Am 4. September 2024 jährte sich der Geburtstag Anton Bruckners zum 200. Mal. Gedrucktes, Erzähltes, Geglaubtes wird in der Biographie "Anton Bruckner. Ein Leben in Musik" von Felix Diergarten anhand der Quellen einem Faktencheck unterworfen. Auch Bruckners Musik erfährt die ihr zukommende Befreiung von angesammelten Vorurteilen. Der Autor ist Professor für Musikwissenschaft und Musiktheorie an der Musikhochschule Luzern. Der in Dresden ausgebildete Dirigent hatte eine Professur an der Schola Cantorum Basiliensis, in Freiburg war er Leiter des Instituts für musikalische Aufführungspraxis.

Er war nicht unser

Peter Kislinger In: Musik & Ästhetik 28, 2/2024, 111-113 [Felix Diergarten, Anton Bruckner. Ein Leben mit Musik, Kassel: Bärenreiter 2023.]

Am 4. September 2024 jährt sich der Geburtstag Anton Bruckners zum 200. Mal. Gedrucktes, Erzähltes, Geglaubtes wird in einer neuen Biographie von Felix Diergarten[1] anhand der Quellen einem Faktencheck unterworfen. Auch Bruckners Musik erfährt die ihr zukommende Befreiung von angesammelten Vorurteilen. Der Autorist Professor für Musikwissenschaft und Musiktheorie an der Musikhochschule Luzern. Der in Dresden ausgebildete Dirigent hatte eine Professur an der Schola Cantorum Basiliensis, in Freiburg war er Leiter des Instituts für musikalische Aufführungspraxis.

Von der Wiege bis zur 9. Sinfonie und Mumifizierung des Leichnams im Sarkophag im Stift St. Florian widmen sich 25 chronologisch angeordnete Kapitel je einer Lebensphase, einem den Menschen und das Werk aufschließenden Ereignis, einem Ort, einem Thema aus Bruckners Leben mit, in und für Musik. Wir begleiten Bruckner »vom oberösterreichischen Dorf über die wachsende Landeshauptstadt Linz in die Metropolen Europas; vom Dorfschulhaus über die Lehrerbildungsanstalt an das Konservatorium und die Universität; […] vom kämpferischen Katholizismus eines Bischofs Rudigier zum Liberalismus des Unterrichtsministers Stremayr; von den fiedelnden Dorfmusikanten zu den Wiener Philharmonikern; von der Landmesse zur monumentalen Sinfonie« (13), wie Diergarten in der Einleitung, typisch für das gesamte Buch, anschaulich formuliert.

Das lange Zeit bestimmende Bruckner-Bild wurde in den Post-1968er-Jahren revidiert. Aus dem Heiligen wurde ein Monstrum, so Diergarten. Bruckner büßte, was seine Verehrer aus ihm gemacht hatten. Die einprägsamen Klischees und Anekdoten sind nicht verschwunden. Diergarten erwähnt Programmhefttexte, Webseiten von renommierten Konzerthäusern, Rundfunk- und Fernsehmoderationen, Biografien, populäre Lesungen. Nur einige Beispiele, denen Diergarten ein Ja-Aber folgen lässt: »Bruckner, ein einfacher Mann vom Lande? Ja, er kam vom Dorf, aber…ein unbeholfener Kauz?…ein autoritätsgläubiger Untertan? …ein bis zur Selbstverleugnung unsicherer und bescheidener Mensch? …ein „verkanntes Genie?« (11f.)

Diesen bereits im Vorwort fein balancierten Einsprüchen folgen auf Basis profunder Kenntnis der Partituren, der Primärquellen, der Literatur über Bruckner und Diergartens Liebe zu Bruckners einzigartiger Musik solide Argumente. Aber der Autor hat keine Scheu, direkt zu sein. Bruckner »komponiere ›orgelmäßig‹«? Eine »Plattitüde«: Bläserchoräle und Registerwechsel sind doch nur zwei Farben auf Bruckners bunter Palette. Dass er »orgelmäßig« komponiere, kam »als üble Nachrede in die Welt und blieb in den Köpfen hängen, wie so vieles über Bruckner.« (147)

Mehr spukt noch in den Köpfen. Bruckner »… ein armer verrückter Mensch, den die Pfaffen in St. Florian auf dem Gewissen haben«, wie Brahms, der protestantische Hanseate, formulierte (29). Brahms wusste nicht: Die Augustiner Chorherren waren auf vielen Gebieten auf der Höhe der Zeit, vermochten, aufgeklärt nachkantianisch, durchaus liberal zwischen Glauben und Wissenschaft zu trennen.

