegebene 8. Sinfonie, The Journey unter Wolfgang Sawallisch im April 2000 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Nach der Uraufführung des 3. Klavierkonzerts, „Gift of Dreams“, hat Vladimir Ashkenazy, der das Werk in Auftrag gegeben, dann vom Klavier aus dirigiert hatte, vom „führenden Komponisten nicht nur Finnlands, sondern der Welt“ gesprochen; eine britische Musikzeitschrift erklärte Rautavaara anlässlich der CD-Einspielung gar zum „größten zeitgenössischen Komponisten der Welt“, vorsichtshalber gefolgt von einem „perhaps“. Seine kompositorische Reise führte ihn vom angepassten Neoklassizismus - im Stile Strawinskys und Roger Sessions´, auch des späten Bartók, über „tonale Atonalität“ bzw. Dodekaphonie bis zur avantgardistischen Neoromantik; von Olivier Messiaen hat er gelernt, auch elektronisch erzeugte Musik verwendet. Selbstironisch sagt er, dass er sich bis Anfang der 80er Jahre wie ein Ingenieur vorkam, aber als Komponist wollte er dann doch „lieber Gärtner sein und organische Entwicklungen hegen und pflegen als vorgefertigtes Material und Teile nach einem Bauplan zusammenzusetzen.“ In Rautavaaras Gärten wuchert kein epigonales eklektisches Unkraut, vielmehr blüht eine organische Synthese der Stile und Techniken. In ihren schönsten Momenten schafft diese Musik „einen erschrockenen Raum“, ist sie „wagende erste Musik“, die die „dürre Erstarrung“ durchdringt, von der Rilke spricht, und dann gerät „das Leere in jene Schwingung [...], die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.“

Besuch und Gespräch in der Villa Hopiola

Rautavaara bin ich zum ersten Mal im Mai 1998 begegnet. Er kam zur österreichischen Erstaufführung seiner (van Gogh-)Oper Vincent am Innsbrucker Landestheater in die Tiroler Landeshauptstadt. Ich hatte ihn ins Pasticcio, die allmorgendliche Musiksendung von Österreich 1, eingeladen und ihn gebeten, sich Musik auszusuchen, die für ihn für Bedeutung war. Er hatte sich für Strawinsky (Sacre), Debussy (Des pas sur la neige aus den Préludes) und Sibelius (Ausschnitt aus Tapiola) entschieden. Er erzählte von seiner Zeit in Wien 1955 - er erlebt gerade noch die „Vier im Jeep“, die Aufteilung der Stadt in die amerikanische, sowjetische, britische und französische Zone, er hört einen jungen Pianisten im Jazzkeller: Friedrich Gulda. Er erzählt von Sibelius und vom Telegramm, das er am 18. Mai 1955 in Wien erhält, das sein Leben verändern sollte. Der 27-Jährige war von Sibelius für ein sechswöchiges Stipendium der Koussevitzky-Stiftung in Tanglewood und ein einjähriges Studium an der Juilliard School of Music vorgeschlagen worden.

Vor Innsbruck hatte er schon 1996 für mich überraschend einem Telefoninterview für die Ö1-Sendung Musikgalerie über seine 7. Sinfonie und 1997 über sein soeben uraufgeführtes Streichquintett zugestimmt. Er hatte mir gefaxt, ich könne ihn am besten gegen Mittag erreichen, da sei er meistens im Garten. Bevor ich ihn heuer im August in Helsinki besuchte, hatte ich ihn mir in einem Garten vorgestellt, der das Meer überblickt, das Haus auf einem Felsen gelegen - ich war Opfer des vom Schallplattenverlag verbreiteten Bildmaterials geworden, das sein Portrait gerne vor einem der 179.824 finnischen Seen zeigt. Die Villa Hopiola - ein altes Holzhaus - liegt tatsächlich auf einer Insel, Kulosaari, ist allerdings von Bäumen umgeben, und liegt in einem dem Linzer Bauernberg oder dem Wiener Cottage vergleichbaren Viertel Helsinkis. Mit dem Haus hat es seine eigene Bewandtnis. Rautavaara, der seine leibliche Mutter während des 2. Weltkrieges verlor, erinnert sich, wie er seine Berufung entdeckte:

