Peter Kislinger: Festrede Festspiele Schloss Tillysburg 2024
Eine Rede über Tabubruch und eine Erwartungsenttäuschungen in der Kunst und am Theater. Einige Themen: Triggerwarnungen als Spoiler? Sommertheater als Bollwerk gegen "das Moderne", als Zufluchtsort des spießigen Ressentiments? Wie mit "Klassikern" umgehen? Die Tillysburger haben mit paradoxen Tabubrüchleins (meinen) Respekt provoziert.
Festspiele Schloss Tillysburg
4. Juli 2024
Eine Festrede erwartet Sie. Sie erwarten sich eine Festrede.
Plural: Festreden; anders betont, Adverb plus Verb: fest reden; dass ich mich festrede, werden so manche befürchten. Im Englischen gibt es aber den sound advice: Stand up, speak up, shut up.
Festreden – das ist eine Gattung: Ein Festredender spielt eine Rolle, Festgäste ebenso; deren, also Ihre, Rollenbeschreibung: sie/Sie haben Erwartungen. In der Literatur, im Theater, in der Musik, wird mit Erwartungen gespielt. Haydn spielt, Beethoven perfektioniert es: Erwartungsenttäuschung, Erwartungserfüllung, sogar erfüllte Erwartungsenttäuschung. Ein Extrem der enttäuschten Erwartung ist der Tabubruch.
Eine Journalistin erinnerte sich in den 1990er Jahren an einen Auftritt, den sie als Kind mit ihrer Großmutter hatte. Sandwiches lösten Nasenrümpfen aus, Alternativen? Bäh – worauf Grandma, wir sind in England, nur sagt: Then you can have shit between bricks. Noch nie hatte Grandma…
Tabubruch und eine Erwartungsenttäuschung. Shit hatte hohen Wert, also die Verbindung dieser Laute, diese Münze wurde von Grandma aufgespart. Diese Münze hat heute keinen Wert mehr. Ich scheiß mich um nichts, sagt etwa eine junge Regisseurin. Fucking great! Die Ursprungsbedeutung ist verloren. Tabubrüche beruhen auf unausgesprochenen Vereinbarungen.
Regelbrüche haben sich durchgesetzt, sind in aufgeklärt liberalen Kreisen Regel geworden und werden nicht mehr als mutig verstanden; in konservativen oder Socialmediawutbürgerkreisen wird gegen die angebliche Gängelung des Sprechens aufbegehrt. Dort gilt es als mutig, „Zigeunerschnitzel“ oder „Negerkuss“ oder „Indianer mit Schlag“ zu sagen, zugleich aber wird behauptet, man dürfe ja dies oder das nicht mehr sagen. Der Begriff des Freiheitskämpfers, des Tabubrechers erfährt seine Pervertierung. Und wer sich als „progressiv“ versteht, wird in die Rolle des Anstandswauwaus gedrängt: Normüberschreitung oder -verletzung werden vom reaktionären Denken gekapert, wenn endlich, zum Beispiel, zumindest die gesetzliche Norm der Gleichbehandlung von Hetero-und Homosexuellen erreicht ist – von homosexuell oder heterosexuell Gelesenen erreicht ist. Bei diesem Begriff werde ich plötzlich spießig, reaktionär, erwacht in mir fast der Wutbürger. ABER: Nun erhebt der studierte Anglist und Germanist in mir den Zeigefinger: Sprache, Register, Konventionen ändern sich halt, wenn man älter wird. Und wer weiß, vielleicht ist was Brauchbares im Neuen…
Schwer mit Tabubrüchen haben es in – noch? – liberalen Zeiten Theaterleute.
Die Vorstellung enthält selbstverletzende Handlungen, sexuelle Handlungen sowie Darstellungen und Beschreibungen von (sexueller) Gewalt. In der Vorstellung werden Stroboskopeffekte eingesetzt, sowie Blut und Nadeln verwendet.
