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Dissertation

Peter Kislinger Das Zitat in der Erzählkunst Anthony Powells

Erstveröffentlichung: 1993
Auszug aus meiner Doktorarbeit "Some Truths seem almost Falsehoods and some Falsehoods almost Truths."Erzähltechnik, romaninhärente Poetik und intertextuelles Erzählen als "konstruktiv-ironische" Demonstration der Wahrheit des Romans in Anthony Powells A Dance To The Music of Time; Universität Wien 1993 (419 pp.)

Auschnitt aus Kapitel VI (Abschnitt C)

Der Erzählakt in Powells A Dance to the Music of Time kann entweder als Parodie, Plagiat oder – greifbar zunächst in den Auktorialisierungen – Pastiche verstanden werden kann. In der Figur [des fiktiven Romanciers] X. Trapnels bzw. seiner Theorie der Wiederverwertung und in der Aptumtheorie lassen sich Parodie, Plagiat und Pastiche unter dem Begriff des zitathaften Erzählens vereinen. Powell hat mit der Technik des zitathaften Erzählens neben der in den Pamela-Segmenten aufgezeigten "kubistischen" bzw. "holographischen" Erzähltechnik eine Form der literarischen Umsetzung der als "erweitert naturalistisch" sich verstehenden Maltechnik gefunden und dabei Trapnels Dogma ("[...] only a novel can imply truths impossible to state by exact definition [...]") verwirklicht.

Das Zitat in der Erzählkunst Anthony Powells

Im Zusammenhang mit einer Bemerkung Murtlocks zu Jenkins ("erlebendes Ich"), in Zusammenhang mit diversen Anspielungen auf den griechischen Mythos, auf Literatur und zuletzt Zitaten aus "hermetischen" Schriften lässt sich die von Powells Text geforderte "rezeptive Aktivität [...] des Lesers"[1] zeigen, um eine große Anzahl von mehr oder weniger weitgestreuten beziehungsreichen Zitaten, die zu einer "Motivkette"[2] verbunden sind, zu erkennen. Unter Zitieren wird hier mit Herman Meyer verstanden, dass der Autor

[...] nicht den Wortlaut, sondern den Inhalt von bestimmten literarischen Stellen oder gar von ganzen literarischen Werken anführt oder auf sie anspielt. Referat, Allusion, Pastiche, Parodie, Plagiat, sie sind alle mit dem eigentlichen Zitat irgendwie verschwistert oder haben doch mit diesem mannigfache und oft starke Berührungspunkte.[3]

Dabei ist an die Schwierigkeit und an die Verlegenheit des Interpreten, einen von ihm konstituierten Bedeutungszusammenhang zu referentialisieren, zu erinnern, vor die sich eine solche durch das anspielungsreiche Erzählen Powells hier und anderswo in "A Dance To The Music of Time" nahegelegte Interpretation gestellt sieht, welche diese inhaltlichen Bezüge mit konkreten Details aufzufüllen aufgefordert ist.

Die Variationsmöglichkeiten, die Powell mit dieser Methode des Zitates anbietet, alle nachvollziehen zu wollen, scheint wenig sinnvoll, auch gar nicht möglich, liegt doch offenbar die ironische Absicht des Autors darin, ein nicht vollständig abschließbares Bedeutungs- und Beziehungsgeflecht aufzubauen und den Interpreten in einen "furor hermeneuticus" zu führen.

So lassen sich in der Konzeption der Figur Trapnels Fragmente aus vielen Mythen erkennen: Osiris, Orpheus, Dionysos, Lazarus, Proteus, Jesus von Nazareth und der "Fisher King". Thematisch-motivische Gemeinsamkeiten dieser Mythen sind "Tod" und "Wiedergeburt" (Zerreißung und Zusammensetzung; Kastration und Heilung; Kreuzigung und Resurrektion).

Der Interpret, der auf eine exakte Parallelisierung hofft, wird sich in der Rolle des Jenkins ("erlebendes Ich") oder Morelands gespiegelt erleben, die, um Verständnis der zum Tode Pamelas führenden Verwicklungen im Beziehungsgeflecht Pamela-Widmerpool-Ferrand-Sénéschal-Gwinnett zu gewinnen, Gemeinsamkeiten mit dem Gyges und Kandaules-Stoff nachspüren, letztlich feststellen:

"No, it doesn't really work," said Moreland. "All the same, it's a splendid fable of Love and Friendship – what you're liable to get from both - but the bearings are more general than particular, in spite of resemblances in this case." ("Temporary Kings", 274.)

Sein teilweises Scheitern hält Moreland nicht ab, weitere Parallelen etwa in Thomas Prestons "Cambises, King of Percia: a Lamentable Tragedy mixed full of Pleasant Mirth ... " ("Temporary Kings", 279) oder in John Marstons "The Dutch Courtezan" ("Temporary Kings", 280) zu suchen.

