Ein Porträt des damals 89-jährigen Herbert Blomstedt aus Anlass seines Konzerts mit den Wiener Symphonikern am 20. und 21. Juni 2015 im Wiener Musikverein. Programm: Ludwig van Beethoven: Symphonie 4 B-Dur, olp. 60 und Carl Nielsen: Symphonie Nr. 5, op. 50 . Einen großerTeil des Artikels widmet sich Carl Nielsens Sinfonie Nr. 5. Im Artikel zitierte ich u.a. aus einem Gespräch, das ich mit Herbert Blomstedt in seinem damaligen Apartment in Luzern im März 2014 geführt hatte. Teile des Interviews verwendete ich für eine zweistündige Sendung für Radio Ö1 /ORF über Blomsted im Juni 2014. Ein Transkript des der Sendungsmitschnitts findet sich auf dieser Website unter "Interviews".

Die Musik soll sprechen. Herbert Blomstedt

(In: Musikfreunde. Gesellschaft der Musikfreunde Wien, Mai/Juni 2015, 52-54; Anlass: Herbert Blomstedt und die Wiener Symphoniker mit Ludwig van Beethoven: Symphonie 4 B-Dur, olp. 60 und Carl Nielsen: Symphonie Nr. 5, op. 50)

7. März 2014. Am Ende des Interviews, das ich für ein „Ö1-Extra“ mit dem damals 86-jährigen Herbert Blomstedt in seinem Apartment in Luzern führe, darf ich ihn mit einer kleinen Mendelssohn-Skulptur auf seinem Klavier photographieren. 1835 wurde mit dem 26-jährigen Mendelssohn Bartholdy der jüngste aller Gewandhaus-Kapellmeister ins Amt berufen.Blomstedts 17 Vorgänger waren bei ihrem Amtsantritt durchschnittlich 40 Jahre alt gewesen, 53 beim Abtritt. Blomstedt verabschiedete sich nach sieben Jahren und 486 Konzerten, einen Monat vor Vollendung seines 78. Lebensjahres.

In den zwei Stunden, die er sich Zeit nimmt, erzählt er, was er an Toscanini („höchste geistige Energie, aber menschlich ein Fünfjähriger“) oder Bernstein („Spontaneität gepaart mit analytischer Intelligenz“) schätzte; spricht u. a. über Bruckner („ein Punkt und ein Akzent und Sforzato, gleichzeitig auf einer Note!“), zu welch groben Verfälschungen die Missachtung der klassischen Orchestersitzordnung (1. Violinen links, 2. Violinen rechts vom Dirigenten) etwa im Schlusssatz der 6. Tschaikowski oder bei Mahler führt, warum er sehr wenig Flüssigkeit zu sich nimmt bzw. nicht schwitzt (er ist seit Kindheit Vegetarier) und warum er, der bekennende Siebenten-Tags-Adventist, am Samstag nicht probt, aber Konzerte gibt.

Sein Credo: „Die Musik soll sprechen, ich möglichst wenig.“ Der in den USA als Sohn eines schwedischen adventistischen Pastors und einer Pianistin Geborene und in Schweden Aufgewachsene stand vor der Wahl: Religion oder Musik? „Er hat beides gewählt“, so John Fellow, der mit Blomstedt seit gut 40 Jahren befreundete dänische Schriftsteller, profunde Nielsen-Kenner und Herausgeber der 10-bändigen Nielsen-Briefausgabe in seiner Festrede zur Verabschiedung Blomstedts vom Gewandhausorchester am 1. Juli 2005. „Die Musik wurde Quelle des Kontakts mit der religiösen Grundlage seines Daseins und mit seinen religiösen Werten. Singen wurde ihm zur Predigt. Gesang kann auch sprechen, doch dieses Sprechen ist kaum in Worte übertragbar, denn es geht um das Menschliche schlechthin in seiner Verbundenheit mit dem Größten.“

Mit den großen Klassikern, sagt Blomstedt, ist das Heranführen an dieses Menschliche „in einer gemeingültigeren Gestalt möglich als mit religiösen Lehrsätzen und Dogmen.“ Im Konzertsaal könne er „vor einer größeren Gemeinde predigen als in der Kirche.“ Musik habe „eine Botschaft, die beste hat viele Botschaften. Der Gedanke ist ja alt: Musik fängt da an, wo Worte nicht mehr ausreichen. Trotzdem bewegt sie uns so sehr, dass wir davon sprechen wollen.“