So ein sich als „Hinweis“ vorstellender Text: eine TRIGGERWARNUNG. A case of Having your cake and eat it? Für eine „Performance“ im Wiener Volkstheater war "Florentina Holzinger für Regie und Choreografie verantwortlich. Die Performance" begann mit Paul Hindemiths einaktiger Oper Sancta Susanna aus dem Jahr 1922. Hindemith hatte einen Text (von August Stramm) aus dem Jahr 1914 vertont. Die Nonne Susanna wird brutal bestraft, weil sie ihre („gottgegebene“!) Sexualität nicht (länger) unterdrücken möchte. Es wird von einer Nonne berichtet, die die Kirche nackt betrat; die Nonne Susanne hört, wie „in wimmernder Lust“ die Stimme einer Frau erstickt. Sie selbst entdeckt ihren nackten Körper und findet ihn „schön“ und schockt ihre „Mitschwestern“. Nichts wurde in dieser Performance angedeutet, sondern – siehe Triggerwarnung. Es folgten Musik von Bach, Rachmaninow, Metal Noise und zeitgenössische Kompositionen. Sie trafen, so in einer Presseaussendung, „in einer musikalischen Tour de Force aufeinander, in der Magie und Wunder der Kirche eine Aneignung erfahren, aber auch ihr Bezug zu Opfer und Gewalt verarbeitet wird.“
Das Publikum war – im Gegensatz zur Uraufführung 1922 – nicht schockiert. Triggerwarnung gab´s 1922 keine. Warum auch sollte man ins Theater gehen, wenn man vor etwas gewarnt wird, was im Stück Thema wird und überraschen, anregen könnte. Triggerwarnungen sind Verwandte von Spoilers. Als würden wir vor Shakespeares Hamlet gewarnt: Da denkt einer über Suizid nach; und am Ende: Achtung! Neun Leichen!
In Shakespeares King Lear werden Gloucester die Augen herausgerissen – harmlos im Vergleich zu dem, wie im Jacobean England in der realen Politik mit Gegnern umgegangen wurde. Shakespeares Dramen wurden düsterer, das zeitgenössische Publikum verstand das Morden in seinen Stücken verstanden als anspielende BILDER auf die Tagesaktualität. [The Year of King Lear: Shakespeare in 1606; Autor: James Shapiro]
Sommertheater garantiert Zartbesaiteten: keine Tabubrüche, hier wird dem Modernen die Stirn geboten! Leichte Sommerkost! So die Erwartung oder das Vorurteil. Sommertheater droht in die Schlucht des Ressentiments zu stürzen, so wie sich einige meiner Bemerkungen philiströs anbiedernd angehört haben mochten.
Erwartungen. Die Tillysburger haben mit Tabubrüchleins meinen Respekt provoziert. Sie befolgen mitunter eine Mozartsche Maxime.
Die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die ohren“ – berichtete Mozart seinem Vater über seine Klavierkonzerte KV 413 bis 415. Und weiter: „– Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nicht=kenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen warum.
Das ist eine Maxime der Kunst, des Theatermachens, der Spielplangestaltung, die mir imponiert. Goethes Theaterdirektor im Vorspiel auf dem Theater (Faust I) formuliert das zitattauglicher:
Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen, /Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus./ Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; / Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Allerlei erfreuliche Mischungen haben meine Frau und ich in einigen Saisonen den Tillysburgern zu verdanken gehabt. Die erste Hochtat aus unserer Warte war Ferenc Molnárs Olympia. Welche Triggerwarnung hätte es da geben können? Und für wen? Achtung, ein Boulevard-Stück! Und: A well-made play! Die Figuren replizieren auf das Gesagte! Nix für Menschen, die Trash erwarten. Ein Klassiker – und unbearbeitet. Ohne Triggerwarnung kam auch Felix Mitterers Krach im Hause Gott aus – ein Theaterstück aus dem Jahre 1994 mit Gedankengängen über Absurditäten, Paradoxien, Zumutungen von Religion(en) und Christentum im Besonderen, die seit der Antike Gebildeten, Aufgeklärten, bekannt sein könnten, aber dem Publikum einige Reaktionen entlockte.
