Die Österreichische Musikzeitschrift( ÖMZ) widmete im Jahr 2002 (Jahrgang 57, Heft 3–4) einen speziellen Länderschwerpunkt dem "Musikland Finnland". Mein Artikel mit dem Titel "Land der 179.824 Seen und 110 Komponisten" versuchte den Gründen für den auffälligen Erfolg finnischer Musiker, Dirigenten und Komponisten nachzugehen.

Die Österreichische Musikzeitschrift( ÖMZ) widmete im Jahr 2002 (Jahrgang 57, Heft 3–4) einen speziellen Länderschwerpunkt dem Musikland Finnland.

Peter Kislinger

Land der 179.824 Seen und 110 Komponisten

Finnland ist ein Land mit fünf Millionen Einwohnern, das in Zeiten heißer und kalter Kriege vom englischen Premier Harold Macmillan stellvertretend für viele „manchmal bewundert, oft belächelt, aber niemals beneidet“ worden ist.

Aus diesem Land haben sich im letzten Jahrzehnt neben dem Kommunikationsgiganten NOKIA die Eiskockeynationalmannschaft, Fußballer Jari Litmanen und Sami Hyypiä (im Mutterland des Fußball, beim FC Liverpool!), die Ralley-Weltmeister Tomi Mäkinen und Marcus Grönholm, Ski-Slalomweltmeister Kalle Palander und Formel-1-Rennfahrer Mika Häkkinen als global players etabliert - und: zeitgenössische E- und U-Musik aus Finnland. Wladimir Ashkenazy ist gar davon überzeugt, daß nicht nur der Slalomweltmeister aus Finnland kommt. Für ihn ist der 73-jährige Einojuhani Rautavaara „der führende Komponist der Welt.“

Dies mag vielen abwegig scheinen, aber Finnland scheint zumindest das Euro-Musterland der Musik zu sein. Jüngste Exportartikel sind Bariton Markus Nieminen, die Mezzos Monica Groop und Lilli Paasikivi, die Sopranistinnen Soile Isokoski, Karila Mattila und Helena Juntunen. Daß Finnland nicht nur das Land der Bässe ist, beweisen die Tenöre Jorma Silvasti und Heikki Siukola. Die Solisten Ralf Gothoni und Olli Mustonen (Klavier), Antti Siirala (Gewinner des Beethoven Klavierwettbewerbs, 1998), Reka Szilvay, Jaakko and Pekka Kuusisto (Violine) bzw. die Akkordeonvirtuosen Maria Kalaniemi und Elina Leskelä beschreiten auch in der Programmgestaltung neue Wege.

Festivals, nicht nur zeitgenössischer Musik, werden von Musik aus Finnland dominiert (etwa das Schleswig-Holstein Festival 2001), auch internationale Charts von U- und E-Musik sind finnlandisiert. Einojuhani Rautavaaras Angel of Light, seine 7. Sinfonie, verkaufte sich 1996 weltweit innerhalb von drei Monaten mehr als 20.000 Mal auf CD. (Zum Vergleich: Harnoncourts kritisch gewürdigte Aufnahme der Brahms-Sinfonien fand innerhalb von sieben Monaten ganze 600 Käufer.)

Nicht bloß die Sinfonie-Orchester aus Helsinki (Helsinki Philharmonic und RSO Finnland), auch Orchester aus der Provinz sind Weltspitze. Sinfonia Lahti unter Osmo Vänskä setzt mit der Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Jean Sibelius und dem Gesamtwerk (darunter den 11 Sinfonien) von Kalevi Aho neue Interpretations- bzw. Verkaufsmaßstäbe; das Ostbottnische Kammerorchester Avanti! zählen zu den Top-Kammerorchestern der Welt. Mehr als die Hälfte der skandinavischen Orchester wird von finnischen Dirigenten geleitet, Salonen, Saraste, Vänskä, Oramo, Peteris, Franck u.a. stehen internationalen Ensembles vor.

Nach dem („Pelzmützen-)Opern-Boom“ der 70er und 80er Jahre (Werke von Joonas Kokkonen, Aulis Sallinen, Einojuhani Rautavaara), verzeichnen Opernmarktbeobachter einen erneuten Boom. Alleine im Jahre 2000 gab es 16 Opernuraufführungen (darunter Kaija Saariahos L´amour de loin bei den Salzburger Festspielen und Aulis Sallinens King Lear in Helsinki; Tuomas Kantelinens Sportoper über die Lauflegende Paavo Nurmi wurde im Olympiastadion Helsinki uraufgeführt und von ARTE im September 2000 ausgestrahlt). Kalevi Ahos Bevor wir alle ertrunken sind erlebte heuer am 8. Februar in Lübeck ihre deutschsprachige Erstaufführung. Rautavaaras Rasputin, ein Auftragswerk der Nationaloper Helsinki, soll am 16. September 2003 uraufgeführt werden.