Bruckner, der »Musikant Gottes«, gar des »lieben Gottes«? Kirchenmusik schrieb Bruckner nur auf Auftrag, »… bin ja doch nur ausschließlich Symphoniker…«, beharrte er und wollte im »Tempel der bürgerlichen Musikkultur« (117), im Konzertsaal, nicht in der Kirche gehört werden. Es bleibt bei der Feststellung des Bruckner-Forschers Leopold Nowak, der an der Religiosität des Menschen Anton Bruckner nicht zweifelte. Diergarten zitiert Nowak: »…keine Äußerung [Bruckners] ist überliefert, aus der wir auch nur andeutungsweise entnehmen dürfen, daß er seinen Sinfonien, vor allem der Neunten, sakralen Charakter zugebilligt wissen wollte.« Wie der Dirigent, und Siebentag-Adventist, Herbert Blomstedt sagt: »Bruckner schrieb geistige, nicht geistliche Musik.«[2]

Der Dirigent, und bekennende Katholik, Manfred Honeck – und nicht nur er – widerspricht. Er sei »ganz fest davon überzeugt, dass Bruckners Sinfonien religiöse Werke sind.«[3] Honeck nennt eine Reihe von Passagen in allen Sinfonien, in denen er Abläufe der katholischen Liturgie erkennen möchte. Bruckner habe eine »authentische Musiksprache geschaffen, die nur ein Mensch schaffen kann, der so eigenständig und in seiner Welt so verankert ist, und diese Welt, ob Ihr´s wollt oder nicht, ist eine christliche, eine katholische Welt, ob man das jetzt gut heißt oder nicht.« Der fromme Bruckner lasse sich nicht vom Komponisten trennen. Seine »Liebe zu Gott spürt man in der Harmonik und sogar im Rhythmus – in der 9. Sinfonie (Honeck beruft sich auf einen »Musikwissenschaftler«) hat Bruckner die Länge, die Breite und die Höhe des Stephansdomes auskomponiert – an den Höhepunkten der Sinfonie! Dieser Dom ist zur Ehre Gottes gemacht, auch Bruckners Musik. Das heißt nicht, dass man unbedingt religiös sein muss, um seine Musik zu verstehen.« [Anmerkung Peter Kislinger 3. Juli 2026: Die Geschichte mit der „Gotischen Symphonie“ hat die damals in Stuttgart erscheinende Neue Musikzeitung 1892 abgedruckt (Jg. 13, Nr. 16, S. 187) und ist dabei einem Witzbold aufgesessen. Dort ist von einer 10. Symphonie die Rede, obwohl es ja nicht mal die 9. gab. Von der 9. wiederum wurde später gerne berichtet, die Inspiration zum 1. Satz sei Bruckner im Stephansdom gekommen (findet man über ANNO). Das ist dann offenbar zu einer Geschichte zusammengezogen worden.]

Honeck erinnert daran, dass Bruckner seine Gebete detailliert im Kalender notierte (etwa am 20. März 1882 vier Rosenkränze, 19 Vaterunser, neun Ave Maria, viermal das Glaubensbekenntnis und zwei Salve Regina), jeden Tag in die Messe gegangen ist, »die Beichte sehr ernst nahm, den Bischof um Dispens bat, weil er ein Wiener Schnitzel essen wollte – er hat ja sehr gern gegessen und viel gegessen.«

Diergarten hält entgegen, von Bruckners »Teilhabe an in seiner Zeit weitverbreiteten Frömmigkeitspraktiken«, deren »skrupulöses Zählen von einem gewissen Leistungsdenken« geprägt war – etwa im von Papst Leo XII ausgerufenen außerordentlichen Jubeljahr, in dem Bruckner den Jubiläums-Ablass erwarb und an zwei Tagen sechs Kirchen aufsuchte –, auf sein Empfinden zu schließen, bleibe ein »heikles und approximatives Verfahren. […] Solche Dokumente lesen sich eher wie Zeugnisse von Rigorismus, ja Zwanghaftigkeit.«[4]