Trotz allem kann von Beliebigkeit des Motiv- und Themengewebes nicht die Rede sein. Würde man etwa die Parallele Trapnel/Orpheus weiterverfolgen, so könnte man Teile des Mythos auf Widmerpool, Teile auf Pamela beziehen, doch wäre bald Morelands Resignation erreicht. So wurde Orpheus auf Befehl des Dionysos von den Mainaden "Glied um Glied" (Ranke-Graves, Robert: Griechische Mythologie, Quellen und Deutung, Hamburg 1984 [= The Greek Myths, London 1955], 99) zerrissen, sein Haupt schwamm im Meer, seine Glieder wurden von den Musen gesammelt (Ranke-Graves: Griechische Mythologie, 99); da die "Mainaden aber [...] nichts anderes als die Musen [sind]" (Ranke-Graves: Griechische Mythologie, 100), kann Pamelas Rolle in Trapnels Leben als Muse, die sich für Trapnel als Mainade herausstellt, identifiziert werden (es ist sein Manuskript, sein Lebenswerk, das, von Pamela, zerstückelt, im Maida Vale Canal treibt).

Widmerpools Reden in "Hearing Secret Harmonies" (und andere Fragmente seiner Biographie auch) lassen ihn als späten Jünger des Dionysos erscheinen, auf den er übrigens verweist. ("Hearing Secret Harmonies", 208.)

Das Motiv der Zerreißung und Zusammensetzung (Resurrektionsmotiv) findet sich andererseits im Dionysos-Mythos. Mit diesem verbinden Trapnel seine bewusst verwahrloste Erscheinung, sein Alkoholzuspruch und – ins Metaphorische transformiert – das Schicksal seines Romanmanuskripts. Das Motiv der Resurrektion wiederum stammt auch aus der Lazarus-Legende, sodass verschiedene Mythenkreise und gegenwärtiges Geschehen motivisch einander entsprechen, die alltägliche Trivialität der Gegenwart entweder aufgehoben oder mythisches Geschehen als verallgemeinerte Alltagstrivialität erkennbar wird. Setzt man Pamela mit der Mondgöttin Semele in eins, dann erinnert man sich daran, dass Dionysos ihr vorherbestimmtes Opfer war – vor ihrem Zugriff allerdings gerettet wurde. (Ranke-Graves: Griechische Mythologie, 94.) [4]

Bilder aus verschiedenen Kulturen und Mythen werden von den Figuren zum Teil wörtlich, zum Teil klischeehaft verwendet, um einen Bedeutungszusammenhang aufzubauen:

Unter Erstarrung durch Überhandnehmen der Erinnerung im Alter leiden Moreland (Morelands Todeskrankheit ist, so die Selbstdiagnose, "nostalgia"[5]) und Jenkins ("erlebendes Ich"): Dr Brightman weist auf den Stoff florentinischer Tapisserien hin: "[...] - look, The Drunkenness of Lot."[6]

In der Erinnerung an Umfraville tauchen das Thema "Alter" und die Motive "gewaltsamer Tod" ("Zerstückelung") auf:

"Christ, what a shambles. [...] You know growing old's like being increasingly penalized for a crime you haven't committed."[7]

Parallelen mit biblischem Geschehen in Kontext von Tod und Auferstehung stellt der Text in "Temporary Kings" explizit durch Crowdings Sichtweise der letzten Stunden Trapnels her, der Trapnels letzten Auftritt mit der Lazarus-Legende humoristisch vergleicht.

Jenkins ("erlebendes Ich") spielt an auf "[...] those temporary kings in The Golden Bough [...] " und Thomas Manns Novelle "Tod in Venedig" (aus der die Begegnung mit dem Gondoliere[8], Inkarnation des Hermes Psychopompos bei Thomas Mann und Powell, pastichisiert wird), als Mark Members Jenkins ("erlebendes Ich"), der unter einem Anfall von "acedia" leidet, zu einem Besuch eines Schriftstellerkongresses unmittelbar vor der Biennale in Venedig zu überreden versucht; er bleibt - zumindest in der Rekonstruktion des Erzählers - im Bildbereich des Todes und des Archetyps der "Wandlung", wenn er auf Schriftstellerkarrieren und Bedingungen des (Nach-)Ruhms zu sprechen kommt:

"[...] our via dolorosa towards literary crucifixion. [...] Come along, Nicholas, bestir yourself. Say yes. Don't be apathetic." ("Temporary Kings", 11.)

Beiläufig lockt er:

"You'll live like a king once you get there." ("Temporary Kings", 11.)

Members spielt mit metaphorischen und wörtlichen Verwendungen:

"[...] ritual execution in more enlightened times - the image of a declining virility. [...] The retribution of congress kings only takes the form, severe enough in its way, [...] of having to return to everyday life. Even that, my dear Nicholas, you'll do with renewed energy. Like the new king, in fact." ("Temporary Kings", 11.)

Bagshaw phantasiert über Ferrand-Sénéschals sexuelle Präferenzen:

"I'm not sure what Ferrand-Sénéschal is himself supposed to like - being chained to a crucifix, while a green light's played on him - little girls - two-way mirrors - I've been told, but I can't remember." ("Temporary Kings", 18.)

