P. Kislinger: Grafenegg 2002: "Nordische Saison" | Festival Flyer Editorial
„Festival Grafenegg feiert 20-jähriges Bestehen“ – ja, in der jetzigen hoch subventionierten Form. Ein "Grafenegg Festival" gab es bereits vor 2006. Ein Beispiel: Das Programm Grafenegg 2002 ("Nordische Saison") kuratierte ich auf Einladung der Geschäftsführerin und Kulturmamagerin Yasmin Göker; auch den Text des Flyers verfasste ich.
Dr. Gerhard Großberger, der Gutsverwalter von Grafenegg, überzeugte den Schlossbesitzer Franz Albrecht Metternich-Sándor von seiner Idee, ab 1971 Konzerte und Lesungen in Grafenegg zu veranstalten. Konzerte wurden in den Folgejahren etwa im Gartensaal oder in der Reitschule gespielt. Damals schon auf der Bühne stand übrigens u.a. Rudolf Buchbinder.
Weitere nicht unbekannte Namen: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich; Wiener Symphoniker mit Wladimir Fedosejew (1997 bis 2004 Chefdirigent); Bruckner Orchester Linz unter Dennis Russell Davies, das Alban Berg Quartett; Clemencic Consort; Paul Badura-Skoda, Jörg Demus, Alfred Brendel, Oleg Maisenberg, Nikolai Lugansky (2001), Heinrich Schiff; José Carreras, Edita Gruberova, Dietrich Fischer-Dieskau; Paula Wessely, Attila Hörbiger, Fritz Muliar, Otto Schenk, Klaus Maria Brandauer, Andrea Eckert, Andrea Jonasson, Julia Stemberger, Cornelius Obonya et.al.
Ich „kuratierte“ das Programm 2002 („Nordische Saison“), schrieb (wie schon für die „Russische Saison“ 2001) den Großteil der Programmhefte, alle Texte des Flyers [[[und das Vorwort für / von Herrn Tassilo Metternich-Sándor.]]] Geschäftsführerin war die Kulturmanagerin Yasmin Göker, der ich Vorschläge unterbreitete (Programme, Interpreten, Orchester), aus denen sie die leistbaren auswählte.
Orchester: Lahti Sinfonia unter Osmo Vänskä (zum 1. Mal in Österreich; 2 Konzerte) und das Ostbottnische Kammerorchester unter Juha Kangas (ebenfalls mit 2 Konzerten). Der Großteil der Interpreten ging auf unsere Bitte ein, wenigstens ein Werk aus dem „Norden“ mitzubringen. Das Programm des „Festival Grafenegg 2002“ verdiente sich einen "Heinz-Sichrovsky-Daumen" in NEWS. 2003 zog es Yasmin Göker nach Amsterdam. Nach Jahren im Künstlerischen Concertgebouw-Büro gründete Yasmin Göker-Hilberdink 2018 die Amsterdam String Quartet Biennale und ist deren Intendantin.
Mein marktschreierisches Editorial des Flyers 2002 (Abschnitt über die Künstler)
Herauszufinden, was „das Nordische“ im Einzelnen ausmacht, dazu bietet Grafenegg 2002 mit Weltklasse-Interpreten ausgezeichnete Gelegenheit. Die Programme mischen nordische Alt-Klassiker (Grieg, Sibelius, Nielsen, Kokkonen) und Neu-Klassiker (Rautavaara, Nordgren und Aho sind mit österreichischen Erstaufführungen vertreten und der Lette Peteris Vasks mit einer Uraufführung) mit jenen aus dem Süden, die „immer schon dabei“ waren (Bach, Mozart, Beethoven, Schubert „und Co.“). Natürlich sind auch österreichische Weltstars (die Camerata Salzburg oder Ernst Kovacic, der gemeinsam mit „Hardanger-Fiedlern“ das Geheimnis des norwegischen Nationalinstruments ergründet) und Stars aus anderen Ländern vertreten: Der amerikanische Altsaxophonist John-Edward Kelly spielt in Ahos 3. Kammersinfonie die Hauptrolle - er mischt sich ein, wenn es im 2.Satz heißt: ... ach, ich habe die Rufe der Wildgänse gehört, bevor er im 3. Satz lange Nächte zum Schmelzen bringt und bevor ihn Aho mit einem feuerroten Schiff auf hohe See schickt.
Erstmals gelang es, das finnische Lahti Sinfonieorchester unter Osmo Vänskä nach Österreich zu verpflichten. Die 59 Musiker spielen nicht nur „ihren“ Sibelius, sondern auch die Wiener Klassik „unerhört.“ Vor einer adäquaten Beschreibung der technischen Perfektion und Homogenität des Ostbottnische[n] Kammerorchesters hat noch jeder Rezensent resigniert. Der fast archaisch anmutende Streicherklang erklärt sich durch die Spielmanns-Tradition der Region um Kaustinnen und die einflussreiche Stellung des Dirigenten, des Vegh-Schülers Juha Kangas, der das Ensemble - damals noch als Schülerorchester - 1972 gründete. Keine der über 60 CD-Aufnahmen reicht an den Eindruck spontaner Musikalität heran, der sich im Konzert spielend überträgt.
Literatur aus den nordischen Ländern kommt zu Wort durch vier große Stimmen: Andrea Eckert, Andrea Jonasson, Julia Stemberger und Cornelius Obonya. Der Großmeister der Literaturrecherche, Bestsellerautor Dietmar Grieser, erzählt von drei später „Großen“ Skandinaviens in Österreich.
Eine vom in Linz geborenen, in Finnland lebenden Komponisten Herman Rechberger für Grafenegg und für seine Bäume entworfene Via Sonora lädt vor und nach den Veranstaltungen zum Verweilen, Staunen und Sinnieren ein. [Anmerkung: Das zweite "n" in seinem Vornamen legte er ab, als er die Finnische Staatsbürgerschaft erhielt. Mit dem zweiten "n" konnten "die Finnen nichts anfangen."[