Peter Kislinger: "Anthony Powells Debütroman ´Die Ziellosen´" (Afternoon Men)
Peter Kislinger Zielgerichtete Untersuchung an Wirrköpfen Ö1-Rezension für Ex libris (7. Februar 2021, 16:05 )
Der zwölfbändige Romanzyklus A Dance to the Music of Time / Ein Tanz zur Musik der Zeit von Anthony Powell ist einer der bedeutendsten englischen Romane nach 1945. Seit 2018 liegt er in der Übersetzung von Heinz Feldmann im Berliner Elfenbein Verlag vor. Nun ist auch der Debütroman des im Jahr 2000 im 96. Lebensjahr verstorbenen Autors zu entdecken: Afternoon Men (1931; dt. Die Ziellosen).
So ziellos lethargisch die Romanfiguren sind, so zielgerichtet strukturiert ist der komplexe Plot des im London Ende der 1920er Jahre angesiedelten Romans. Der 1. Teil – Montage überschrieben – zeigt den Museumsangestellten Atwater, den mäßig begabten Maler Pringle und gut 30 andere Figuren in ihrem von Konventionen und Höflichkeit bestimmten, oft skurrilen Sozial- und Balzverhalten.
Nicht nur die Erde kommt in Perihel, im 2. Abschnitt, der Sonne am nächsten. Die Sonne, das ist Susan. Umkreist wird sie von Atwater, der sich ihr nur wenig zielstrebig nähert, ihr aber immerhin während parallel geschilderter Boxkämpfe am nächsten kommt – eine Hommage an das Stierkampfkapitel in Hemingways Roman The Sun Also Rises (dt. Fiesta). Atwater ist in der Hitze des Londoner Sommers von Susan so geblendet, dass er sich kaum an ihr Aussehen und ihre Stimme erinnern wird. Immerhin dämmert Atwater, warum er Susan verfehlt hat.
Im 3. Romanteil bewegen sich Handlung und Figuren rückläufig, wie der Titel signalisiert: Palindrom. Die in Hass-Freundschaft verbundenen Pringle und Atwater enden, wo und wie sie begonnen haben: in einer Bar, gelangweilt und von Frauen verlassen. Das Ziel der Afternoon Men? Wieder eine Party. „Glaub nicht, dass es sehr aufregend sein wird oder so. Aber dennoch, wir könnten mal reinschauen und sehen, wie es da so ist“, kommentiert ein namenloser „junger Mann“.
Gesehen wird das Geschehen aus Atwaters Perspektive. Beigestellt ist ihr die nüchterne, klinisch distanzierte, diverse Register zielsicher einsetzende Stimme eines anonymen Erzählers.
Eine mäandernde Tirade des wirrköpfigen Redakteurs eines spiritistischen Magazins strotzt vor Klischees, trieft vor Sentimentalität und Pathos. Den Unterton sollte man nicht überhören: Mit solchen Mitteln kann man der Welt der „Lost Generation“ nach dem 1. Weltkrieg nicht mehr gerecht werden. Aus der hoch komischen Stilparodie vormoderner, moralisierender Literatur lassen sich aber die Themen des Romans filtern: Orientierungslosigkeit, beiläufig und gelangweilt vollzogene Promiskuität, Freundschaft, Vergänglichkeit. Powell endet die seitenlange Auslassung mit einer für ihn typischen Antiklimax:
Fotheringham trank sein Glas in einem Zug aus. Er sagte: "Ich vermute, ich muss ziemlich depressiv geklungen haben. Sehen Sie, ich hatte ein sehr schwer verdauliches Mittagessen."
So wie die Romanfiguren nebeneinander existieren, so isoliert sind die kunstvoll kunstlosen, meist mit „und“ aneinander gereihten Stakkato-Sätze und die montierten Erzähleinheiten ins Leere laufender Ereignisse und Dialoge. Geschult sind sie an den Vignetten in Hemingways In Our Time (dt. In unserer Zeit) und The Sun also Rises – an Hemingways „Eisbergtheorie“: Die Ergänzung des Ausgesparten und die Reaktion darauf überlässt der Autor dem Leser. Als Beispiel vielleicht ein Ereignis, in dessen Mittelpunkt Pringle steht. Nicht nur in Texten von Rosamund Pilcher wäre es ein für alle Beteiligten dramatisches Ereignis. Als Lektüreverderber betätige ich mich nicht, nur so viel: Es ist eine trotz allem hoch komische Szene.
Der Powell der fünf Vorkriegsromane orientierte sich nicht an James Joyce oder Virginia Woolf, sondern an Hemingways frühen Vignetten, an deren bewusst flachen, aus Außensicht dargestellten Figuren. Im zwöfbändigen A Dance to the Music of Time wird Powell ein erzählendes Ich einführen. Es hat in diesem Erzählmodus zwar ebenso wenig Zugang zum Innenleben der Figuren. Ihre vieldimensionale Präsenz, Lebensnähe, Tiefe – die nicht nur in der englischsprachigen Literatur ihres Gleichen suchen – gewinnen sie durch ein reiches, sich stetig wandelndes Repertoire an objektivierenden Stilmitteln. Einige Figuren, Szenen und Stilmittel aus dem 1975 abgeschlossenen [Ein] Tanz zur Musik der Zeit sind in Die Ziellosen im Keim angelegt.
