Peter Kislinger: Blomstedt mit Berwald: "Mut zum Singulären"
Herbert Blomstedt "brach", wie er im Gespräch mit mir formulierte, "eine Lanze" für seinen schwedischen Landsmann Franz Berwald. Ende September, Anfang Oktober 2018 dirgierte er im Wiener Musikverein die Wiener Philharmoniker. Berwald "Sinfonie singulière" (1845) ist ein faszierend eigenwilliges Werk. Singulär, auch kapriziös war das Schicksal des 1796 in Stockholm geborenen Komponisten Franz Berwald. Er sah sich als seriös, keinesfalls naïv. Diese Eigenschaftswörter wählte er als Titel für seine vier Symphonien. Er war Physiotherapeut avant la lettre, Fabriksmanager, Grundstückmakler und als Komponist seiner Zeit voraus. Seine "Sinfonie sérieuse" war die einzige Symphonie, die zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde. Die "Sinfonie singulière" wurde 1845 vollendet und 1905 in Stockholm uraufgeführt - 47 Jahre nach seinem Tod.
Mut zum Singulären. Berwald, dirigiert von Blomstedt
("Musikfreunde" September/Oktober 2018, Gesellschaft der Musikfreunde in Wien; S. 32-35)
Singulär, auch kapriziös war das Schicksal des 1796 in Stockholm geborenen Komponisten Franz Berwald. Er sah sich als seriös, keinesfalls naïv. Diese Eigenschaftswörter wählte er als Titel für seine vier Symphonien. Er war Physiotherapeut avant la lettre, Fabriksmanager, Grundstückmakler und als Komponist seiner Zeit voraus.
Seine Sinfonie sérieuse war die einzige Symphonie, die zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde. Die Sinfonie singulière wurde 1845 vollendet und 1905 in Stockholm uraufgeführt, 47 Jahre nach seinem Tod.
Blomstedt und Berwald
Ist der Titel Zeichen von Überheblichkeit, Selbstüberschätzung? Nein, Berwald schwankte zwischen Capricieuse und Pathétique. An die 20 Aufnahmen des Werkes liegen vor, darunter mit namhaften Dirigenten wie Igor Markevitch, Neeme Järvi, Esa-Pekka Salonen oder Thomas Dausgaard.
Für seinen Landsmann ist Herbert Blomstedt “immer bereit, eine Lanze zu brechen“. Er hat “die Singulière sicher schon 60 Mal“ im Konzert dirigiert. 2016 stieß das Werk auf “großes Verständnis“, als er es mit den Berliner Philharmonikern aufführte, was Blomstedt “besonders gefreut“ hat, weil Berwald in seinen Berliner Jahren keine Resonanz fand. Im April 2018 spielte das NHK Symphony Orchestra in Tokio das Werk so “hervorragend, mit vollem Einsatz und großem Verständnis“, dass der Gastkonzertmeister, der pensionierte Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, Rainer Küchl, ihm zuraunte: “Wunderbar! Ein Jubel wie nach einem Rockkonzert.“ Im Mai stellte er das Werk in Amsterdam mit dem Royal Concertgebouw Orchestra vor; nun also in Wien – wieder in Wien, denn zuletzt dirigierte Blomstedt das Werk am 12. Februar 1998 im Wiener Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern. Seit Jahren hat er versucht, die Wiener Philharmoniker für Berwald zu interessieren, habe doch “das Orchester Berwalds sinfonische Dichtungen mit großem Erfolg gespielt.“ Tatsächlich dirigierte Berwald 1842 Mitglieder des Orchesters der k.k. Hofoper in einer “Philharmonischen Academie“ im Großen Redoutensaal und sechs Jahre später im Theater an der Wien.
Völlig originell
Die Singulière ist für Blomstedt “bedeutendste Symphonie Berwalds, genial.“ Auch die Sérieuse sei hervorragend, aber die Singulière ist “seine originellste.“ Wegen des ins Adagio eingebetteten Scherzos, das mit einen Paukenschlag einsetzt? Nicht nur:
Das Scherzo ist ein Einsprengsel, sehr überzeugend! Wenn das Adagio wenige Takte lang wieder kommt, ist das sehr bewegend. Berwalds gesamte Tonsprache ist völlig originell mit ihren überraschenden Modulationen und einem spezifischen Klang, obwohl er dasselbe Orchester wie Beethovens Fünfte verwendet, also mit Posaunen, aber so individuell wie er klingen selbst Schumann oder Mendelssohn nicht. Das Scherzo, der 3. Satz, hat etwas von Mendelssohn, aber nicht die anderen Sätze.