In menschenleeren Gegenden Finnlands werden Kammermusikfestivals veranstaltet und gestürmt („Kuhmo - Mekka der Kammermusik“, The Independent), zeitgenössische Musik ist chic, nicht nur im Ghetto, Städte wetteifern im Bau von Konzertsäalen.

Auf die Frage „Was ist typisch finnisch?“ haben kürzlich 80% der Befragten „Patriotismus“, „Nationalbewußtsein“ und „militärische Verteidigungsbereitschaft“ genannt, dann gelten - noch vor Schriftstellern und bildenden Künstlern - Komponisten als „unverzichtbar“ fürs Finnischsein.

Jedem Finnen seine Sauna - und sein Komponist

Von den gegenwärtig 110 Mitgliedern des Finnischen Komponistenverbandes sind etwa 100 „Kunstmusikschaffende“ - etwa 50 oder 60 sind künstlerisch in der Lage, mit einem großen Orchesterapparat etwas anzufangen,“

sagt Kai Amberla (bis Sommer 2001 Leiter des Orchesterverbandes, mittlerweile Leiter des Finnischen MusikInformationsZentrums). Das ist nicht nur Weltrekord, sondern auch mustergültig demokratisch, denn damit versorgt, bei knapp mehr als 5 Millionen Einwohnern, ein Komponist 40.000 Finnen mit zeitgenössischer „Kunstmusik.“ Die 28 vom Orchesterverband vertretenen Berufsorchester sorgen bei den Komponisten für volle Auftragsbücher. Es gibt zwar nur ein Opernhaus, die Nationaloper Helsinki, aber: „Für einen noch lebenden Komponisten, da bin ich ganz sicher, ist Finnland das beste Land auf der ganzen Welt“, sagt Kalevi Aho (geb. 1949), der gemeinsam mit Magnus Lindberg, Kaija Saariaho und Pehr-Henrik Nordgren außerhalb Finnlands meist beachtete Komponist seiner Generation.

Kai Amberla freute sich im Gespräch, das ich im August 2000 mit ihm führte, über eine Million Konzertbesucher (1999). „Besucherweltrekord,“ bemühte er wieder die Sportwelt, statistisch annähernd 20% der Bevölkerung. Wichtiger ist ihm, daß kein Politiker behaupten kann, Orchester seien bildungsbürgerliches, elitäres Spielzeug, Hochkulturpolemiken bringen keine Wählerstimmen. Trotzdem gelang in der unter 20% Prozent Arbeitslosigkeit leidenden Industriestadt Lahti, 100 km nördlich von Helsinki, nur mit einer Stimme Überhang der Bau einer der akustisch besten Konzertsäle der Welt. Es half zunächst wenig, daß der New Yorker Akustik-Guru Russell Johnson und seine Artec „sensationell billig“ arbeiteten. Quasi esitando begannen Provinzpolitiker, Geschäftsleute und Unternehmer die Rentabilität des musikalischen Umwegs zu verstehen. Nicht nur Sponsoren der Sinfonia Lahti finden es mittlerweile ultracool, am weekend mit Geschäftsfreunden aus Helsinki nach Lahti ins Konzert zu fahren, etwa zum Sibelius-Festival, das vom 19.-22. September 2002 bereits zum dritten Mal Sibelianer aus aller Welt anlocken wird.

Das Orchestergesetz

Die Finanzen der finnischen Orchester werden als „gut,“ nach kurzer Pause als „eigentlich sehr gut“ angegeben. 25 % der Mittel pro Orchester kommt vom Steuerzahler, die Städte und Regionen sorgen für 60 %, aus direkten Einnahmen stammen 15 %. Das stellt das US-amerikanische und britische System, das nicht wirklich funktioniert, praktisch auf den Kopf.

Ein eigenes „Orchestergesetz“ sichert Orchestern und deren künstlerischen Leitern Kontinuität. Schließlich muß nicht jedes Jahr um Subventionen gerungen werden. Suomi ist gewissermaßen das einzige Land, in dem es illegal ist, kein Orchester zu unterhalten - ist ein Orchester gegründet, hat es Anspruch auf Unterstützung.