Meine Ziehmutter (die Schwester meiner Mutter) wusste mit den schönen Künsten nicht allzu viel anzufangen, und als ich ein beunruhigendes Verlangen an den Tag legte, Komponist werden zu wollen - ein seltsamer Beruf, den man kaum einen Beruf nennen konnte, noch dazu einfach so, ohne etwas vorweisen zu können - schickte sie mich 1947 zur ihrer Meinung nach höchsten Autorität, um mich prüfen zu lassen. Ich fuhr also nach Kulosaari - leicht verschreckt - in der Vorstellung, einem mythischen Untier zu begegnen, riesengroß und gefährlich.

Das Untier war ein legendärer Chorleiter und gefürchteter Musikkritiker, der in Hopiola lebte. Es sollte nicht sein letzter Besuch sein, hat Rautavaara dieses Haus doch 1983 selbst bezogen. Die Prüfung dauerte eine halbe Stunde, er sollte ein japanisches Gedicht für Männerchor setzen. Er verließ die Villa mit einer wohwollenden schriftlichen Stellungnahme und den ermutigenden Worten: „Versuchen Sie´s! Wenn´s nicht gutgeht, werden Sie halt Chauffeur!“ Dazu Rautavaara: „Also über Autos wusste ich absolut nichts.“

Der Tonfall seines Deutsch ist leicht singend. Klare, volle Vokale, auch der Nebensilben, geben seinem Deutschen, wie bei vielen Finnen, einen leicht archaischen Charakter. Vieles kommt fast gehaucht, er nimmt sich Zeit für Formulierungen, spricht bedächtig (auch in seiner Muttersprache). Während des Gesprächs tickt eine Wanduhr, Frau Sini kehrt uns den Rücken zu, dreht sich um, wenn er zu lange zögert, ein Name nicht kommen mag, bringt Apfelsaft und Kuchen. Sie setzt sich später so, dass sie ihn beobachten kann - ihr Mienenspiel, ihre Freude über eine besonders gelungene Formulierung oder ein zweifellos schon öfter gebrauchtes Zitat.

Schwer zu vermitteln ist die Selbstironie, die Distanz zu sich selbst, auch die Geduld, mit der er Fragen beantwortet, die ihm zweifellos schon oft gestellt geworden sind. Etwa als ich ihn wieder auf seine „Engels“-Kompositionen anspreche. Ja, man habe ihn beschuldigt, ein Mystiker zu sein, lächelt er. Aber er habe Erfahrungen gehabt, die man nicht in Worte fassen könne. Er sei sich immer einer Ebene bewusst, die außerhalb der kognitiv wahrnehmbaren liege. In einem Gasthof gegenüber dem Innsbrucker Landesstudio des ORF hatte er 1998 hinzugefügt, er fühle sich „als bloße Hebamme“ seiner Musik. Religiös? Da antworte er immer mit Friedrich Schleiermacher: „Religiosität ist Sinn und Geschmack für das Unendliche.“ Ob es ihm bewusst sei, mit seinem Engelszyklus in die Nähe des „New Age“, aber auch Goreckis 3. Sinfonie gerückt werden zu können? Wieder dieses Lächeln (weise? ironisch? müde?), er weist auf seine lang zurückliegende Beschäftigung mit C.G. Jungs Archetypenlehre hin - und auf schwere Kindheitsträume. Diese Titel seien ihm manchmal „sehr peinlich“, aber er „muss sie verwenden, weil diese Worte die Musik auslösten. Und diese Worte waren immer in Englisch. Sehr seltsam! Diese Worte wiederholten sich, wie ein Mantra, bis sich die Energie in Musik auflöste.“ Und die 7. Sinfonie? Ja, die trug zunächst keinen Untertitel, aber nach der Uraufführung erzählte Rautavaara dem Leiter der finnischen CD-Firma, dass das Werk ursprünglich Angel of Light hätte heißen sollen. „Ja, da mußt du unbedingt diesen Titel verwenden, mit diesem Titel lassen sich doch Schallplatten verkaufen, sagte er. Wer bin ich, einem Geschäftsmann zu widersprechen! Also gut, so hieß es Angel of Light, zum Schluss jedenfalls.“ Rautavaara lacht.