Für den Musikwissenschaftler und Historiker Johannes Leopold Mayer (Mitglied des Anton Bruckner Instituts Linz) sind solche Einwände Zeugnisse »für Klischeehaftes, ja Falsches«, die er mit »Unkenntnis der spezifisch österreichischen religiös- und frömmigkeitsgeschichtlichen Gegebenheiten« erklärt. Er verweist etwa auf den »große[n] Philosoph[en] Ludwig Wittgenstein«, der auf »genau dieselbe Weise Rechenschaft über sein Gebetsverhalten« abgelegt habe. Für »Haltungen der Pietas Austriaca und damit für Bruckner« sei »von größter Bedeutung: dass der Glaube ein Geschenk Gottes an den einzelnen Menschen ist.«[5]

Volker Tarnow hat in seinem Sibelius-Buch die sieben Sibelius-Sinfonien mit je einem Satz charakterisiert. Ein ähnlich riskantes Kunststück gelingt Diergarten mit Bruckners neun Sinfonien, mit der Annullierten Zweiten und der Studiensinfonie. Zwei Beispiele: »Buntheit gefasst in Konzentriertheit: Das ist der neue Weg der Sechsten.« (164) Oder: »Ein gigantisches Panoptikum […] – die Achte ist Bruckners großes Welttheater.« (188) Zuvor jeweils einige Seiten Werkeinführungen. Kapitel enden einprägsam – »merk-würdig« – fortissimo: »Bruckners Bettelbriefe nach Wien sind von peinlicher Unterwürfigkeit, seine Messen künstlerische Bekenntnisse.« (68) Oder nach überzeugender Darlegung, dass die Messen für Bruckner ein Weg zu Sinfonie waren: (97»Sein Plan ging auf, seine Messe hatte ihm geholfen.« (72) Oder: »Anton Bruckner, ein Landflüchtling höherer Klasse.« (97)

Diergarten hat für sich und die Leser Mozarts Rezept abgewandelt: Die Kapitel »[…] sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm« zu lesen [»in die ohren« schreibt Mozart am 28. Dezember 1782 seinem Vater über seine Klavierkonzerte KV 413-15.] Und weiter: »– Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nicht=kenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen warum.«[i]

In Gedenkjahren lassen Vereinnahmungen und Anbiederungen nicht lange auf sich warten. [Anmerkung 3. Juli 2026: "Er war unser" - Karl Kraus nimmt diesen Friedrich Schiller-Satz vom Ende der Ballade "Die Glocke" zum Anlass zu einer Polemik gegen Vereinnahmungen von Kunst und Künstlern.]
Diergarten ist ein die Not der Bruckner-Bilder wendendes klares, klärendes Buch gelungen, ein auch stilistisch souveräner Brückenschlag von Wissenschaft zu populärer Darstellung – keine Hagiographie, keine Demontage, aber ein Antidotum gegen »Er war unser«-Rufe.Komplexes anschaulich, einfach, aber nicht simplifizierend darzustellen – im deutschsprachigen Universitätsbereich immer noch keine Selbstverständlichkeit. Gelegentliche Fachbegriffewerden musikliebende Laien nicht abschrecken.Die Problematik, Musik durch die Persönlichkeit, den Menschen durch das Kunstwerk zu deuten, spricht Diergarten an. Knappe, treffliche historische Einbettungen fehlen nicht. Über Musik nachdenken und von ihr berührt werden – es sind keine Gegensätze.»Dass bei allem Erklären, Beschreiben und Historisieren immer etwas Unerklärliches, Rätselhaftes und Unaussprechliches bleibt, das zeichnet große Kunst aus ‒ und die Musik Anton Bruckners ganz besonders.« (13) Dieser Satz findet sich nicht erst am Ende, er begegnet uns in der Einleitung.

[1] Felix Diergarten, Anton Bruckner. Ein Leben mit Musik, Kassel: Bärenreiter 2023.
[2] Peter Kislinger, Interview mit Herbert Blomstedt am 27. Juni 2023 in Luzern
[3] Hier und im Folgenden: Peter Kislinger, Interview mit Manfred Honeck am 6. November 2023 im Wiener Konzerthaus.
[4] Felix Diergarten, Anton Bruckner: das geistliche Werk, Salzburg – Wien 2023.
[5] Johannes Leopold Mayer, Exkurs: Bruckners Frömmigkeit, in: Anton Bruckner. Eine Biografie, hg. v. Alfred Weidinger und Klaus Petermayr; Salzburg 2023
[i] Ludwig Schiedermair, Die Briefe W. A. Mozarts und seiner Familie. 5 Bände, Band 2. München/ Leipzig 1914, 201.

Peter Kislinger | Besprechung von "Anton Bruckner. Ein Leben mit Musik" von Felix Diergarten — P.K. Pasticcio