Meine Rezension des Buches "Im Zeichen der Moderne - Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde" von Oswald Panagl wurde in der Ö1-Sendung DES CIS am 22. Februar 2022 ausgestrahlt.

Peter Kislinger
ORF / Ö1 Rezensionsbeitrag für DES CIS 22. Februar 2021
DAS BUCH

Oswald Panagl, Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde, Hollitzer Verlag Wien, 2020

DAS THEMA

Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde – und was ist das, oder gar die, Moderne?

DER AUTOR

Oswald Panagl – er ist emeritierter Sprachwissenschaftler der Universität Salzburg, ausgebildeter Sänger, Musikdramaturg und Essayist für Programmhefte zahlreicher Opernhäuser und Festivals.

DER INHALT

Ein Band mit überarbeiteten Werkeinführungen und Essays von 1994 bis 2017. Auf 400 Seiten teilt der Autor sein [profundes] Wissen über das Musiktheater vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – beginnend bei Debussy und Busoni bis zu Kurt Weill und Benjamin Britten. Zentral sind Richard Strauss, Pfitzner, Janáček und, für viele immer noch überraschend, Puccini. „Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den Meisten“, so Goethe in der Nr. 289 seiner Maximen und Reflexionen.

In zwölf Kapiteln finden wir Einführungen in Stoff, Libretti wie auch Inhalt von Opern sowie die Lüftung von so manchem Formgeheimnis.

Die 100 Seiten zu den Musikdramen von Richard Strauss, dem „griechischen Germanen“, überraschen nicht, ist Panagl doch Präsident der Internationalen Richard-Strauss-Gesellschaft. 20 Seiten über den „spätromantischen Grübler“ Hans Pfitzner, die das Werk von der Person und Politik kritisch und fair trennen.

Das Kapitel „Tradition und Avantgarde“ spannt den Bogen von der italienischen Renaissance über Schreker, Hindemith, Korngold zu Krenek und Viktor Ullmann. 30 Seiten sind für den „erratischen Block“ namens Janáčekreserviert. Das Kapitel „Modernes Musiktheater aus ‚Ost-Europa‘“ teilen sich sieben Komponisten von Rimski-Korsakow bis Enescu. Das Kapitel Das Lied der Straße und die Farben des Meeres gehört Kurt Weill und Benjamin Britten. Alle Kapitelüberschriften machen neugierig, besonders aber die vorletzte: Musikästhetische Fallstudien. Studiert werden Werke von Nielsen, Schönberg, Alban Berg, Zemlinsky und sogar Eduard Künnekes. Im letzten Kapitel macht sich Prof. Panagl auf die Reise in die Neue Welt und „Gedanken zur amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts“: Pluralismus als ästhetische Norm.

Ein dezent untertrieben betitelter Abschnitt ist das Vorwort. Dort werden Begriffe wie „modern“ oder „die Moderne“ aus semantischer, philosophischer, kulturwissenschaftlicher, soziologischer und literaturgeschichtlicher Perspektive knapp, präzise und anregend geprüft; auch oft als Qualitätsmerkmale zu Schlagworten verkommene Begriffe wie Moderne Musik, Neue Musik („neu“ mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben), zeitgenössische Musik finden sich unter der sachkundigen Lupe Oswald Panagls.

Weder programmatische Verlautbarungen noch die Kunstwerke selbst „ergeben in Summe ein konsistentes System, das man als ‚modern‘ bezeichnen könnte“, so der Autor. Schon aufgrund des „unscharfen Wortgebrauchs“, eignet sich „die Moderne“ nicht als Epochenbegriff. Aber „das Moderne“, „die Moderne“ feiern im Feuilleton immer noch als Qualitätsmerkmale Urständ´, die nicht mehr so fröhlich sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts wollten Marinetti und die Futuristen einen „Neuanfang“ machen – eines ihrer „Projekte“: die Kanäle Venedigs mit dem Schutt der abgerissenen Palazzi aufzufüllen. Solch sentimentale Zukunftsbild war schon damals antiquiert seit den Alten Griechen existieren Kunstwerke nebeneinander, die man als modern, postmodern, traditionell, konservativ, klassisch charakterisieren kann. Auch Hass auf Vergangenheit und Angst vor ihr sind keine Privilegien des Futurismus oder der „Moderne“ gewesen. Statt Pluralismus als Norm zu akzeptieren werden Konzepte, die als „avantgardistisch“ oder „modernistisch“ gelten, normativ, was „anti-akademisch“ begann, ist zum Akademismus, zur Doktrin oder Mode geworden. Angehende Komponisten und Komponistinnen berichten, dass Lehrende ihnen erzählen, spätestens seit XY habe der Werkbegriff ausgedient, nur noch der Entstehungsprozess zähle, komponierte Musik gehöre auf die Schutthalde der Geschichte.

FAZIT

Viele der Texte sind für Programmhefte von Opernhäusern und Festivals entstanden. Stilistisch diesen Anlässen angemessen sind plastische, eingängige Formulierungen, die trotz präzis definierter Begriffe ohne Jargon auskommen.sich an ein interessiertes, aber kein Fachpublikum wenden, welches die Texte allerdings auch nicht ohne Gewinn lesen wird.

Ein Sammelband, der zum Schmökern verleitet, zum Nachlesen und zu wiederholtem, vielleicht zu erstmaligem Hören vieler Musikdramen verführt.

Ergänzt wird der Band um ein Erstdruck-Verzeichnis der Essays, um ein an die zehn Seiten umfassendes Namensregister und zwei Geleitworte – eines vom Ex-Vorstand der Wiener Philharmoniker, Clemens Hellsberg, eines von Christoph Wagner-Trenkwitz, dem Dramaturgen der Wiener Volksoper und Ö1-Sendungsmacher. Ihm klaue ich gänzlich ungeniert die Überschrift zu seinem Geleitwort: „Lesen Sie sich das an.“ Rufzeichen.

SERVICE

Oswald Panagl, Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde, erschienen 2020 im Hollitzer Verlag Wien.

Kislinger: "Oswald Panagl, Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde" — P.K. Pasticcio