Was bedeuten ihm Proben? „Musizieren. Verständigung. Antasten. Vorantasten. Das Orchester sucht in der Interpretation einen Sinn. Wenn dieser schlüssig und konsequent erkennbar ist, dann folgen Musiker gerne, auch wenn sie Anderes gewohnt sind. Das Allerletzte an Ausdruck passiert nur im Konzert, wenn die Bedingungen maximal sind, wenn Stille herrscht. Wenn Menschen das Beste erwarten, hilft das der Konzentration. Aber die Rahmenbedingungen setzt man in den Proben. Jede Passage kann auf Hunderte Arten, auch Hunderte gute, gespielt werden. Auch Tausende schlechte! Man muss wählen, möglichst ohne Worte.“

Spricht er nie über den historischen oder biographischen Hintergrund eines Werkes? Etwa über die 1920 begonnene 5. Symphonie von Carl Nielsen? Der 1. Satz hatte ursprünglich den Titel „Vegetatio“ getragen. Wachstum kann in Wucherung; Bewahrung in Trägheit; notwendige Erneuerung in Gewalt und Zerstörung kippen. „Letztlich kann nur Musik“, so Nielsen, den Konflikt „der trägen bzw. zerstörerischen Kräfte mit aktiven, kreativen und lebensbejahenden unmittelbar erfahrbar machen.“ Am 24. Jänner 1922 fand in Kopenhagen die erfolgreiche Uraufführung statt. 1926 kam es zu Tumulten – während der Trommelimprovisation, die den inbrünstigen Hymnus des Orchesters am Ende des 1. Satzes stören soll. Die Trommel, so Nielsens Anweisung, soll „die Musik“ stören. Wofür die Trommel steht, das kann wunderbar offen bleiben. Am Ende des 1. Satzes dann eine der denkwürdigsten Stellen der Symphonik: der im Pianissimo verhallende, pastorale Gesang der Klarinette – und aus der Ferne die störend-störrische, bedrohliche Trommel. Improvisiert zu spielende Einwürfe der kleinen Trommel und unerbittlicher Rhythmus drohen das Wachstum bzw. das Wuchern und das Friedvolle, aber auch Selbstgenügsame, der Musik zu stören. Faszinierend, schön, sollten alle Facetten musiziert und gehört werden. Würde er einem Orchester davon erzählen? „Selten. Das sind Parenthesen, Überschriften, nie die Hauptsache. Nie würde ich eine Probe mit Erläuterungen beginnen, schon gar nicht mit einem fünfminütigen Vortrag. Das Wesentliche lernen Musiker mit ihren Ohren, aber ein kurzes Wort kann Wunder wirken.“

Blomstedt setzte als Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters neben den Hauskomponisten Beethoven, Haydn, Mendelssohn, Brahms oder Bruckner auch bislang in Leipzig selten gespielte Werke aufs Programm, etwa Jean Sibelius und vor allem Carl Nielsen, dessen sechs Sinfonien er zyklisch aufführte. Der für mich bedeutendste Nielsen-Interpret wurde von lokalen Journalisten gefragt, ob er also das nordische Repertoire betonen wollte. Nein, er erinnere bloß an einen „ganz Großen unserer europäischen Musiktradition.“

Nielsen sei „kontinentaler als Sibelius, Stenhammar und Grieg.“ Die große Leistung Nielsens war es, „in symphonischer Form zu den Wurzeln der europäischen Musik zurück gekehrt zu sein, formal zum Barock, aber vor allem zur Renaissance. Die Intervallspannung! Eine Terz sagt etwas ganz Anderes aus als eine Quart, eine Quinte ist wie eine Offenbarung, die Quart ist größtes Glück, eine Terz ein unglaubliches Erlebnis. Nielsen hat auf intellektuelle und gleichzeitig einfühlsame Weise das zu verbinden gewusst, hat einen großen Sprung über die Romantik gemacht, die ja in eine Sackgasse geführt hatte. Er wollte nicht wie Wagner und schon gar nicht wie Richard Strauss…, das war Schaum über einem wunderbaren Kern, Schminke und Puder, das ist nicht der Kern der Musik. Musik ist mehr. Also holte er sich Inspiration bei den Ursprüngen der europäischen Musik, in der Gregorianik, in der Renaissance, und kann etwas ausdrücken, was nicht epigonales Nachahmen ist. So entstand Neues und dem Zeitgefühl Entsprechendes, aber die Wurzeln sind doch klar.“

