P. Kislinger: Musikwunderkammer Suomi (2002)
Zauberformel «Hyvä musiikkisuhde» | Musikwunderkammer Suomi Auffallend viele Namen von Dirigenten, Orchester und Solisten aus Suomi zieren Festivals moderner Musik, Wettbewerbe, CD-Fachzeitschriften, Konzertprogramme. Dies ist kein Zufall. (Ein Artikel aus dem Jahr 2002)
NZZ am Sonntag, 18. August 2002
Peter Kislinger
(Das war die erste Fassung des vom Kulturedakteur der NZZ am Sonntag bestellten Artikels; nach einigen Emails und Telefonaten lieferte ich eine 2. Fassung; einmal ersuchte er mich um eine Kürzung des letzten Absatzes, dann um eine Ergänzung ("wir haben jetzt doch etwas mehr Platz"). Letzer Anruf: "Haben Sie etwas dagegen, wenn wir Ihr Honorar um (XY) Franken erhöhen?"
Zauberformel «Hyvä musiikkisuhde»
Musikwunderkammer Suomi
Auffallend viele Namen von Dirigenten, Orchester und Solisten aus Suomi zieren Festivals moderner Musik, Wettbewerbe, CD-Fachzeitschriften, Konzertprogramme. Dies ist kein Zufall.
Die englische Komikertruppe „Monty Python“ brachte in drei monoton gesungenen Strophen unter, was Finnland der Welt zu bieten schien: Ponyreiten, Campieren, Frühstücken, und nach dem Abendessen Fernsehen. Wenig Aufregendes, mehr Aufragendes: Baumwipfel. Führend in der Kategorie „unbeliebtestes Reiseland“? Da wurde Finnland von Belgien auf Platz zwei verwiesen. Süffisantes Resumée: „Finland has it all.“
Gut 30 Jahre später gibt sich Finnland in der EU heuer nur Liechtenstein geschlagen: Zweiter beim Budgetüberschuss. Gemeinsam mit NOKIA oder dem Rennfahrer Häkkinen haben sich E-und U-Musik aus Finnland als global players etabliert. Geht es nach dem Pianisten und Dirigenten Wladimir Aschkenazy, kommt der Weltmeister im Komponieren aus dem Land der - neuesten Forschungen zufolge - 179.824 Seen. Für ihn ist Einojuhani Rautavaara (*1928) „der führende Komponist der Welt.“
Kaum ein Festival moderner Musik, kaum ein Wettbewerb, kaum eine CD-Fachzeitschrift ohne Dirigenten, Orchester und Solisten aus Suomi. Nüchterner: An finnische Komponisten wurden 2001 für Aufführungen ausserhalb Finnlands um 37% mehr an Tantiemen als 2000 angewiesen, meldet das Urheberbüro „Teosto“, das waren 2,5 Millionen €. 70% aller skandinavischen Orchester vertrauen finnischen Chefdirigenten. Mehr als 60 finnische Musik-Festivals werden jährlich von 1,5 Millionen Menschen besucht. U- wie E-Musikcharts sind finnlandisiert. Rautavaaras „Angel of Light“ (seine 7. Sinfonie) verkaufte sich 1996 weltweit innerhalb von drei Monaten mehr als 20.000 Mal.
Sportive Vergleiche findet auch der Komponist Kalevi Aho (*1949) - „a neglected genius“ (Record Review, Juli 2002). „110 Komponisten, davon etwa 60, die mit dem Orchesterapparat umgehen können - ein Komponist für 40.000 Einwohner! Das ist Weltrekord. Und 28 Orchester für 5 Millionen Finnen.“ Der nach den 70er Jahren schon zweite Opernboom bescherte dem Land vor zwei Jahren 16 Uraufführungen. „Für Komponisten gibt es kein besseres Land.“ Jedes Orchester gibt an die 40 Uraufführungen pro Jahr von meist finnischen Komponisten. Da hilft - vermutlich wieder Rekord - das dichteste composer-in-residence-System der Welt. Zehn Orchester arbeiten intensiv mit solchen Hauskomponisten.
Auch Kai Amberla vom Finnischen Musikinformationszentrum zählt bei Orchesterkonzerten mehr als eine Million Besucher und reklamiert gleich einen weiteren Weltrekord. „Das sind 20% der Gesamtbevölkerung. Es besteht also ein Bedarf an Sinfonieorchestern. Kein Politiker kann den ignorieren.“ Die Finanzen der Orchester? „Sehr gut“. Den Orchestern ist staatliche Finanzierung von 25% des Umsatzes gesetzlich zugesichert. „Nirgendwo sonst gibt es ein Sinfonieorchestergesetz. Ein Finne,“ witzelt er, „macht sich strafbar, wenn er kein Orchester unterstützt!“ Ein Orchester muss „professionell“ sein, es muss „regelmässig“ konzertieren, und eine Körperschaft muss das Grundbudget garantieren, um an diese staatlichen Mittel zu kommen. Dasgealng zuletzt „Avanti!“ in den 90er Jahren. 22 Sinfonieorchester, eine Big Band und eine Folk Music Gruppe naschen seither mit. Einige wenige sind verärgert, weil ausgeschlossen; der Kuchen wird nicht größer, aber immerhin nicht kleiner.