Pamelas zynische Antwort auf Widmerpools besorgte Frage nach der Herkunft ihres Wissens über seine geheimdienstlichen Machenschaften verquickt das auf der sakral-mythischen Ebene angesiedelte Motiv der Resurrektion mit der historisch-politischen Ebene:

"Ferrand-Sénéschal told me after he'd died, of course - Léon Joseph [Ferrand-Sénéschal] appeared to me as a ghost last night, and gave this information. He was gliding down the Grand Canal, walking on the water like Jesus, except that he was carrying his head under his arm like Mary Queen of Scots." ("Temporary Kings", 115.)

Teil und Ganzes in sprachlichen Klischees, in Literatur und Mythos, im strukturellen Bereich und im thematischen, werden verschränkt in Erzählungen über Kriegserlebnisse. Von "[...] censored letters [...]"[9] ist da die Rede, dann wird erzählt von jemandem, "[...] who was later posted to Censorship in the Middle East."[10]

Versionen der "coniunctio oppositorum" ("Mars and Venus", "Antony and Cleopatra"), des Opfertodes (Iphigenie), des versuchten Königsmordes, der Aussetzung auf dem Wasser und Errettung (Dr Brightman erinnert an das Gemälde "Moses saved from the water at Edinburgh [...]"[11] – der Titel spiegelt das aus dem Isis-Osiris-Stoff bekannte Motiv des im Nil treibenden Kastens) vereinigt Powell in Dr Brightmans kleinem Einführungssvortrag zu Tiepolos Fresko[12].

Erinnerung wird von Jenkins ("erzählendes Ich") als – bedrohliche – "[...] resurrection [...]" bezeichnet. [13]

Pamela wird, in Anspielung auf ihre Vernichtung des Manuskripts von Trapnels Roman-Manuskript und ihre Rolle im Leben von Männern, "[...] the castrating one [...]" genannt; von "[...] garbled stories [...]", "[...] versions [...]" und "[...] reconstruct[ing] the incidents [...]"[14] ist die Rede. Gwinnett ist der Meinung, Tiepolos Behandlung des Stoffes der Iphigenie "[...] looks even finer in reproduction."[15] Während der Biennale macht in Venedig das Gerücht die Runde, Trapnels zerstückeltes, verlorengegangenes, Buch solle nach fragmentarischen Notizen aus dem "Commonplace Book" Trapnels zu einem Film zusammengestückelt, also in einem anderen künstlerischen Medium zu neuem Leben erweckt, werden.[16]

Stillstand, Lethargie, Apathie, Alter, Verfall, Depression, Tod, sexuelle und kreative Impotenz, neugewonnene Inspiration und Kreativität sind die Themen in "Temporary Kings", dessen Zentrum Gwinnetts Versuch der Materialsammlung für seine Biographie Trapnels bildet. Pamela nimmt hier Züge der Isis an, welche die zerstückelten Teile des Osiris/Trapnel sammelt. Powell verschmilzt in Pamela zu neuer Einheit die Rollen des Mörders Seth, der seinen Bruder Osiris zunächst in eine Kiste lockt, diese den Nil hinabtreiben läßt und dann zerstückelt, und der Retterin, der Gattin des Osiris, Isis, die die einzelnen Teile sammelt und zu einem Ganzen fügt (Pamela, die Gwinnett bei seiner Sammlung behilflich ist). Der Gehstock Trapnels, den er nach der Vernichtung seines Manuskripts in den Maida Vale Canal schleudert, kann einerseits als Phallus des Osiris, den Seth in den Nil befördert[17], andererseits als Hermesstab gesehen werden.

[1]) Meyer, Herman: Zitat in der Erzählkunst, 215.
[2]) Meyer, Herman: Zitat in der Erzählkunst, 215.
[3]) Meyer, Herman: Zitat in der Erzählkunst, 15.
[4] [Dieser Fußnoteneintrag findet sich nun im Text. Anmerkung PK, 16/8/2026]
[5]) "Temporary Kings", 253.
[6]) "Temporary Kings", 82.
[7]) "Temporary Kings", 6.
[8]) "Temporary Kings", 5-8.
[9]) "Temporary Kings", 15.
[10]) "Temporary Kings", 209.
[11]) "Temporary Kings", 83.
[12]) "Temporary Kings", 83.
[13]) "Temporary Kings", 247.
14]) "Temporary Kings", 32.
[15]) "Temporary Kings", 27.
[16]) "Temporary Kings", 110.
[17]) Hart, George: A Dictionary of Egyptian Gods and Goddesses, London 1986, 166-167. Die Romanautorin und Literaturwissenschafterin A.S. Byatt hat eine interessante auf Frazers "The Golden Bough" und die Psychoanalyse gegründete Deutung des "Death-Head Sticks" Trapnels vorgelegt. (Byatt, A.S.: "`The Omnipotence of Thought': Frazer, Freud and Post-Modernist Fiction". In: Byatt, A.S: Passions of the Mind, London 1991, 123-164. [Erstpublikation in: Fraser, Robert: Sir James Frazer and the Literary Imagination, London 1980.])