Mein Artikel erschien in "Musikfreunde", November 2016, aus Anlass eines Konzerts Studierender der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) und der Sibelius Akademie Helsiniki, das ich am 8. November 2016 im "Gläsernen Saal" moderierte. Im Konzertabend mit dem Titel "Lost Landscapes. Impressionen aus Finnland" wurden Werke von Leevi Madetoja, Kalevi Aho, Einojuhani Rautavaar und Jean Sibelius gespielt.

Die Finnen in Wien. Musikgeschichten aus dem Norden

Lost landscapes, verloren gegangene, mitunter vernachlässigte Musiklandschaften, das sind die „dort oben im Norden“. Als Sibelius von Oktober 1890 bis Mitte Juni 1891 bei Carl Goldmark und Robert Fuchs in Wien studierte, da wurde er auf seinen „Landsmann“ Grieg angesprochen. „So wenig weiß man über uns Nordländer“, seufzte der schwedischsprachige Finne, der bis 1917 Untertan des Zaren war. Es blieb nicht sein einziger Seufzer.

Sibelius, zwischen Klischee und Wahrhheit

Musik aus fremder Welt, Erscheinung aus den Wäldern, Wiesen, 187.888 Seen. Sonderlich mehr fällt so manchem immer noch nicht zu Sibelius ein. Seine eigentliche Leistung, so Sibelius 1915, werde nicht erkannt. Der selbstironische Tagebucheintrag „Für die meisten wirst du eine Erscheinung aus den Wäldern bleiben“, wird bis heute als Artikelüberschrift missbraucht. Der urbane, kosmopolitische Künstler mit Faible für mondäne Restaurants, Spaziergänge und Bootsfahrten in breitkrempigem Hut, Waldwegspaziergängen in Maßanzügen und –schuhen drang nie weiter als 400 km nordöstlich von Helsinki vor – zwei Mal in seinem 92 Jahre währenden Leben. Komponieren konnte er am besten in der Anonymität der Metropolen, in Rom, London, Paris und Berlin, wo er sich mehr als dreißigmal aufhielt.

Die Originalität seiner 1892 uraufgeführten Kullervo-Sinfonie, die in Wien skizziert wurde, hat nichts mit finnischer Folklore zu tun, sondern mit in Wien bewusst erarbeiteten Kunstgriffen: Kirchentonarten, Quartenharmonik, 5/4-Metren. Die kompositionstechnischen Probleme seiner Zeit hat Sibelius wie Schönberg erkannt, sie aber eigenständig gelöst. Dennoch gilt Sibelius als einer jener, die „den Schritt über die Grenze der Tonalität nicht wagten“, wie immer noch klischeehaft formuliert wird, leicht mitleidig mit diesen, wie anmaßend mitschwingt, nicht seriell auftretenden Feiglingen.

Orpheus im weißen Salon

Einer, der den Grenzübertritt wagte, war der heuer am 27. Juli im 88. Lebensjahr verstorbene Einojuhani Rautavaara. Doch schon Ende der 1960er-Jahre grenzte er sich gegen den vulgär-modernistischen Antagonismus von ästhetischer Innovation und naiv-bornierter Reaktion ab. Wer „mit der Zeit geht“ sei dazu verurteilt, „hinter ihr zurückzubleiben. Schneller als man schauen kann, werden aus den radikalsten Modernisten die rabiatesten Konservativen.“ Dodekaphonie war für ihn eine Zeit lang „die Grammatik; Syntax muss jeder selbst finden.“ Schönberg hat er, laut lachend, als „Patenonkel“ bezeichnet. Kein Komponistengott? Würde er gezwungen werden, einen zu nennen, dann Sibelius.

Rautavaara zog es im Februar 1955 nach Wien, um sich „an ihrer Brutstätte die alte europäische Musikkultur anzueignen“, nicht aber formaler Studien wegen. Die letzten zwei seiner Fünf [Rilke-]Sonette an Orpheus sind mit „Wien 17. und 19. Februar 1955“ datiert. Gewohnt hat er im Palais Schönburg, Rainergasse 11, 4. Bezirk. Im weißen Salon wurden die ersten drei seiner Orpheus- Sonette uraufgeführt.

Ein letzter Blick

Im Wien der Besatzungszeit sah er die „Vier im Jeep“ (die Vertreter der "Allierten": USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich"), fühlte sich von der „Romantik des Verfalls und der Dekadenz“ angesprochen, folgte selbst auferlegter Disziplin und komponierte viel. Verdis Falstaff im Theater an der Wien war „neu und wichtig in meinem Komponistenleben“, Orffs Carmina Burana „eine schockartige Begegnung“, und in einem Jazzkeller entdeckte er einen „sehr guten Pianisten“: Friedrich Gulda. Rautavaara unternahm einen Skiausflug auf die Rax. Eine finnische Freundin berichtete am Karfreitag von einem „himmlisch schönen Schneemann“, einem Sonnenbrand, blutunterlaufenen Augen und blutigen Blasen an den Füßen: „Einojuhani liegt in seinem Zimmer und stöhnt vor sich hin.“ Am 15. Mai wurde er Augenzeuge der jubelnden Österreicher, als der Staatsvertrag im Belvedere unterzeichnet wurde. Am 17. Mai ein Telegramm: Der 90-jährige Sibelius nominierte ihn für ein Stipendium, das ihm einen Studienaufenthalt in Tanglewood und an der Juilliard School of Music ermöglichte.