Verwunderlich, denn die globale Sparwut trifft doch sonst allererst, womit man sich gerne schmückt, aber wofür niemand zahlen möchte - „Kunst und Kultur“. Gleichgültig, mit wem man in Finnland spricht, begründet wird die Sonderstellung der Musik mit dem 1957 verstorbenen Jean Sibelius, für viele mittlerweile neben Gustav Mahler der zukunftsweisendste Sinfoniker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde zum Symbol des Unabhängigkeitskampfes gegen Schweden und Russland. Spätestens seit der sinfonischen Dichtung „Finlandia“ (1899) haben Komponisten jene nationale Bedeutung, die anderswo Dichtern zuteilwird. „Bildende Künstler und Theaterleute ärgern sich ein wenig,“ versteht Amberla die Konkurrenz, „Musik bekommt mehr Geld, selbst die Medien haben Respekt vor Komponisten.“
Das Wunder wundert in Finnland niemanden. “Finnland begann vor etwa 30 Jahren in die Musikerziehung zu investieren. Erziehung braucht 20 bis 25 Jahre, bevor sie wirkt.“ Was wirkt? Ein dichtes „Netzwerk“ an privaten Musiklehranstalten, das das Land überzieht. „Von Helsinki bis über den Polarkreis hinaus sichert es allen interessierten Kindern homogenisierte Musikerziehung.“ Der Staat bietet allen Bürgern Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge - auch Musikmachen und -hören definiert der Gesetzgeber als Grundbedürfnis. 150 Musikschulen, elf Konservatorien und die drittgrösste Musikuniversität Europas sind also schlicht Dienstleistungsbetriebe. Finnland investiert 300 Millionen € an Direkt-Subventionen in „Kultur“ (85 Mill. € in Musik) - per Kopf 50% mehr als Frankreich.
Der in Oberösterreich geborene Herman Rechberger lebt, komponiert und unterrichtet seit 30 Jahren in Finnland. Er formuliert das finnische Musikparadoxon so: „U-Musik ist, was populär ist, aber bei uns ist E populär!“ Rechberger hat von der Neugier an Musik profitiert und einiges dazu beigetragen. „Der Szene hier ist es gelungen, sich ein Publikum zu schaffen; wir gehen seit Jahren mit Workshops in die Schulen. Jugendliche lernen Musik machen und entwickeln dabei strukturelles Hören. Später mit Musik von Zeitgenossen konfrontiert, werden sie nicht so taub sein, wie jemand, der nur Mozart oder Bruckner kennt. Erziehung wirkt.“ Und, würde ich hinzufügen, eine relativ kurze Musiktradition mit Hörern, für die Mahlers „Auferstehungssinfonie“ oder die späten Beethovens opus 111 ebenso neu sind wie Lindbergs jüngster Orchesterknüller.
Auch der Aufstieg „des größten Dirigententalents aller Zeiten“, wie Daniel Barenboim urteilt, des 22-jährigen Mikko Franck, verdankt sich diesem zentral finanzierten, aber lokal organisierten Netzwerk, das es Jorma Panula, dem Leiter der Dirigentenklasse an der Sibelius-Akademie Helsinki, erst ermöglichte, zwei Generationen an Dirigenten-Weltstars heranzubilden. „Geigenunterricht mit fünf an der örtlichen Musikschule, bald Geige im Jugendnationalorchester.“ Fast jede Musikschule hat ein Sinfonieorchester; für Kinder ist es nichts Besonders, in einem Orchester zu spielen. Wenn man aber Dirigent werden möchte, „ist das Instrument, das man üben muss, das Orchester. Wer Lust hat, darf einmal im Jahr zwei Minuten das Orchester der Dirigentenklasse der Sibelius-Akademie dirigieren - ein Orchester en miniature mit allen Instrumenten.“ Franck dirigierte eine Haydn-Sinfonie, „einen Tag vor meinem 16. Geburtstag.“ Panula lud ihn auf der Stelle ein, sein Privatschüler zu werden. „Nach einem Jahr wurde ich in die Dirigentenklasse aufgenommen. Ein Jahr darauf stand ich vor grossen Orchestern, zuerst in der Provinz, mit 18 arbeitete ich mit dem Helsinki Philharmonic. Das war´s auch schon.“
Bei Sättigung des Binnenmarkts bleibt nur der Export. International, sagt Rechberger - bereits vom finnischen Understatementvirus angesteckt - habe sich Musik aus Finnland „ein wenig eingeschmuggelt durch diese Dirigiergrössen. Salonen, Saraste, Segerstam, Oramo und Franck programmieren Musik von Lindberg, Saariaho, Kaipainen, Salonen und Rautavaara.“ Was mir aber immer noch nicht den schwungvollen Kompositions-Export erklärt. Bedient Musik aus Finnland etwa den von Th. W. Adorno so verachteten „Ressentimenthörer“? Aho nennt mir einen wichtigeren Grund. Bei nur 5 Millionen Einwohnern fühle er sich verpflichtet, eine Sprache finden, die für den Durchschnitt nicht zu fremd ist. „Ich komponiere nicht für Festivals moderner Musik, meine Musik gehört ins normale Konzert. Wir schreiben für unsere Zeit und trotzdem, nein deshalb, müssen wir Zuhörer erreichen.“ Aho, der „moderne Musik schrecklich unmodern und altmodisch“ findet, beherrscht virtuos alle Stile, alle Techniken und weiss sie dramaturgisch einzusetzen. Er hat keine Angst vor dem Vorwurf des Ekklektizismus, „solange die Idee originell ist“ - ja er fordert sogar „unreine Musik“.