Jedes der 28 Orchester meldet pro Jahr 30 bis 40 Uraufführungen von in der Regel finnischen Komponisten, dazu trägt - wieder ein Rekord - das dichteste composer-in-residence-System der Welt bei. Zehn Orchester arbeiten intensiv mit einem solchen Hauskomponisten. In Lahti ist das niemand Geringerer als Kalevi Aho, der bisher vier Sinfonien und eine ganze Reihe von Instrumentalkonzerten und Kammermusiken der Sinfonia Lahti auf den Leib geschrieben hat, mit dem nördlichsten Sinfonieorchester der Welt, dem aus Oulu, arbeitet Olli Kortegagans.

Zwar stammen 15% der aufgeführten Musik von Zeitgenossen, doch für diese ist das magerer „nordischer Durchschnitt,“ keine Spitzenleistung ... Auch Kai Amberla hörte gerne 25%. Nicht nur für ihn sind zeitgenössische Musik und Uraufführungen oft der einzige Grund für einen Konzertbesuch, und er weiß aus Umfragen, daß nicht nur „die Jugend“ moderne Musik „einfach sexy“ findet.

Der Staat und seine Komponisten

In Mitteleuropa glaubt das Publikum zu wissen, wie Musik zu sein hat. Komponisten in Finnland, waren sie einmal dem „Schatten Sibelius“ (so der Titel von Einar Englunds Memoiren) entkommen, konnten sie eine neue Tradition schaffen. Neue Musik - für viele Konzertbesucher ist das Beethovens Fünfte genauso gut wie das jüngste Werk Lindbergs. „Unser Publikum ist noch unschuldig, wir sind ja erst so an die 100 Jahre im Musikgeschäft. Die Orchester müssen sich trotzdem etwas einfallen lassen, nur Sibelius wird zu wenig sein. Sie leben von Komponisten, besonders zeitgenössischen, und diese sind gefordert, mit dem Publikum zu kommunizieren.“ Die composers-in-residence tun genau das in Gesprächskonzerten, Vorträgen, und - Beispiel Aho - sind sich nicht zu schade, Kolumnen in Provinzblättern zu schreiben.

Während sich viele Orchestermusiker außerhalb von Helsinki aus finanziellen Gründen zu unterrichten gezwungen sehen („überraschend, daß so viele den Beruf ergreifen“, wundert sich Amberla), erhalten „alle guten Komponisten“ Staatsstipendien - steuerfrei und bis zu fünf Jahre. Die letzten 15-Jahrstipendien laufen eben aus, die Gesamtobergrenze beträgt 20 Jahre. „Man kann davon leben und sich völlig aufs Komponieren konzentrieren“, sagt Aho, der sich auch mit zahlreichen musikwissenschaftlichen und musikhistorischen Publikationen einen Namen gemacht hat und kulturpolitischen Polemiken nicht aus dem Weg geht. Stipendien ohne Bedingungen? Doch: ein „gewisser Zwang zur Produktivität.“ Ein alle drei Jahre wechselnder Ausschuß unterstützt die Muse und sisu, die finnische Nationaltugend (etwa List, Zähigkeit, Ausdauer). Keine Mißklänge? „Auch in Finnland geht es menschlich zu, und die Konkurrenz ist groß - schließlich sind auch Jazz-, Folk- und Popmusiker, die fast durchwegs das Musikausbildungssystem bis zur Sibelius-Akademie durchlaufen haben, stipendiatsberechtigt. Es funktioniert sehr gut.“ „Staatskünstler“ - ein Schimpfwort? Nein, sagt Aho. Ein Land von der Größe Finnlands bringe einfach nicht das nötige Privatkapital für Sponsoren auf. Kunst braucht Staat, Staat braucht Kunst.

Staatsräson und musikalische „grass roots Bewegung“

Professor Kari Kurekela, Leiter des Forschungs- und Entwicklungsprojekts für Musikschulen (MOP) an der Sibelius-Akademie, nennt für den hohen Imagewert von Musik wie Musikern, für Talenteüberschuß und den daraus resultierenden Kulturexport drei Gründe.

