Auf Einladung der ÖFF (Österreichisch-Finnische Gesellschaft) hielt ich am 5. Oktober 2023 die Festrede"60 Jahre ÖFG" im Vortragssaal der Diplomatischen Akademie in Wien.

5. Oktober 2023, 18 Uhr 60 Jahre ÖFG Diplomatische Akademie Festrede

… eine Festrede – also keine Weichrede.
Seit dem Gründungsjahr der ÖFG ist der Huchen ein besonderes Schutzgut. Das ÖFG-Gründungsjahr: 1880. Die ÖFG macht sich Sorgen: Der Huchen stirbt aus – was tun?
Da kann was nicht stimmen: Österreichische Fischereigesellschaft.

Und ÖFT? Gründungsjahr 1991: Österreichische Flötengesellschaft. Und dann auch noch die Österreichische Forschungsgemeinschaft.

Als vermutlich leicht erkennbarer Nichtfinne verfüge ich nicht über angeborene Sisu – Durchhaltevermögen, Ausdauer, Mut. Ich musste mich also stärken – mit den drei S.

Sisu (Sisu Xylitol Salmiakki-Pastillen, 36 g Päckchen - LAKRITZ)

Sibelius und…

Sauna.

… heute noch nicht, da war ich zu langsam, „I bin ja ned da Nurmi“.

Nurmi war mein erster Finne – den Satz „I bin ja ned da Nurmi“ – habe ich in meiner Kindheit von meiner Eltern- und Großelterngeneration oft gehört. Gemeint war etwa: Mach mir keinen Stress, nur net hudeln. Dabei war Nurmi ja Mittel- bzw. Langstreckenläufer: 1920–1928: NEUN GOLDMEDAILLEN; 24 Weltrekorde).

Finnland ist – oder war – eine High context culture: Alle wohnen im Wald, alle handeln mit Holz, alle gehen in die Sauna, alle essen Lakritzen. Alle hören Sibelius. Was muss man da schon viel reden, und alle kennen einander.

War es vor 60 Jahren noch Aufgabe, zwischen einer low- und high-context society zu vermitteln? High-context Kulturen: identische Erwartungen, Erfahrungen, geringe soziale Unterschiede, auch der Wortschatz: einheítlich, wenig Menschen. Man versteht sich.

Ob Österreich vor 60 Jahren nicht auch eine High-context culture war? Vielleicht die Gebiete außerhalb von Wien: katholisch-konservativ-patriarchalisch – und auch in Wien: Wir waren Opfer von nix gewusst...

… und das war lange Finnlands Image:

Zuspielung:

Monty Python

Finland, Finland, Finland
The country where I want to be
Pony trekking or camping
Or just watching TV
Finland, Finland, Finland
It′s the country for me

You're so near to Russia
So far from Japan
Quite a long way from Cairo
Lots of miles from Vietnam

Finland, Finland, Finland
The country where I want to be
Eating breakfast or dinner
Or snack lunch in the hall
Finland, Finland, Finland
Finland has it all


You′re so sadly neglected
And often ignored
A poor second to Belgium
When going abroad

Finland, Finland, Finland
The country where I quite want to be
Your mountains so lofty
Your treetops so tall
Finland, Finland, Finland
Finland has it all

Finland, Finland, Finland
The country where I quite want to be
Your mountains so lofty
Your treetops so tall
Finland, Finland, Finland
Finland has it all
Finland has it all

Monty Python hätten der ÖFG beitreten sollen oder der BFS – der British-Finnish Society – oder meinem zweiten Finnen begegnen sollen.

Mein zweiter Finne? Schon erwähnt: Sibelius, schon recht früh, im Radio. Ich war beeindruckt. Auch ein Grund meiner Faszination: der Komponist war noch am Leben, als ich geboren wurde.