Wenn als Mann gelesene Menschen von als Frauen gelesenen Menschen geschriebene Literatur übersetzen, noch dazu aus anderen, auch andersfarbigen, Kulturen – das wurde / wird immer noch als kulturelle Aneignung gebrandmarkt – es wäre das Ende des Übersetzer- und Schauspielberufes.
Noch etwas Erfreuliches, und elegant zwischen der Scilla der Anpassung und der Charybdis des Ressentiments segelnd hat das Tillysburger Sommertheater zu bieten. Kaum, und wenn, dann notwendige Adaptionen, heuer und gleich heute etwa Mozarts Der Schauspieldirektor.
Adapation, das ist Aneignung und Anpassung. Sie sind, im Theater, in der Oper, aber gang und gäbe. Im 18. Jahrhundert etwa wurde in Deutschland aus Something is foul in the State of Denmark: Es muss ein verborgenes Übel im Staate von Dänemark liegen, schon vor Ludwig Tieck hatte ein Übersetzter immerhin: Es ist eine Fäulnis im Dänischen Staate.
Hamlet durfte - im 18, Jahrhundert - mit Ophelia nicht so reden wie bei Shakespeare, nämlich sie mit deftigen sexuellen Anspielungen provozieren, und die Jungfrau Ophelia, wenn sie dem Wahn verfällt, auch nicht. Also: Anpassung an den Zeitgeschmack. Wenn so adaptiert wird, dann bekommen wir, bekommen Sie, ein zeitbezogenes, modisches, neues, meist schlechtes Stück. Der Szenenaufbau in einem Shakespeare- oder Schiller- oder XY-Stück ist wohldurchdacht; die Versform nimmt dem Schauspieler Arbeit ab, gibt im Gegenzug ihm / ihr alle Freiheiten: “There are more things in Heaven and Earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.” Nicht "Philosophie wird kritisiert, sondern Horatios bieder gestricktes Weltbild.
Viele zeitgenössische Regisseure verstehen diesen Aufbau nicht – stellen die Szenen um, bauen neue ein; selbst jemand, der mit einem Theaterstück, einer Oper, sehr vertraut ist, kann dem auf der Bühne Gebotenen („Erzählten“, wie es oft unsinnig heißt) ohne Erläuterung der Regisseurin oft nicht folgen; manche Regisseure verstehen nicht (mehr), warum Shakespeare , Lessing oder Kleist oder … die Versform gewählt haben.
Theaterleute, die Klassiker so spielen, wie sie sind, brauchen ein Publikum, das weiß, wie viel Sprengstoff im Unbearbeiteten schlummert.
Klassiker? Jemand, der hundert, auch tausende Jahre überlebt hat. Neue Gesellschaftsformen, neue Bedürfnisse etc. verlangen neue Formen? Ja, sicher. Aber in der seinerzeitigen Gültigkeit ist die überzeitliche aufgehoben. Der Barockluster muss nicht erhalten bleiben, hat Wilhelm Sinkovics kürzlich in der „Presse“ geschrieben. Der in den 1980er Jahren meist gespielte deutsche Dramatiker war Peter Hacks (Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe). Hacks hat drei Indikationen für die mögliche Revision von Klassikern genannt:
Die pragmatische: der Bühnenalltag, die Finanzen. Ein Opernhaus hat einen unkräftigen Tenor und streicht eine Arie, oder der Sänger verzichtet aufs hohe … CIS. Aber auch so wird vielleicht die Architektur (des Werkes) demoliert.
Geschichtliche Anspielungen, von denen der Autor annahm, alle würden sie kapieren, dürfen gestrichen oder verdeutlicht werden. [Get thee to a nunnery. Ophelia ist schockiert. Warum? Klöster standen im Ruf Bordelle zu sein… oder ihnen angegliedert.]
Fragmente dürfen gerettet werden – Hacks nannte das die Medizinische Indikation. Ich füge noch hinzu: Bitte keine Roman-Adaptionen. (Ein Romankunstwerk wird aufs Unwesentlichste reduziert: auf die Handlung.)