Da ist zum einen die politische Rolle, die Jean Sibelius für die Unabhängigkeit, das Selbstbewußtsein und die nationale Identität um die Jahrhundertwende und bis zum Ende des 1. Weltkriegs gespielt hat. Sibelius aber hatte bloß das finnische Nationalepos, das Kalevala, studiert. Dessen größte Helden sind nicht adoleszente Raufbolde, keine weisen alten Männer, sondern „Sänger.“

Wirksamer waren wohl nüchterne, nämlich administrative bzw. kulturpolitische Entscheidungen. Ein engmaschiges, hervorragendes Erziehungssystem, in das vor mehr als 30 Jahren investiert wurde, und das „Orchestergesetz“ tragen jetzt Früchte. Die „jüngere Generation ist wesentlich besser“ und namentlich „die Qualität unserer Orchester hat höchsten internationalen Standard hat.“ Der Staat hatte sich zunächst verpflichtet, „menschliche Grundbedürfnisse“ abzudecken. Darunter verstand die Verfassung das „Recht auf Erziehung, Gesundheitsvorsorge und Altersvorsorge.“ In den späten 60er Jahren kamen Kunst und Kultur hinzu. Büchereien - mit gut bestückten Musikabteilungen - und „Zugang zu Bildung und Information“ sind frei.

Das „Netzwerk“ der Musikschulen ist neben der Holzverarbeitung, der sozialen und ökonomischen Wirklichkeit hinter dem Slogan „connecting people“ und dem Geheimnis des richtigen Sauna-Aufgusses zum internationalen Studienobjekt avanciert. Entstanden aus lokalen Bedürfnissen, am Leben erhalten vom Staat, ist es einbezogen in das außer Parteienstreit stehende Kunstförderungssystem, das in Form substanzieller Stipendien den „Kulturschaffenden“ Arbeit jenseits von Marktzwängen sichert. Politiker, Kulturbeamte, Musikpädagogen an der Sibelius-Akademie bzw. an der Universität Helsinki und Journalisten sind sich einig: Das finnische Musikwunder verdankt sich diesem dezentralen Ausbildungssystem, dieser staatlichen „musikalischen grass roots Bewegung.“ Und auch der Lehrplan wird stärker als bisher von den etwa 100 Musikschulen inhaltlich selbst bestimmt werden.

Das Netzwerk

Das vor mehr als 30 Jahren verabschiedete „Musikschulgesetz“ sicherte Musikschulen unter gewissen Bedingungen staatliche Hilfe zu. 1999 wurde es durch ein Gesetz allgemeiner Kunstförderung ersetzt, das den Schulen größere Freiheiten, vor allem in der Leistungsbeurteilung, gibt.

54 % der Musikschulen werden von städtischen Gemeinden oder Gemeindeverbänden, 35% von privaten Förderern unterhalten.

60.000 Schüler, davon 66 % Mädchen, erlernen pro Jahr „die Kunst, Musik zu machen.“ Die von Prof. Kurkela gewählte Formulierung zwingt bewußt Handwerkszeug und Kreativität zusammen, oder, um beim Sport zu bleiben, Breitensport und Spitzensport.

Dem finnischen Staat ist die Abdeckung des „Grundbedürfnisses Musik“ mehr als 85 Mill. EURO wert, davon entfallen fast 80 % auf Gehälter und Honorare der Unterrichtenden; in jeden Musikschüler investiert der finnische Staat etwa 1.300 EURO.

Pro Schüler schießen Staat und Gemeinden 40 % fürs Schulgeld bei, der Rest kommt von den Schülern. Jährlich beginnen 10. 000 Kinder mit dem Unterricht, etwa 5000 müssen aus Platzmangel abgewiesen werden, an die 7 % schließen das erste Jahr nicht ab, davon 70 % Mädchen. Das am häufigsten erlernte Instrument ist nicht die Kantele, das Nationalinstrument, die finnische Zither, sondern das Klavier, gefolgt von der Geige.

Absolventen der Sibelius-Akademie und der Universität unterrichten auf allen Stufen, an den „Instituten“ („Konservatorien“ vergleichbar) bzw. an den Schulen für die Jüngsten. Die Prüfungen werden von einer Hochschul-Jury abgenommen. Ein „vergleichsweise leicht zugängliches System von Meisterkursen garantiert, daß bereits 14-Jährige bei Spitzenpädagogen lernen,“ sagt der in Finnland lehrende österreichische Geiger Konstantin Weitz.