Sibelius? Da muss es doch noch andere Komponisten in diesem Land geben. Ich wurde fündig. Ich überspringe einige Stationen. Als ich schon sieben Jahre lang Ö1-Sendungen gestaltete, wollte nicht schon wieder alleine über die Kullervo-Symphonie von Sibelius und Kalevala sprechen; warum nicht einen Finnen oder eine Finnin in die Sendung einladen (ach, Finnland: Gender: nein; Sex, gerüchtweise: ja).

Anruf in der Finnischen Botschaft: Ich würde gern mit jemandem in einer Sendung über die Kullervo-Symphonie von Sibelius und das moderne Finnland reden:

Hallooo, ja, das kann ich machen. Es war der Presse- und Kulturattaché Timo Heino.

Wie war der Name: Timo Ha-ino? Nein: Dimo. Sorry, Dimo. Nein, Timo.

So beginnen interkulturelle Freundschaften. Und die Erkenntnis: lieber nicht vor Finnen finnische Wörter aussprechen.

Timo war im Jahr 1999 erst einige Wochen in Wien. Nach der Sendung sein Geständnis: über das Kalevala-Epos musste er sich am Vortag selbst informieren. Ein Jahr später wurde ich von der Kulturabteilung des Außenamts in Helsinki nach Finnland eingeladen – eine Woche lang in Finnland! Budget für solch Einladungen gab es damals noch.

Ich erzähle das nicht aus Eitelkeit. Also nicht nur.

Drei Jahre später: Botschafter Tom Grönberg fragt mich, ob ich nicht die Kulturagenden übernehmen möchte. Ja, gerne, aber nicht Kulturattaché, besser wäre „Konsulent“. Das war ein USP – ein Österreicher, der nicht Finnisch spricht, in so einer Funktion. Finnland: ein Leuchtturm der Weltoffenheit! Und es gab ein recht hohes Kultur-Budget: 20 bis 23.000 Euro pro Jahr. Zehn Jahre später: 10.000, dann 3.000, zuletzt 2000.

In Festtagsreden for Dummies habe ich gefunden: Nicht das Kernthema vergessen, sonst wirkt die Festtagsrede austauschbar. Auf alle Fälle Wertschätzung und Bewunderung ausdrücken.

Wertschätzung: Die ÖFG – das war für mich:

Ex-Botschafter Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein(von 1971 bis 1978 in Finnland), ab 1991 Präsident der ÖFG.

Publicity-wirksam wurde das 40-Jahr-Jubiläum gefeiert – gemeinsam mit der Botschaft. Die ÖFG, Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein UND die Botschaft mieteten den Brahmssaal. Das Kammermusikensemble der Lahti Sinfonia wurde engagiert, ein Werk von Sibelius wurde sogar uraufgeführt: En saga – diese Symphonische Dichtung für Orchester hatte Janne (also Sibelius) als Oktett für Klarinette, Flöte und Streicher geplant – Skizzen hatte er 1890/91 hier in Wien begonnen; später sollte es ein Septett werden; schließlich wurde es Werk für großes Orchester.

Ein Quintett von Kalevi Aho wurde in Anwesenheit des Komponisten gespielt, ein Buch mit dem Titel Sibelius und Wien der Öffentlichkeit vorgestellt. Nach dem Konzert: ein Empfang in der Residenz.

ÖFG, das war für mich:

Vizepräsidentin Soile SCHÄFER, die bei kaum einer Veranstaltung fehlte.
Der 2. Vizepräsident: der Hüter der Hüte: Direktor Peter KOLLIN.

Ritva Pongracz – Bindeglied zwischen Botschaft und ÖFG.

ÖFG, das war für mich Manfred Allmayer; er war37 Jahre Präsident der ÖFG-Vorarlberg; ein Anruf und schon waren Ausstellungen und Konzerte in Vorarlberg organisiert – in 13 Jahren fünf oder sechs.

Eine Festrede soll zum Nachdenken anregen.