Peter Hacks:
Ich schwärme nicht, ich bin bei bester Vernunft: ich will die Klassiker ungetadelt, nicht unangewendet: Ich will sie beweihräuchert und verstanden. Und sollte man sollte sie nicht auf einen Sockel stellen? – Gewiss nicht. Sie stehen da schon längst. Wer das nicht sehen kann, weiß seinen Platz nicht.
Botho Strauss, Der Untenstehende auf Zehenspitzen [dtv 2004, S. 59f.]:
Es gehört zu den übelsten Unsitten unserer Soziozentrik, alles, was man als das Höhere ausgemacht hat, vor allem in Kunstwerken (meine Hervorhebung), zu sich herabzuholen und mit sich selber zu vergleichen. Auf Kanzeln, Kongressen, Theaterbühnen geschieht es bis zum Überdruss, der immergleiche Orpheus aus der Tiefgarage. (…) Erstes Gesetz dem entgegen: erkenne, was höher ist als du selbst. Lerne die Fremdsprache. Beachte den Menschen als ein Geschöpf in der Senkrechten, eine Linie, die ihn erdet, aber auch übersteigt. Meide die Pädo-kata-gogen: die Herunter-Erzieher. […] Ein Kulturkampf: die Hässlichkeits- gegen die Schönheitskomplizen (die hoffnungslos in der Minderzahl). Jene, die lüstern auf das Erhabene sind, es aber nur brauchen, um die Reize der Verkehrung zu kosten. Und diese anderen, die Untenstehenden auf Zehenspitzen, die davon leben, überwältigt zu werden.
Ungetadelt und angewendet (vom Regisseur verstanden) war hier auf der Tillysburg Raimunds Der Bauer als Millionär. Und er /es war nicht unzeitgemäß.
In meiner Familie war eine Art Theater für mich und meine Schwester Tabu: Das Kasperltheater. Meine Mutter sorgte sich, ich würde wie „der Pezi“ zu reden beginnen. Die Tillysburg ist mir seit 49 Jahren ein Begriff, und das obwohl ich ein geborener Wiener (ein als Wiener gelesener CIS-Mann) bin. Meine Frau kennt die Tillysburg noch länger. Sie ist gebürtige Linzerin. Dass sie und ihre Familie Eingeborene sind, bestätigt ihr Geburtsname. Sie trägt ihn immer noch. Bevor ich sie, also die Tillysburg, zum ersten Mal besuchte, vor vier oder fünf Jahren, war sie mir aus Erzählungen meiner Frau vertraut. Schuld trägt der, den niemand daschlogn kann, der Kaschperl.
Die Mutter meiner Frau spielte im Ebelsberger Haus Kasperltheater – der Vater meiner Frau stand daneben und störte mit Bemerkungen. Oft kam ihm eine Krawatte abhanden. Schuld war der Kaschperl, der auf der Tillysburg sein Domizil hatte. Die Familie machte sich an Sonntagen von Ebelsberg aus auf die Suche – und zur staunenden Jubelfreude der vier Kinder fand sich die Krawatte nach intensivem Suchen tatsächlich – wo genau, das können Sie später meine Frau fragen.
Vielleicht haben die Kinder ja das Theater des Vaters durchschaut und Theater gespielt. Erwartungen auf beiden Seiten: erfüllt. Ein echtes Kaschperltheater: Fiktion, Lüge, Realität.
Time to shut up – oder wie´s Luther zugeschrieben wird: „Tritt frischauf, tu’s Maul auf, hör bald auf!“ Er hat so etwas Ähnliches gesagt. Von einem Anonymus wurde der Satz adaptiert – Luther hatte Tipps für den wirkungsvollsten Prediger in seiner Auslegung der Bergpredigt (1532) gegeben. Mein Predigtdienst ist zu Ende. Würde ich Vorhang auf sagen, wäre das ein Tabubruch – es ist ja nicht meine Rolle. Ich wünsche den Tillysburg-Sommerspielen, den Dichtern, den Lustigen Figuren und dem Herrn Theaterdirektor die verdienten ausverkauften Vorstellungen. Toitoitoi!