Die Karriere von Mikko Franck, des mittlerweile zum Chefdirgenten des Belgischen Sinfonieorchesters avancierten 24-jährigen jüngsten Dirigentenstars aus Finnland, ist ein gutes Beispiel, kein Einzelfall, wie er mir erzählte. Mit 12 Jahren oder früher bekommt, wer will, die Möglichkeit Kinder- und Jugendorchester zu dirigieren. Francks Ausbildung begann in der lokalen Musikschule, Geigenunterricht. So wie andere Kinder Lokführer, so wollte Franck schon bald „Orchesterführer“ werden. 1995, einen Tag vor seinem 16. Geburtstag, ergriff er die Gelegenheit. Ein Mal pro Jahr darf sich jeder an der Sibelius-Akademie zwei Minuten vor dem Studentenorchester mit einem Instrument präsentieren. Franck ergriff den Taktstock und dirigierte „etwas von Haydn.“ Der legendäre Leiter der Dirigierklasse Jorma Panula (bei ihm lernten ihr Handwerk u.a. Segerstam, Salonen, Saraste, Vänskä, Oramo) lud ihn auf der Stelle ein, sein Privatschüler zu werden. Nach Stationen in der Provinz dirigierte er mit 19 das Helsinki Philharmonic. Sicher, bei 5 Millionen Einwohnern spricht sich Begabung schnell herum, aber entscheidend, betonte Franck 2000 nach seinem Wiener Debüt (bei einem Jeunesse-Konzert), sind Aufgeschlossenheit und regelmäßige Meisterklassen mit lokalen Orchestern. Das Instrument des Dirigenten ist nun einmal das Orchester. „In 1997, I started working internationally - that was it“.

Nicht mehr als 2 % von allen, die vom „Netzwerk“ Gesangsschulung erhalten, ein Instrument erlernen, sich für Orchesterspiel begeistern bzw. erste theoretische Kenntnisse erwerben, wollen den Weg Francks gehen. Kari Kurekela: „Mehr als diese 2% braucht dieses Land auch nicht.“ Nun verstehen die Schulen die Herausforderung, daß sie gerade den verbleibenden 98 % verpflichtet sind; und da das „Netz“ ja offensichtlich „Amateure“ ausbildet, sollten sie sich tatsächlich zu veritablen Musikliebhabern entwickeln. Aber wie?

Die Sibelius-Akademie und die elf finnischen Konservatorien führten 1998 und 1999 ein umfängliches Evaluationsprojekt durch. Ziel war, Schwachstellen in einem von allen ohnedies als befriedigend und erfolgreich beurteilten System zu finden. Am einen Ende des Kontinuums sieht Kurkela „objektive Zielvorgaben und Erwartungen“, am anderen Ende „eine lebenslange Beziehung zu Musik, vielleicht so etwas wie Liebe.“ Am einen steht „das Kind als Werkzeug, das der Schule ermöglicht, ihre Vorgaben zu realisieren, am anderen hat sie beigetragen, ein Potential zu schaffen. Beide Ziele sind zu respektieren.“

Hyvä musiikkisuhde - der Nutzen der nutzlosen Musik

Kurkela hat das wichtigste Ergebnis seines Projekts in den Begriff hyvä musiikkisuhde gefaßt - gute Musikbeziehung. Das hört sich für viele so unbefriedigend wie ein unaufgelöster Akkord an. Wie soll man denn diese „Schüler-Musik-Beziehung“ beurteilen? War es bis vor kurzem die Anzahl der bestandenen Prüfungen, die den staatlichen Geldfluß zum Strömen brachte, so könnte es in Zukunft die Anzahl der Schüler, ja die der abgehaltenen Stunden sein, deren einziges Qualitätskriterium womöglich das „Wohlbefinden“ der Kinder ist. Das wird, so warnen Skeptiker, einerseits schwerlich zu objektivieren sein, andererseits könnten Kinder erst recht instrumentalisiert werden. Erst einmal vertraut das Kulturministerium dem Berufsethos der Lehrer. Bestärkt werden die Beamten darin durch Kurkelas Studien.

Für die Musiklehrerin Katarina Nummi ist das in ganz Finnland harmonisierte Prüfungs- und Qualifikationssystem (das einem z.B. in Lappland Ausgebildeten und Geprüften ermöglicht, sofort an einem der Konservatorien zu studieren) das wichtigste Motivationsmittel. „Wenn Sie Kindern als Ziel ´lebenslange Liebe zur Musik´ vorgeben, so erreichen Sie außer Frust nichts. Nein, Kinder wollen konkrete, in relativ kurzer Zeit erreichbare Ziele.“ Musikunterricht als probates Mittel, Kindern zu zeigen, „daß Freude, Spaß und Können gerichtete Anstrengung über eine längere Zeit zur Voraussetzung haben.“