Der Blechbläserklang sei
... anders als in der deutsch-österreichischen Tradition, kantig; der Musikpublizist Volker Tarnow hat treffend formuliert: wie Eisen und Granit. Dann diese sehr stark ausgeprägte Willenskomponente. Wie bei Beethoven geht die Musik unerbittlich einem Ziel entgegen.
Ist Berwalds Musik einem Beethoven, Schubert, Mendelssohn ebenbürtig?
Er ist kein Schubert, aber er hat wirkliche Originalität und führt die Symphonie in eine neue Richtung. Erst bei Sibelius und Nielsen finden Sie diese Blechschärfe oder diese sehr poetische Ader des 2. Satzes.
Berwald liebte
... Sequenzen, also Motive, die drei, vier Mal obsessiv, aber nicht planlos, wiederholt werden. Man muss achtgeben und sie dynamisch abgestuft spielen; dann ist das reizvoll. Am Ende der Exposition muss man diese Sequenzen [singt] diminuendo spielen, zu den Streichern spielen die Fagotte eine Gegenbewegung in Triolen gegen Achtel [singt], auch etwas Neuartiges! Bruckner und Mahler verwenden das später oft bis ins Absurde gesteigert.
Kunst und Brotberuf
Im Juni 1829 war der ausgebildete Geiger Berwald nach Berlin gezogen, weil er sich für seine Kompositionen mehr Verständnis als in Stockholm erhoffte. Er verkehrte mit Mendelssohns und Spontini, dem GMD der Königl. Hofoper, aber Spontini “intrigiert gegen jede Neuigkeit, besonders wenn sie besser ist als seine eigenen Werke.“ In schwedischen Zirkeln war Berwald als “lilla [= kleiner] Beethoven“ bekannt.
Seinen Lebensunterhalt musste er ab 1832 mit “orthopädischen Behandlungen“ bestreiten. Es waren wirtschaftliche Gründe und mangelnde musikalische Bildung in Schweden, die Berwald zu unmusikalischer Betätigung zwangen. Als ältester Bruder war er nach damaligem Recht für den Lebensunterhalt seiner vier Schwestern verantwortlich. 1835 gründete er ein eigenes Institut. Seit gut einem Jahrzehnt hatte er Fachliteratur und Methoden studiert, mit denen er “deformierte oder muskelschwache Patienten“ nach “anatomisch-physiologischen Prinzipien … nicht am Streckbett“ mit Apparaten behandelte, die er selbst entwarf und von Tischlern herstellen ließ.
Quer durch Wien
1841 reagierte er auf Konkurrenz mit typisch pragmatischer Lakonie: “Ich verkaufte die Apparate – reiste nach Wien – und begann erneut zu komponieren.“ April bis Juni 1841 wohnte er in der Leopoldstadt, “Augartengasse 170 im 2ten Stock“ in einer “freundliche[n] Stube bei einer alten Frau […], die den ganzen Tag zu Hause sitzt.“ Er besuchte “Mozarts letzte irdische Wohnung“, Beethovens Wohnung in der “Alservorstadt, Ecke der Währingergasse No 200“ und klappert “400 Ärzte“ ab, um sie seinen “Seitendruck-Apparat“ zu interessieren, aber die “Wiener haben überhaupt kein [sic] Sinn für ähnliche Sachen.“ In “Gartenetablissments“ bewunderte er “den Strauss Senior, den Lanner, Labitzky und andere.“ Am 18. Juli 1841 heiratete der “Componist und Direktor, 45“ in der Pfarre St. Leopold die “Geprüfte Lehrerin der Orthopädie Mathilde Scherer, 24“, die in Berlin seine Angestellte war. Sie unternahmen “Landparthien in Wien´s reizende Umgegend“, er stellte die Sérieuse fertig. Er freundete sich, vermutlich dank des “radikalen“ Journalisten und Satirikers Moritz Gottlieb Saphir, den er aus Berlin kannte, u.a. mit Grillparzer an, der die Aufführung seiner Werke besuchte; mit dem Dramatiker Otto Prechtler – Nachfolger Grillparzers als Direktor des Hofkammerarchivs – , der ihm die Libretti einer Oper und Kantate schreibt; und mit Joseph Netzer, dem international erfolgreichen Tiroler Komponisten und Dirigenten aus dem Schubert-Kreis. Drei Werke des “vollkommen ausbildeten Talentes“ im Wohltätigkeitskonzert am 6. März 1842 stoßen auf Beifall der Fachrezensenten: geistreich, genial, “eigenthümlich“. Die “Fremdheit der Ideen“ erklärt man mit seiner “skandinavischen Herkunft“, ein Topos, der sich bis heute in Rezensionen über „Musik aus dem Norden“ hartnäckig hält.