Am 10. Oktober feiert Finnland den Kivi-Tag. Alexis Kivi – und seine Erzählung, wie es offiziell heißt, eigentlich der erste Roman in finnischer Sprache, Sieben Brüder. Die Reaktion auf das Manuskript – 1870? Männer, die saufen, sich prügeln, keine Frauen, üble Schimpfwörter, Kirche und Glaube despektierlich behandelt, schlechtes Finnisch. Wörtlich: „… ein Schandfleck der Finnischen Literatur.“

Einige Male übermittelten mir Botschafter (deren zwei) und Botschafterinnen (deren drei) Klagen – angeblich – aus den Reihen der ÖFG: bitte keine Bücher und Filme, in denen finnische Männer saufen und sich prügeln, keine Schimpfwörter. Das sei schlecht für Finnlands Image. Dieser Meinung war auch eine Botschafterin. Gemeint war Sieben Brüder. Das war in einem Jahr, als FILI (FINNISH LITERATURE EXCHANGE) diesen Roman als Finnlands Aushängeschild für FINNLAND COOL gewählt.

Sieben Brüder – zum ersten Mal aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt, nicht über den Umweg des Schwedischen, publiziert in einem österreichischen Verlag. Der Übersetzer, die FILI-Direktorin und die "Koordinatorin Gastland Finnland" – beides Feministinnen – waren zu einer Veranstaltung in die Hauptbücherei am Gürtel gekommen, Burgschauspieler Markus Hering las Ausschnitte. Woher die Abneigung? Das Buch war in Finnland Schullektüre – Saufen und Prügeln am Anfang, am Ende des Buches werden aus den Brüdern Menschen? Wie? Sie lernen lesen. Saufen und Prügeln geben sie auf – zumindest zeitweise.

[8:00]

Eine andere Reaktion (eigentlich eine Dienstanwesisung): Bitte nie wieder einen finnischen Film mit so viel Blut und Toten für das Nordische Filmfestival in der Wiener Urania auswählen (ein Film in der Tradition der Splatter Filme und der Wildwestfilme; Thema war gewaltsame Inbesitznahme von Land - die Kolonialisierung Finnlands). Im selben Atemzug wurde mir von der Botschafterin von zwei wunderschönen Opernabend vorgeschwärmt. Was wurde denn gegeben? Verdi: Macbeth – und die Oper Hamlet von Ambroise Thomas. Aha: 11 Tote: 9 Männer, 2 Frauen.

Der Huchen stirbt aus, Buchen und Bücher sterben aus? Was tun? ÖFG mit ÖFG fusionieren?

Ich wünsche der ÖFG weitere 60 Jahre – 2083! Zwei Jahre nach der nächsten totalen Sonnenfinsternis – sie ist in Wien am 3. September 2081 sichtbar.

Eine Aufgabe der ÖFG ist Kulturvermittlung; zuletzt also 70 Sekunden Finnisch für Anfänger; der große finnische Geiger Pekka Kuusisto gab im August 2016 in der Royal Albert Hall im Rahmen der Proms in London ein Konzert. Als Zugabe vor 5000 spielte er den Botschafter seines Landes – und gab Finnisch-Unterricht:

Zuspielung: Pekka Kuusisto, Violine und Gesang; BBC Scottish Symphony Orchestra; Volkslied aus Karelien: Minun Kultani Kaunis On / My Darling is Beautiful (5. August 2016; Royal Albert Hall, BBC Proms, Zugabe)
https://www.youtube.com/watch?v=gpN2k5zz81o

My darling is beautiful
Although she is slender
My darling is beautiful
Although she is slender

Hey, laa-la-la-lallaa-laa
Although she is slender
Hey, laa-la-la-lallaa-laa
Although she is slender

When I take her to a market
Even horses laugh
When I take her to a market
Even horses laugh

Hey, laa-la-la-lallaa-laa
Although she is slender
Hey, laa-la-la-lallaa-laa
Although she is slender

Ich riskiere bei allen mit Finnischer Muttersprache ein mildes Lächeln, wenn ich sage: KIITOS!

Peter Kislinger 60 Jahre ÖFG Festrede — P.K. Pasticcio