Katarina Nummi verteidigt auch das ausgeprägte nationale Musikwettbewerbssystem. „Wettspielen ist,“ sieht sie sich von der Evaluation bestätigt, „ähnlich wie Qualifikationsprüfungen kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug und hat großen didaktischen, pädagogischen, nämlich Charakter formenden, auch therapeutischen Wert. Wenn Musikschüler andere spielen hören, dann hilft das ihrer Selbsteinschätzung, sie hören sich selbst mit anderen Ohren. Aber ein Werkzeug kann richtig oder falsch eingesetzt werden. Besser zwei, drei Mal Vorletzter und einmal Sieger sein als einmal Letzter,“ faßt sie ihr Plädoyer zusammen, und es ist zugleich ihre Erklärung für den Reichtum an musikalischen Begabungen, mit dem Finnland die Musikwelt zu überraschen weiß.

Das „Netzwerk“, beharrt Professor Kurkela, muß primär sicherstellen, daß Kinder durch Freude an der Musik zu einer höheren Lebensqualität an sich kommen, ganz im Sinne des aristotelischen „guten Lebens.“ „Aber“, warnt er, „selbst wenn noch stichhaltiger bewiesen wird, daß Musikerziehung den IQ in die Höhe treibt, die Konzentrationsfähigkeit verbessert und soziales Verhalten fördert, würde Musikerziehung ihre eigentliche Aufgabe verfehlen.“ Erinnerung an Musik statt Erinnerung an Musikunterricht.

„Auch zielorientierter Unterricht kann therapeutische Funktion“ haben, versucht Kurkela einen Kompromiß. Er nimmt in Kauf, daß die von ihm empfohlene inhaltliche Freiheit als schwammig abgelehnt wird. Welchen konkreten Lehrplan das „Netzwerk“ brauche, müßten aber die Lehrer, lokal, bestimmen. Es genüge die Maxime: Musik ist Selbstzweck. „Soll das Kind doch selbst bestimmen, welchen Stellenwert Musik in seinem Leben hat. Wenn Beethovens Pour Elise sein Traumziel ist, so soll es darin unterstützt werden.“

Nichts faul im Staat der Musik?

Am häufigsten wird Kritik an den Lehrräumen, an mangelnder Weiterbildung der Lehrkräfte (wovon übrigens 62 % Frauen, 38 % Männer waren) und an der zu geringen Zahl an Freistellen geübt. Das Lehrpersonal in den „abgelegenen Regionen“ erhalte zu geringe Entschädigungen für Anreise und Fahrtkosten, so daß diese Stellen nicht attraktiv genug seien.

Schüler würden zu wenig über andere Instrumente als Klavier oder Geige informiert. Die Autoren der MOP-Studie empfehlen Förderung des Ensemblespiels, freie Begleitung und Improvisation. Konstantin Weitz, erfahrener nationaler und internationaler Juror, hört Mängel „in der individuellen Gestaltung“. Der in Linz-Ebelsberg geborene, seit 30 Jahren in Finnland lebende Komponist Herman Rechberger kämpft schon seit Jahren erfolgreich mit seinen Improvisationsworkshops gegen diesen Mangel (Rechberger war gemeinsam mit Aho und Kortegangas Komponist der bei den Opernfestpielen Savonlinna 2000 und 2001 erfolgreich gespielten dreiaktigen Oper Traum und Zeit und hat soeben eine Kinderoper basierend auf Michael Endes Der Wunschpunsch fertiggestellt).

Knaben bedürfen verstärkter Zuwendung, und Männer sollten verstärkt ermutigt werden, Musikpädagogen zu werden.

Versuche, die Subventionen von „betriebswirtschaftlicher Organisation“ abhängig zu machen und Schulen zu bevorzugen, die „moderne Managementmethoden“ anwenden, werden von der Studie als „extrem zweifelhaft“ bezeichnet.

Und ich behalte meinen Tipp wohl besser für mich, finnische Ski-Langläufer sollten sich nach dem Dopingskandal der WM von Lahti 2001 nach effizienten Trainingsmethoden umsehen und in der Vorbereitungsphase die Kantele zupfen oder Musik ihrer tonangebenden Landsleute hören - Aho, Erik Bergman, Heiniö, Kortegangas, Lindberg, Nordgren, Rautavaara, Saariaho, Sallinen, Rechberger etc. Musik soll ja nutzlos bleiben. Hyvä musiikkisuhde.

P. Kislinger: Land der 179.824 Seen und 110 Komponisten (Artikel aus dem Jahr 2002) — P.K. Pasticcio