Die 5. Symphonie von Nielsen erkunde „von totaler Verzweiflung bis zu Resignation diverse Gefühlslagen. Technisch ist sie für alle Instrumente sehr schwierig – aber auch seine aussagekräftigste, lotet Gefühle am tiefsten aus und ist thematisch die beziehungsreichste. Alle Themen sind aufeinander bezogen. Er kommt mit wenig Material aus, mit der Terz, schon vom Anfang an [singt]: das ist fast kindlich; dann die Fagotte in Terzen, dann die Hörner in Terzen, die Flöten; harmonisch ergeben sich wunderbare Komplikationen, also wie er diese Terzidee immer weiter entwickelt … als Komposition höchst eindrucksvoll; in dieser Hinsicht ist er ein würdiger Nachfolger von Brahms, der auch so gearbeitet hat.“ Schwierig für die Interpreten ist der 2. Satz „als Klimax zu gestalten, die letzten paar Minuten. Die zwei Fugen sind großartig: eine schnelle Fuge [singt], sie fängt sehr einfach an, sehr skurril, sehr leise, die Streicher mit Dämpfern, und endet in höchster Aufgewühltheit, im Konflikt; noch schöner ist die zweite Fuge; es ist die selbe Melodie wie am Anfang, aber langsam im Tempo [singt]: wunderbare Melodie, typisch Nielsen, weite Intervallspannungen, die Spannung zwischen Terzen und Quarten [singt] ergibt eine enorme emotionale Spannung. Aber dann der Schluss: Es-Dur, heller Himmel, das ist schwer zu gestalten. Insgesamt ist die Gefühlslage der Symphonie aber recht eindeutig und ein reiches emotionales Erlebnis.“

Die Frage nach Musik, die Herbert Blomstedt „auf die Insel“ mitnehmen würde – ich zögere vor der Frage, gebe aber der Versuchung nach. J. S. Bach? Nach kurzem Nachdenken, ehrfürchtig geflüstert: die H-Moll Messe. Beethoven? Nach gestoppten 15 Sekunden Nachdenken [im Hintergrund hört man eine Uhr ticken]: das Cis-Moll Streichquartett op. 131. Brahms? Deutsches Requiem! Bruckner [denkt lange nach, dann leise]: die Neunte. Bevor ich weiter fragen kann, unterbricht er mich heftig: „Was mir immer wieder …“, bevor er sehr leise sagt: „Worüber ich immer wieder staune, dass es mich so ungeheuerlich bewegt, das ist der 2. Satz aus dem Streichquintett von Schubert. Ich muss es nur nennen, schon fange ich an zu weinen.“ Tränen schießen ihm in die Augen. Wer am Pfingstmontag 2014 noch kurz vor Mitternacht, am Ende der Sendung, eingeschaltet hatte, hörte im Radio über den ersten Takten des Quintetts, wie Blomstedts Stimme versagte. Man hört ihn schlucken, und dann, sehr heftig, um wieder nüchtern zu werden: „Das ist Wien!“ Fast singend: „Mit allen Schönheiten, Problemen, allen Schmerzen. Schubert ist unerklärlich.“ Ich mache Anstalten, das Mikro abzuschalten, da beginnt er wieder zu sprechen: „Ja … Wien … das ist für mich die Wiener Klassik: Haydn, Mozart, Beethoven. Ich bewundere Berg, Webern und Schönberg und was sie in Wien geleistet haben. Das ist Teil meiner Ausrüstung, aber das Wien, das mich wirklich bewegt, das ist das Wien von Schubert, Bruckner, Beethoven. Weiß nicht, woher das kommt … Eine Spekulation, die mir gerade jetzt einfällt: Ich habe Wien besucht, als ich drei Jahre alt war. Meine Mutter wollte in Wien einen Sommer lang bei Moriz Rosenthal studieren. Das ist ihr nicht gelungen. Sie hat dann drei Monate bei seiner Frau studiert. Das war 1930. Ich habe noch Erinnerungen an diese Reise: Stephansdom, die Schädel in den Katakomben, Schönbrunn, die Gloriette, die Sandkästen, in denen ich gespielt habe. Ich habe Bilder davon. Zu meinem 85. Geburtstag bekam ich Fotos von einem meiner besten Freunde, von der Tochter der Kinderfrau, die uns betreut hat: vom Prater, mit dem drei Jahre älteren Bruder, dann stehen wir vor einem Fluss, das war wohl die Donau … ein Park … Wien! Gewohnt haben wir sehr einfach … ein Innenhof mit wenig Sonnenlicht … typisch Wien…“

Peter Kislinger: Die Musik soll sprechen. Porträt des Dirigenten Herbert Blomstedt — P.K. Pasticcio