Peter Kislinger: "Ein großer europäischer Humanist: Carl Nielsen" In: Ö1 Magazin "gehört", Juni 2023
Peter Kislinger
Ein großer europäischer Humanist: Carl Nielsen
In sechs Konzerten innerhalb von zwei Wochen koppelte im April das Dänische Nationale Symphonieorchester unter seinem Chefdirigenten Fabio Luisi die sechs Symphonien von Carl Nielsen mit den drei Instrumentalkonzerten und gewichtigen Chor- bzw. populären Orchesterwerken. Das Festival war als eine Bestätigung der europäischen Dimension des Komponisten gedacht, den Dänemark in den 1920er Jahren zum „Nationalkomponisten“ reduzieren wollte. Nach dem 2. Weltkrieg galt er als Radikaler, der der dänischen Romantik den Todesstoß versetzte, anderen als Konservativer, der Dänemarks Weg in das 20. Jahrhundert blockierte.
„Während Wagner das große Klangmeer war, auf dem die einzelnen Stimmen schwammen,“ schrieb Nielsen in den 1920er Jahren, wollte er „die Gewässer trennen, ganz so, als könnten wir uns einen Chor auf der Bühne vorstellen, der plötzlich individualisiert wird.“ In den Symphonien 4 bis 6 ist das Resultat ein Konflikt zwischen beharrenden und vorwärtstreibenden Kräften mit jeweils förderlichen wie katastrophalen Seiten: eine bis heute moderne Weltsicht. Schon seiner 1. Symphonie ist anzumerken, dass Nielsen weniger zu sinnlichem Eintauchen in Klangfluten einlädt, vielmehr Konflikt als Voraussetzung für Versöhnung versteht. Wachstum kann in Wucherung kippen, Bewahrung bzw. Behaglichkeit in Trägheit, Erneuerung in Gewalt und Zerstörung. Diese Ambivalenzen lässt Nielsen in seiner Musik hören. Nur Musik könne diesen Konflikt “träger bzw. zerstörerischer Kräfte mit kreativen und lebensbejahenden unmittelbar erfahrbar machen.“
Mitte der 1920er Jahre waren die Konflikte schärfer als 1916 in der 4. Symphonie, in der das „das Unauslöschliche“ (so der Titel des Werkes), der „élan vital“, gegen Vernichtung triumphiert, oder 1922 in der 5. Symphonie, in der zwei kunstvolle Fugen - die letzte hat der englische Symphoniker Robert Simpson als §scheiternde Fuge charakterisiert - Symbole des Konstruktiven benötigt werden, um die Katastrophe abzuwenden und nicht mehr zu ignorieren. Nielsens 6. Symphonie – Sinfonia semplice – ist ein Versuch, wieder einfach zu sein, ohne sich an einem schönheitstrunkenen, spät- oder neuromantischen Antimodernismus zu berauschen. Nielsens letzte Symphonie ist modern, weil sie Einfaches versucht und mit musikalisch komplexen Mitteln eine Chronik des Scheiterns ist. Nach der letzten der neun kunstvollen Variationen des Finalsatzes versucht die Coda sich gegen persönliche und allgemeine Auslöschung mit Heroismus zu stemmen. Zuletzt zeigen zwei trotzige Fagotte mit ihrem tiefsten Ton dem Tod „den Stinkefinger“ (so David Fanning).
In Finnland standen Komponisten im Schatten von Sibelius, in Dänemark auf den Schultern Nielsens. Bis heute berufe man sich auf ihn, „um an Futtertröge zu kommen“, ätzt John Fellow, der vielleicht profundeste Nielsen-Kenner. "Wegen unserer erbärmlichen Geschichte wollten wir unbedingt einen Nationalkomponisten. Wenn er es nicht war, dann würden wir aus ihm einen machen.
Für das kleine Dänemark war er zu groß und unbequem. Um den Titel seiner 3. Symphonie aufzugreifen: Er dachte „espansiv“, großräumig. Fellow versteht Nielsen als einen der großen europäischen Humanisten, „die zugleich aufbauen und niederreißen“, was ihn zum Nationalkomponisten untauglich mache und quer zu unserer Zeit stehen ließe, die „uns unentwegt auffordert, positiv zu denken.“ Nielsen erkannte, so Fellow, was uns heute beschäftigt:
Kunst ist zur Dekoration verkommen; Musik hat die Verbindung zur Tradition gekappt, sich in Richtungen und Theorien aufgesplittert, die nur die Abhängigkeit von Subventionen, Medienpräsenz und Marketing eint.
Für “Kunst-Musik für alle“ fände sich keine Nische.