[Peter Kislinger] Wie erklären Sie sich den Erfolg ihrer Musik und woher kommt der Erfolg für zeitgenössische Musik aus Finnland?

Rautavaara Schwer zu sagen. Jedes Mal, wenn ein Werk von mir im Ausland gespielt wird, gibt es immer einen Kritiker, der schreibt, ja das ist ja typisch finnisch oder nordisch oder, sehr oft, „sibelianisch“, während ein anderer sich fragt, wie ist es möglich, dass dieser Komponist aus Finnland kommt und gar nicht wie Sibelius klingt! Sibelius ist also immer ein Kriterium. Und dann - Musik wird heutzutage „globalisiert“, das ist alles dasselbe, in Afrika und Europa, und darum ist das ja nicht gar so interessant. Die Verschiedenheiten zwischen Menschen und Werken, das ist das Interessante, darum sucht man immer etwas Nationales, Typisches. Meine Oper Sonnenhaus, so hat ein Dirigent in einem Programmheft geschrieben, das sei „typisch nordische Musik“, mit einer unendlichen Melodie, das sei typisch nicht nur für Finnen, sondern für Skandinavier überhaupt, Nielsen in Dänemark usw. Das ist vielleicht sehr wahr - besonders in den langsamen Sätzen meiner finnischen Kollegen finde ich immer diese Stunde, wenn man einen finnischen Bauern vor sich sieht, der da nach der Sauna vor seiner Sauna sitzt und auf den See hinausschaut, den es da immer gibt, und er denkt nach über tiefe, tiefe Probleme des Lebens - und der Welt. Das kommt immer vor, sogar bei sehr modernen finnischen Komponisten.

Auch Mut zur Individualität und eine im Vergleich zur mitteleuropäischen Musik doch kurze Tradition?

Rautavaara Vielleicht schon. Wir haben unsere Tradition aus Deutschland und Österreich importiert, und dann - Sibelius! Was Sie da über Individualität sagen, stimmt jetzt schon weniger. Wenn ich ganz junge Kollegen höre, so ist das alles etwas stereotyp geworden, „modernistisch“ und „postmodern“, so dass man die Werke nicht mehr so leicht auseinanderhalten kann. Aber die Komponisten der jüngeren Generation wollen doch sehr genau wissen, was da in Europa vor sich geht und sie arbeiten z.B. in Paris bei IRCAM, Kaija Saariaho oder Magnus Lindberg etwa. Aber wenn sie zurückkommen, so sind sie nicht zufrieden, sondern suchen; gerade jetzt sucht Lindberg eine Stimme, die nicht nur wirklich seine Stimme, sondern auch die Stimme seines Backgrounds wäre. Das ist wichtig für uns, wichtiger als für mitteleuropäische Komponisten. Wir sind sehr finnisch.

Überrascht Sie der Erfolg der letzten Jahre?

Rautavaara Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht möglich ist, vorherzusagen, was erfolgreich sein wird, man kann nicht spekulieren. Man kann nicht an das Publikum, die Kritiker, die Kollegen oder Musikwissenschafter denken. Ich war sehr überrascht, dass einige Werke, etwa Angel of Light, sogar richtig populär geworden sind, überall in der Welt. Ich glaube, die Götter haben einen sehr sonderbaren Sinn für Humor. Sie geben dir, was du dir einmal in der Jugend erträumt hast, aber geben es so spät, dass es nicht eigentlich eine sehr große Rolle spielt. Es ist gut für das Ego, aber eigentlich ganz sekundär. Alle meine Werke sind meine Kinder, und ich versuche ihnen zu helfen, auch wenn sie schon erwachsen sind. So habe ich aus meiner ersten Sinfonie eine zweite Sinfonie gemacht, um diesem Kind zu helfen. Welches ich am liebsten habe, das wäre mir unmöglich zu sagen; vielleicht das, woran ich gerade jetzt schreibe.