„Große Neigung zur Bizzarerie"
Im Mai wurden die selben Werke in Stockholm verlacht: geistlos, chaotisch, unmusikalisch, regellos und krankhaft. 1845 wurde seine Bewerbung an der Königl. Akademie wegen “Übermuts“ und “Eigenliebe“ zurückgewiesen. Zuvor hatte er, auf hohem kunsttheoretischen Niveau, Kritik an seiner Musik in einer Zeitung zerpflückt und die Akademie-Führung Amateure genannt.
Nach weiteren Scharmützeln und einem Zwischenspiel in Paris wohnten Berwalds spätestens Anfang 1847 wieder in Wien – “Kärnterstraße 1046“, März bis November im “Schloss Reisenberg“ [= Schloss Cobenzl] des Industriellen und “Naturforschers“ Carl Ludwig Friedrich von Reichenbach, dessen zwei Töchtern er Musikunterricht gab. Seine Musik fand in Wien, Linz und Salzburg mit der Sopranistin Jenny Lind, der “schwedischen Nachtigall“, ähnlichen Beifall wie 1842. Nur Eduard Hanslick beckmesserte:
Als Mensch anregend, geistreich, mit großer Neigung zur Bizarrerie, ermangelt Berwald als Tondichter empfindlich der schöpferischen Kraft und Fantasie.
In seinen “trockenen Compositionen sprechen nur diejenigen Partien an, die schwedische Nationalthemen verwendeten“, die sich freilich nicht belegen lassen.
Keine königliche Hilfe
Berwald wurde am 22. Dezember 1845 vom “Dom-Musik-Verein, zugleich Gründer des Mozarteum’s zu Salzburg“ zum Ehrenmitglied ernannt. Am 11. April 1848, nach einem neuerlichen Konzert im Salzburger Rathaussaal, wird seine Musik als meisterlich, genial und bedeutend beschrieben, “von edlem Schwung“, manche Einfälle hetze er “zu Tode“ - die von Blomstedt erwähnten Sequenzen.
Bis November wohnten Berwalds im “Wirtshaus Oed“. Im “Gut Oed“, nahe Gutenstein bei Wien, gab er einem Amateurmusiker, dem Besitzer der Blech- und Drahtfabrik in Oed im Piestingtal Matthäus Edler von Rosthorn, Musikunterricht. Am 6. November wurde Berwalds Sohn in Wien geboren und auf Hjalmar getauft. Dem misstrauischen Pfarrer wurde versichert, Hjalmar sei ein schwedischer Heiliger.
Nach einem Konzert am 8. März 1849 am “ständ. Theater Graz“ kehrten Berwalds finanzieller und politischer Gründe wegen nach Stockholm zurück. Er fürchte die “Ultra-Radikalen“, die “das Volk zu kommunistischen Kraftäußerungen“ aufzuhetzen versuchten, schreibt er in einem Bittbrief an den schwedischen König. Er möchte sich “lieber mit harmonischen Kombinationen als mit disharmonischem Revolutionsgeschrei“ beschäftigen. “Bettelarm“ hoffte er auf königliche Fürsprache, als er sich als Musikdirektor der Universität Uppsala bewirbt. Vergebens.
Wehnachtsgeschenk von Mendelssohn
1850 kaufte ein Freund die Glashütte Sandö in Norrland. Berwald wird “ein geschickter Betriebsleiter“. Die Fabrik wurde von einem anderen Freund übernommen, der ein Sägewerk errichtet. 1857 geht das Unternehmen als Folge anhaltender Rezession in Konkurs. Berwalds verbrachten die Sommerhalbjahre in Sandö, das man mit Wagen und Pferd in sechs Tagen erreichte. “Neben seiner Arbeit komponierte Papa.“ In Stockholm teilten die Berwalds eine Mietwohnung mit vier, dann drei Schwestern. Deutsch und Schwedisch blieben die Umgangssprachen.
In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Berwald als Grundstücksmakler, vollendete drei Klaviertrios, das Klavierquintett und das Klavierkonzert und arbeitete an zwei Opern. 1864 wurde er endlich in die Königl. Musikakademie aufgenommen und mit der Umarbeitung des Schwedischen Choralbuches beauftragt. 1867 übernahm er die Kompositionsklasse am Musikkonservatorium. Am 3. April 1868 starb Berwald im Alter von “71 Jahren, 8 Monaten und 10 Tagen“. Im Besitz der Familie bleiben eine “Kaffeetasse mit Untertasse, Weihnachtsgeschenk von Mendelssohn 1829“ und eine “eingerahmte“ Beethoven-Lithographie.