Vom Hochleistungssport zum Breitensport. Kari Kurkela von der Sibelius-Akademie ist Projekt-Leiter einer Studie über die Effizienz der Musikerziehung. Will Finnland Euromusterland der Musik bleiben, müssen Reformen her. „Knapp zwei Prozent der Kinder werden Berufsmusiker. Mehr braucht das Land nicht. Die Berechtigung des Systems liegt also nicht bloss darin, Menschen die Kunst des Musikmachens beizubringen. Die Liebe zur Musik soll ein ganzes Leben halten.“ Lassen sich denn Berufsausbildung mit therapeutischem Ziel oder Liebhaberei vereinen? „Deshalb leisten sich Staat und lokale Gemeinden die Musikschulen. Alle haben verstanden, selbst die Politiker, dass man in der Musikerziehung mit `zielorientiertem Management´, mit Leistungsvorgaben und ´objektivierter Evaluation´ nicht weit kommt. Hat ein Kind das Zeug zum Virtuosen, gut. Wird es glücklich damit, „Für Elise“ zu klimpern, auch gut.“ So hat das „MusikSchulenEntwicklungsProjekt“ den Begriff „hyvä musiikkisuhde“ geprägt. Das hört sich auch auf Deutsch so unbefriedigend wie ein unaufgelöster Akkord an - „gutes Verhältnis zur Musik.“ Ist Wohlbefinden allein nicht doch ein bescheidenes Ziel? „Sicher. Oft nimmt man ja Entbehrungen in Kauf, um etwas zu erreichen. Wie im Sport. Aber es war dann die freie Entscheidung des Kindes, etwas zu lernen. Das ist ein wichtiger Beitrag der Musikerziehung.“
Komponisten, Musiker, Funktionäre, Politiker und Publikum sind zufrieden; neue Konzertsäle in Kuhmo, Tampere, Turku und vor allem Lahti heimsen Lob für Architektur und Akustik ein. Im Zentrum von Helsinki, gegenüber dem Parlament, zwischen dem Museum moderner Kunst und Alvar Aaltos 30 Jahre alter „Finnlandia Halle“ - ein Architektur-Juwel, aber Akustiker-Flop - wird ein neuer Konzertsaal gebaut. Finnland, das Gelobte Land der Musik? Rechberger kann mit dem Boom gut leben, aber „manches ist fast schon mafios.“ Widerstrebend wird er konkreter. „Es gibt mehr, mindestens ebenso gute, Komponisten als die paar, die immer zum Zug kommen. Es gibt da Ensembles, die Musik nur von gewissen Komponisten spielen, eine Gruppe schart sich um einen berühmten finnischen Dirigenten, das erregt etwas Ärgernis.“ Namen? „Lindberg, Saariaho, Salonen.“ Die sich unmittelbar mitteilende, trotzdem „zeitgemässe“ Musik eines Aho oder Mikko Heiniö scheint auch mir sträflichst vernachlässigt. Ilkka Oramo von „Avanti!“ kontert, dass diese beiden in Lahti bzw. Turku ihre Nischen hätten. Sonst keine Schatten? „Es gibt,“ so Rechberger verschmitzt, „so etwas wie einen Neuheitsfimmel.“ Ein Schatten, in dem sich hörbar arbeiten lässt. Wie singen doch Monty Python? „Finland has it all.“
Peter Kislinger, Dr. phil. (freier Journalist, u.a. Mitarbeiter von Ö1/ORF, lebt in Wien)