Haben „die Umstände“ Einfluss auf Ihre Musik?

Rautavaara Ja, es ist schon von Gewicht, wie man lebt und wo man lebt und welche Lebensstimmung man hat. Andererseits kann ich nichts dagegen tun, dass meine Musik so wird, wie sie wird. Ich kann nur das sagen, was ich meinen Schülern oft gesagt habe: du kannst deine Musik nicht zwingen, du musst hören, was sie will, was sie werden will, sie ist klüger, viel klüger als du, man muss ihr zuhören und ihrem Weg folgen; es ist nicht so, dass die Musik dir folgt, so wie ein Gärtner seine Gewächse im Garten hegt und pflegt. Es ist mir immer wichtiger geworden, dass meine Musik organisch wächst, man darf nicht Fertigteile zusammensetzen, nicht einem blueprint folgen wollen.

Dieses „organische Wachstum“ ist besonders Ihrer 7. Sinfonie, Ihrem Streichquintett, oder dem dreisätzigen Orchesterwerk „Autumn Gardens“ (1999) auch schon beim ersten Hören anzumerken. Das erinnert in der motivischen Feinarbeit an Brahms und Sibelius.

Rautavaara Ja, das ist sehr wahr, das ist gerade das, wo die Nähe zur Musik von Sibelius am größten ist, dass auch er immer sehr organisch arbeitet, er lässt seine Musik immer sehr organisch wachsen. Meine stilistischen Eskapaden - Avantgardismus, 12-Ton - das ist alles nötig gewesen, weil ich meine eigene Sprache finden und bilden wollte. Darum, dachte ich, muss ich alles an Musik des 20. Jahrhunderts kennenlernen. Der einzige Weg war, das zu komponieren, aber trotzdem ist meine Handschrift auch schon in den ganz frühen Stücken erkennbar, aber erst in den letzten Jahren fühle ich, dass ich nicht nur weiß, was ich schreiben will, sondern es auch schreiben kann.

Ihre 3. Sinfonie ist in dieser Hinsicht ein Wendepunkt. Sie zitiert gleich am Anfang einen Teil des Hornmotivs aus dem 1. Satz der 4. Sinfonie Bruckners, der „Romantischen“. Woher rührt Ihr Interesse an Bruckner und in welcher Beziehung ist Bruckners Tonsprache für Ihre Sinfonie von Bedeutung?

Rautavaara Die 3. Sinfonie wurde in den Jahren 1959 und 1960 komponiert. Damals versuchte ich eine Synthese aus Romantik und 12-Tontechnik zu erreichen. Meine Dritte ist etwas sehr Merkwürdiges, weil da alles von einer 12-Tonreihe kommt. Wenn Sie sagen, da sei ein Zitat aus Bruckners Vierter, so wusste ich das gar nicht; als ich das geschrieben habe .... das war nicht als Zitat beabsichtigt, sondern was man ganz am Anfang hört, dieses Hornsolo ist die 12-Tonreihe, aber so tonal gemacht, dass man wirklich glaubt, man hört zuerst ein Quintintervall, das dem aus der 4. Sinfonie Bruckners ganz gleich ist ... später hab´ ich das bemerkt, selbstverständlich, aber diese 12-Tonreihe habe ich dann in dieser Sinfonie durchgehend benutzt, und doch ist diese Sinfonie, diese Musik, ganz nahe bei Bruckner. Man hat gesagt, es sei in keiner anderen finnischen Sinfonie die Brucknersche Tonsprache, und sogar die Formidee, zu einem so erkennbaren Teil der Persönlichkeit eines Komponisten aus einer ganz anderen Zeit geworden.