Lehrmeister dieses Debüts eines 26-Jährigen waren – abgesehen von Hemingway – Lermontow, Tschechow und die im deutschen Sprachraum kaum bekannten Ronald Firbank, William Gerhardie und Wyndham Lewis, dessen Roman Tarr erst kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Die Ziellosen – das ist der Debütroman eines disziplinierten, sich seiner Mittel bereits sicheren Humoristen, kein Text, der in jedem Satz mit einem originellen Bild, einer gewagten Metapher, einem schrägen Vergleich auftrumpfen möchte oder auf eine Pointe zusteuert.
Die Banalitäten und Klischees landen nicht unter dem Satirikermikroskop. Menschliches Verhalten nicht verurteilen, sondern in seiner Fülle zeigen, untersuchen, darüber lachen, das war auch Robert Burtons Rezept in der 1621 erschienenen Anatomy of Melancholy. Aus diesem Kompendium stellt Powell seinem Romanerstling ein Zitat voran, in dem sich die titelgebenden Afternoon Men finden, auch „a company of giddy-heads“, eine „Gruppe von Wirrköpfen, Betrunkenen, Ziellosen“, wie der deutsche Text erläuternd paraphrasiert – wienerisch: „lauter Schwindliche“. Der deutsche Titel ist fast schon ein moralisierender Kommentar, ein Urteil; der englische ist offen, lässt sich aber schwerlich im Deutschen verwenden.
Powell entgegnete 1988 in einem seiner drei „Journals“ Antisemitismusvorwürfen. Dass Juden von einigen der Figuren als nicht ganz dazugehörig empfunden werden, das spiegle die Realität der 1920er Jahre. Zielscheibe des Gelächters ist tatsächlich nicht der Jude Verelst, der Susans Zuneigung gewinnt, es sind die Wirrköpfe, die den Außenseiter unterschätzen.
Wer das Original kennt, dem wird eine Übersetzung immer etwas fremd vorkommen. Für meine Ohren sind manche Dialoge etwas ängstlich am Original hängen geblieben. Noch etwas Kritisches: „Sie gingen auf das Zimmer hoch“ – das wird mittlerweile nur noch von Pedanten wie mir und vom Duden als inkorrekte Richtungsangabe wahrgenommen oder als kolloquial punziert.
Literatur, die „das Leben zeigt, wie es sein könnte oder sollte“, bedachte Powell mit dem Verdikt „romantisch“: literature engagée und Satire, so schrieb er, „wissen immer besser, wie’s geht.” Moralisieren sei in Film, Journalismus, im Feuilleton und der bildenden Kunst so „allgegenwärtig und vielgestaltig”, dass ein anderer Zugang fast undenkbar geworden sei. Romantische Merkmale legte Powell bei Dickens, Joyce, Waugh, Graham Greene, Camus und den „meisten amerikanischen Autoren“ bloß: Selbstmitleid, Sentimentalität, Geniekult und das Dogma, Milieu, Gesellschaft oder Tradition vernichteten den ursprünglich guten, freien und schöpferischen Menschen. Literaturkritik bevorzuge „politische oder moralische Probleme, etwas, an dem sie sich festbeißen kann.“
Gar nicht ziellos ist Ingo Držečnik, der lese- und entdeckungssüchtige Gründer des vielfach prämierten Elfenbein Verlags. Vor gut 25 Jahren habe ich versucht, Powell österreichischen und deutschen Verlagen bzw. Medien schmackhaft zu machen. Vergebens. „Nur weil Sie´s sagen, dass er gut ist…“ [Anmerkung 2026: so wörtlich ein 1996 Ö1-Literaturredakteur] war eine der Reaktionen, an die ich mich gewöhnen musste. Dass Powells Romanzyklus im Feuilleton mittlerweile als „literarisches Großereignis“, als „eines der bedeutendsten Romanwerke“ des 20. Jahrhunderts usw. eingestuft wird, ist dem deutschen Literaturkritiker Michael Maar, dem Übersetzer Heinz Feldmann und dem Elfenbein Verlag zu danken. Die vier weiteren Vorkriegsromane Powells hat er bereits im Visier. Im Herbst erscheint Powells zweiter Vorkriegsroman, Venusberg. [Dauer des Beitrags: 8:30]
Anthony Powell Die Ziellosen
Roman. Übersetzung aus dem Englischen von Heinz Feldmann
Originaltitel: Afternoon Men | Hardcover. 240 Seiten 2020 Elfenbein (Verlag) 978-3-96160-054-0 (ISBN)