Peter Kislinger: Charles Ives - Ethiker der Versicherungspolizze und der Musik
Peter Kislinger: Charles Ives: Ethiker der Versicherungspolizze und der Musik.
(erschienen in "gehört", März 1999; Anlass: 18. März 1999, 19:30-21:00 | Radiokulturhaus Sendesaal | Alle falschen Noten sind richtig - ich will das so | Musik und Texte von Charles Ives)
„Ohren auf, mein Sohn!“ Als Charles Ives (1874-1954) dem Rat des Vaters folgte, lernte er, daß in einer beherzt spielenden Dorfkapelle oder im selbstvergessenen Gefiedel mehr Musik stecken kann als in virtuosen Tastenläufen. Ives, der in Yale Komposition absolvierte, Musik als Beruf aufgab und schließlich als Versicherungsmakler zu Wohlstand kam, gilt den einen als eigenbrötlerischer Naturbursche, der isoliert die Musik erfand, mindestens die amerikanische, den anderen als mutwilliger Exzentriker.
Im Gesprächskonzert Alle falschen Noten sind richtig - ich will das so (18. März, 19:30, Radiokulturhaus, live in Ö1) wird die unweit von Ives´ Farm in Connecticut aufgewachsene Sopranistin Christine Whittlesey aus seinen „114 Liedern“ eine Auswahl singen. Burgschauspieler Peter Matic wird aus Schriften von Ives lesen, die den unangepaßten, witzigen und realitäsbezogenen Idealisten zeigen.
Chopin? Ein Weichling in Röcken! Ravel? Nichts Neues, dieselben alten Fetzen, neu drapiert. Strawinsky? Harmonisch und rhythmisch einfältig!
Allein solche Aussprüche verraten seine Kenntnis der Musik anderer. Mehr als ein Drittel seines mehr als 600 Stücke umfassenden Oeuvres benutzt Bach, Beethoven, Brahms, Wagner, auch Debussy, als Material. Auch Hymnen, patriotische Lieder, Märsche, Hornrufe, Trommelrhythmen, College-Lieder und Schlachtgesänge der Baseballteams zitiert, variiert, paraphrasiert, transkribiert und collagiert Ives. Den Rekord stellt er mit 20 Zitaten in einer Komposition auf. Am häufigsten verleibt sich seine Musik Beethovens Fünfte ein, die im 19. Jahrhundert in den USA beliebteste Sinfonie.
Ives war in den 20er Jahren allerdings den Amerikanern ein Begriff, die eine Lebensversicherung abschlossen. Die „Ives-Formel“ verhieß werktätigen Polizzennehmern das Paradies auf Erden. Die Versicherungsbeiträge waren der Eintrittspreis, dessen Höhe Ives auf statistischer Basis im Verhältnis zu Einkommen und Lebenserwartung berechnete. Die Fa. „Ives&Myrick“ expandierte trotz Wirtschaftsdepression - frei nach der Prophezeiung von „Beethoven&Schiller“: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein exakter Flügel weilt!“ Von den amerikanischen „Transzendentalisten“ Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau übernimmt Ives die Ideale, von der Mathematik die Exaktheit.