Ich habe Bruckner damals sehr geliebt, die Vierte, und alle anderen Sinfonien auch, gehört und Platten gehabt, und was da so interessant war und was Eindruck auf mich gemacht hat, ist diese Kombination von Strenge ... Disziplin .... und Expressivität, und das gerade war auch mein Ideal für meine 3. Sinfonie, diese Strenge der 12-Tontechnik mit harmonischer und melodischer Expressivität zu kombinieren, genau das war es, was ich wollte. Ich glaube, diese Musik ist ja kein Versuch, Bruckner irgendwie zu imitieren, gar nicht, aber, wie soll ich sagen, es ist schon irgendwie Bruckner, aber in unsere Zeit transponiert, und doch ist diese Sinfonie sehr typisch für mich, und die für mich bis dahin bedeutendste Komposition geworden. Diese Synthese, die ich zu finden versuchte, sie ist da zum ersten Mal gefunden worden. Da hat Bruckner mir sehr geholfen.

Wo und wann haben Sie Bruckner zum ersten Mal gehört oder studiert? Schon in Finnland oder erst 1955 in Wien?

Rautavaara Schon in Finnland, in Helsinki, ich glaube alle seine Sinfonien, in Konzerten des Helsinki Philharmonic. Ein deutscher Dirigent in der Oper, Leo Funtek, der ein Brucknerfan war, hat da jedes Jahr ein Konzert mit einer Bruckner-Sinfonie dirigiert, immer sehr genau einstudiert und mit viel Gefühl, aber doch sehr streng. Wenn ich sage mit Gefühl, dann heißt das nicht sentimental oder „romantisch“, sogar ... er ist da gestanden auf dem Podium mit einer Hand in der Tasche, und nur bisweilen kommt die linke Hand. Funteks Bruckner-Konzerte waren sehr wichtig für mich, und so habe ich mehr und mehr diese Musik lieben gelernt. Und als ich meine 3. Sinfonie begonnen habe, so merkte ich eigentlich nicht so genau, dass meine Motive am Beginn an einige Brucknermotive aus der „Vierten“ erinnern. Später ja. [lange Pause]

Für einen Laien ist das doch sehr überraschend - man könnte sich eine direkte Hommage an Bruckner beim Schreiben vorstellen - aber was Sie da sagen, das heißt doch, dass früher gehörte Musik vergessen wird, auf eine unterbewusste Ebene geschoben wird?

Rautavaara Ja ... man merkt eigentlich nicht, was man schreibt, beim Komponieren bin ich nicht sehr bewusst, später ja, z.B. als ich in Seminaren an der Sibelius-Akademie Vorlesungen gehalten habe, da musste ich etwas über meine Werke sagen, die Werke analysieren, und da habe ich immer bemerkt, das sind ja großartige Sachen da [übertreibt, schmunzelt] - war das ich, der diese Linie da ... oder diese Sache dort ... das sind ja eigentlich Variationen voneinander und so fort ... das kommt erst später, aber gewusst habe ich das beim Schreiben nicht, nein, auch wenn das Technische ungeheuer wichtig für mich ist, wie Sie gesehen haben - 12-Tontechnik ... Meine Sachen sind immer leicht zu analysieren - ja, leicht. So wie es leicht ist, und sogar viel leichter, die Werke von Anton von Webern zu analysieren, also jedenfalls die 12-Tonstruktur, das ist immer sehr dankbar. Dagegen gibt es andere Komponisten, Edgar Varèse z.B. - seine Musik klingt oft, als hätte sie dasselbe tonale Niveau wie Webern, aber eigentlich analysieren kann man sie nicht, formal ja, aber in den Details nicht, gar nicht, es geht nicht. Also wir sind alle verschieden, Gott sei Dank.

[Pause, anfänglich sehr leise] ... man hat mir gesagt, es gibt entweder Mahler-Menschen oder Bruckner-Menschen. Entweder-Oder. Das stimmt, bei mir jedenfalls; Mahler verstehe ich leider gar nicht. Ich finde ihn immer, mehr oder minder - vulgär! Ich verstehe seine Welt nicht. Bruckner dagegen ist ... ein Gott für mich. [er beginnt zu lachen, Sini Rautavaara lacht hell und fröhlich im Hintergrund; sie hat uns beim Gespräch den Rücken zugewandt, wendet sich jetzt um, lacht, weiß, dass er etwas Schockierendes gesagt hat, prüft meine Reaktion, die beiden sind eingespielt, haben jetzt auch Augenkontakt]. [Pause] Mit großem Vergnügen setzt er sogar nach, sehr schalkhaft: „Das hab ich einmal einem Amerikaner gesagt: ´vulgär und irgendwie auch dilettantisch´, und er hat gesagt, you´ll go far with that opinion!“

Für Mahler gehört das Hässliche, Vulgäre, Gemeine nun eben auch zur Welt, das will er nicht aus der Kunstmusik ausschließen.