Als Rautavaara 2000 das damals desolate Lukas von Hildebrandt-Palais besuchte, entdeckte er in seinem Zimmer Reste der alten Tapete. 2005 warf Rautavaara im 3. Satz seiner von Midori bestellten Violinsonate Lost Landscapes einen letzten Blick auf „Rainergasse 11“, melancholisch, grüblerisch, träge: „Eine Welt, die sich überlebt hat.“ Am 30. September 1957 war er beim Staatsbegräbnis von Sibelius einer von sechs Sargträgern.

Auf den Spuren von Sibelius

Sieben weitere Komponisten aus Finnland sind mir bekannt, die in Wien auf den Spuren von Sibelius ihr Handwerk verfeinern wollten.

„Die unzähligen Erinnerungen, die mich mit Wien verbinden, sind für mich unvergesslich. Gewiss wirst Du in Deiner Arbeit von dieser Stadt, so reich an Erinnerungen, profitieren“, schrieb Sibelius seinem Privatschüler, Leevi Madetoja. Auch er studierte bei Fuchs, 1911, und ging zu Orchesterproben mit Franz Schalk. Zu Ehren Madetojas (1887-1947), des Komponisten der finnischen Nationaloper Pohjolaisia (Die Ostbottnier), rief 1988 die Finnische Komponistengesellschaft den Madetoja Preis ins Leben. Heuer war es Susanna Mälkki, die Chefdirigentin des Helsinki Philharmonic Orchestra, die diesen Preis für außerordentliche Verdienste um finnische zeitgenössische Musik erhalten hat.

Schon 1899-1901 hatteErkki Melartin (1875-1937) auf Anraten von Sibelius bei Fuchs studiert. In Wien hörte Melartin Mahlersinfonien, was man seiner fünften (Sinfonia brevis, 1915) von sechs vollendeten Sinfonien anmerkt. Melartin war der erste Dirigent, der Mahler in Helsinki dirigierte, den 1. Satz aus der 2. Sinfonie. Von 1906/07 nahm auch Erik Furuhjelm, der erste Sibelius-Biograph, bei Fuchs Stunden.

Anhaltende Wien-Wirkung

Bei Richard Heuberger studierte 1910/11 der oft als finnischer Schubert bezeichnete Yrjö Kilpinen (1892-1959). Kammersängerin Soile Isokoski hat einige seiner 700 originellen, auf Gedichte finnischer, schwedischer und deutscher Lyriker komponierte Lieder, die am ehesten an Hugo Wolf geschult sind, in Österreich gesungen.

Nicht nur die drei Sinfonien der ersten namhaften Komponistin Finnlands, Helvi Leiviskä (1902-1982) sind an Bruckner orientiert, den ihr ihr Lehrer Madetoja näherbrachte, der ihr den Kontrapunktiker Arthur Willner empfahl, der von 1924-1938 am Neuen Wiener Konservatorium unterrichtete und als Konsulent der Universal Edition arbeitete.

Sulho Ranta (1901-1960) erhielt 1926 bei Willner und Schreker, auch von Joseph Marx, einen „Schubs Richtung Impressionismus.” Ranta war 1936-1956 als Dozent für Musikgeschichte und Prorektor der Sibelius Akademie für die einsetzende Sibelius-Idolisierung verantwortlich: „Nur unser finnischer Sibelius ist echter Sibelius.”

Nach Uuno Klami (1900-1961), der 1929 in Wien bei Hans Gal Stunden nahm, fand erst wieder ein Schüler Rautvaaras, Erkki Salmenhaara (1941-2002), Komponist von u. a. fünf Sinfonien, den Weg nach Wien, wo er 1963 bei György Ligeti studierte, über den er 1970 seine Doktorarbeit vorlegte.

Provinzielle Metropolen

Schon Englund, Kokkonen oder Sallinen konnten vom erwachsen gewordenen Musikunterricht in Helsinki profitieren. Die nächste Generationder international erfolgreichen KomponistInnen (Aho, Heiniö, Lindberg, Kaija Saariaho, Salonen, Tienssuu, Lotta Wennäkoski) gingnach der Grundausbildung nach Berlin, Darmstadt, Paris, Rom, Siena oder in die USA, nicht mehr nach Wien.Kalevi Aho, der mit seinen bislang 16 Sinfonien „berechtigten Anspruch" auf das Etikett „bedeutendster zeitgenössischer Sinfoniker" habe (Gramophone), war wie Lindberg und Salonen Schüler Rautavaaras. Für sie gibt es kein Zentrum der Musik mehr. Aho fand es in einem Interview in Die Presse „irgendwie bewundernswert, wie provinziell und chauvinistisch Auffassungen in Paris, London oder Wien sein können. Die Kreise moderner Musik sind dort nicht größer oder weniger provinziell als in Finnland.“ Für den als Hermann Rechberger in Linz Geborenen sind „das da unten“, auch in der vorgeblichen "Mitte Europas", seit er ab 1970 an der Sibelius Akademie studierte und als finnischer Herman Rechberger bekannt wurde, lost landscapes.

Peter Kislinger

Peter Kislinger: Die Finnen in Wien. Musikgeschichten aus dem Norden — P.K. Pasticcio