Ives ist um 1900 in den USA mit einer Gesellschaft konfrontiert, die Kunst im Museum vermutet, eine Ware ohne Wert, „europäisch“, „etwas für Frauen.“ Richtige Männer werden Aktionäre oder Juristen, nicht Komponisten: „Musik ist eine Beschäftigung für lüsterne und triebhafte Ausländer“, mahnt eine Zeitung martialisch Materialismus ein, „wir sind ein Volk des Handels, nicht der Kunst und Kultur, wir sind auf den Reichtum stolz, den wir produzieren.“ Ives, der sich dem „Hör-Gängigen“ nicht beugen wollte, gab die Musik auf, um weiter komponieren zu können. Kauz, Exzentriker, Verräter oder Märtyrer der heiligen Kunst Musik? Als Erbe des amerikanischen Pragmatismus macht sich Ives schlicht anderswo nützlich. Er komponiert fortan nach der Arbeit, im Urlaub, oder er verfaßt versicherungstechnische Rundbriefe. Liest man genauer, sind es humanistisch-idealistische Abhandlungen, getarnt als Werbebroschüren oder Schulungsschriften für Makler, dem Denken der amerikanischen „Transzendentalisten“ verpflichtet: „Lebensversicherung und ihr Verhältnis zur Erbschaftssteuer“ oder: „Polizzen für Kinder.“ Für Ives ist der Lebensversicherungsmakler ein Lebensberater, nicht ein profitorientierter Geschäftsmann. Ives, der Subversive, zitiert Texte von Thoreau - „ Die Masse der Menschen lebt ein Leben stiller Verzweiflung.“ - oder aus Emersons „On Self-Reliance“ - „In jedem genialen Werk erkennen wir unsere eigenen abgewiesenen Gedanken: sie kehren uns mit einer gewissen fremd gewordenen Würde zurück.“
Der amerikanische „Avantgardekomponist“ John Cage und andere stilisierten Ives zum großen Einsamen, der Wesentliches der Musik des 20. Jahrhunderts im Alleingang vorwegnahm (z.B. A- und Polytonalität, Polyrhythmik, Cluster). Heute weiß man, daß Ives Zeitgenossen wie Debussy, Ravel, Strawinsky, Schönberg (op. 11) und besonders Scriabin recht genau kannte und in seinen letzten 20 Lebensjahren seine Werke, die ab der Jahrhundertwende entstanden waren, zukünftiger trimmte - hier eine Septime, da eine None statt braver Oktaven. Einzelnen Stimmen gab er verschiedene Rhythmen, und Schlußakkorde hörten sich ab nun noch wilder an.
Schon Thoreau, einer der literarischen Hausgötter von Ives, hatte in „Walden, oder das Leben in den Wäldern“ (1854) ein Modell für diese Spurentilgung vorgelegt. Was vielen als Aussteigerfibel gelten sollte, das einfache Leben fern der Zivilisation preisend, hatte zugleich die Abhängigkeit von dieser verwischt. Bestrebt, die Studien, auf denen die Aufzeichnungen beruhten, und (europäische) Vorbilder herunterzuspielen, gab Thoreau dem Kultbuch avant la lettre auch sprachlich den Anschein urwüchsiger Tagebuchaufzeichnungen.
Ives ist ein Komponist der Jahre 1890-1920, mit starken Wurzeln in europäischer Musik. Dem sich abzeichnenden „amerikanischen Jahrhundert“ hielt er Werte entgegen, die er von Emerson und Thoreau (die ohne Goethe, den deutschen Idealismus und die deutsche Romantik nicht denkbar sind) und aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs mitnahm.
Die meisten der im Konzert von Österreich 1 präsentierten Lieder sind das, was Ives als „konventionell schöne“ Salonmusik bezeichnete, in den „schwachen“ ist er „rückfällig, brav und artig,“ in einigen „nicht minderwertig.“ Eines ist gegen „diese kunstsinnigen feinen Damen“ gerichtet, die über „meine Musik schwafelten: wie fürchterlich unkünstlerisch, ganze Oktaven aus weißen oder schwarzen Tasten als Musik zu verkaufen!“ Ihnen wollte Ives „in einem Anfall von Bösartigkeit noch eins auswischen“, damit sie „wenigsten die nächste Seite nicht mehr singen wollten, damit sie etwas unaussprechlich Grauenvolles, nicht wahr, Lizzie?“ finden.
Welches der Lieder dies sein wird, wird nicht verraten. Wenn ich in Zukunft mit jemandem aus der Versicherungsbranche zu tun habe, werde ich jedenfalls auf der Hut sein. Vielleicht sitzt mir ein Franz Kafka gegenüber - oder ein Charles Ives.
Christine Whittlesey, lyrischer Sopran | Staycey Bartsch, Klavier | Peter Matic, Lesung | Peter Kislinger, Moderation