Rautavara Na ja, das ist ... Beschreibung! Beschreibung in der Musik, das kann man anwenden, aber eigentlich ist das nicht ... Musik, das ist etwas Außermusikalisches. --- Für mich!

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth sagt etwa, auch sie höre „das Schöne“ in Franz Schmidts 4. Sinfonie, er wolle aber das Beängstigende, das, was Sie das Vulgäre nennen, mit Gewalt ausschließen, das „Schöne“ bei Schmidt soll den Hörer immer auch überwältigen, während bei Mahler bewusst beides vorhanden sind, eines ohne das andere nicht sein kann, das „Material“ selbst brüchig ist.

Rautavaara: Das bedeutet aber, ich sollte in meinem Haus alle hässlichen [lacht wieder herzlich und schelmisch] Gemälde oder vulgäre Sachen herum haben. Das will ich nicht. Das interessiert mich nicht. Ich weiß, wie schrecklich die Welt sein kann, aber damit will ich so wenig wie möglich zu schaffen haben.

In ihrer 7. Sinfonie, auch im 3. Klavierkonzert, ist das Hässliche, sind die Schärfen, die Abgründe, doch auch vorhanden, auch zuletzt in „Autumn Gardens“.

Rautavaara Doch, doch, aber das ist eine andere Sache - Schärfe und Aggressivität und das alles, das ist eine Sache, das gehört zu mir, das ist ein Teil meiner Person, wenn ich das auch nicht jeden Tage sehen lasse, aber das Vulgäre ist etwas ganz anderes. Niedrig. Das ist nicht ... gewachsen, warum sollte man das haben? Das sollte man nicht. [Lacht laut auf; Pause]

[Ich setze zu einem neuen Mahler-Erklärungsversuch an.]

Rautavaara Ja ... ja ... verstehen Sie ...... [seufzt] Sibelius und Mahler haben sich doch einmal getroffen, hier in Helsinki, und die Geschichte geht so, dass Mahler gesagt hat, also Sie werden das kennen, eine Sinfonie muss wie die Welt sein, sie müsse alles umschließen, alles was da ist, alles was in der Welt ist; Sibelius aber dachte, das ist nichts für mich, eine Sinfonie soll ein Teil von mir sein.

Mahler stellt, was er zwei Welten nennt, dar. Hier der Alltag, das Gewusel, der Jammer, das Gekreisch, Heuchelei, niederträchtige Geschäftemacherei etc., dort die Innenwelt, der Himmel - die einzige wahre Realität - darum immer dieses plötzliche Aufbrechen in seiner Musik. Aber wir können diese Ewigkeitsmomente nur kurz haben.

Rautavaara Hmm. Das verstehe ich gut. Hmm. Aber das ist ein anderer Charakter ...

Eine andere Ästhetik?

Rautavaara [sehr leise] Ja, eine andere Ästhetik ... [lange Pause]. Something I read today: ..... „A real artist must help the world by revealing ... by revealing ... the mystery in life and the mystery of the world.“ [Schweigt ... lächelt ... schweigt]

Peter Kislinger

[Anmerkung Juli 2026: EJR meinte vermutlich "The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths"; eine von Bruce Naumans Neoninstallationen: https://www.philamuseum.org/objects/31965]

Programm:

Einojuhani Rautavaara: Symphonie Nr. 3 (1961)

1 Satz: Langsam, breit, ruhig
2. Satz: Langsam, doch nicht schleppend
3. Satz: Sehr schnell
4. Satz: Bewegt

Prager Sinfoniker
Dirigent: Max Pommer

[Nach der Pause: Anton Bruckner: Symphonie Nr. 4; vor dem Konzert: Einojuhani Rautavaara im Gespräch mit Peter Kislinger]